Rehberg: Mit der Leichtigkeit des Seins gegen Wolfsburg

Vfl-Trainer Dieter Hecking muss sich Gedanken darüber machen, wie er das Spiel am Samstag gegen  die 05er gewinnt. Foto: Peter Steffen/dpa

Am Samstagabend geht es für Mainz 05 zum "Zehnmaligerchampionsleaguesieger-Besieger" VfL Wolfsburg. Die Hecking-Elf ist beflügelt von dem 2:0-Erfolg gegen die Königlichen aus...

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. Der FC St. Pauli hatte mal ein T-Shirt entworfen mit der Aufschrift: „Weltpokalsiegerbesieger“. Das war nach einem Triumph gegen den FC Bayern München. Der VfL Wolfsburg hat am Mittwochabend Real Madrid besiegt. Vielleicht denkt man in der Marketingabteilung des Werksklubs nun auch über den Vertrieb von thematisch bedruckten Hemden nach. Ideen dafür ließen sich leicht entwickeln.

„Zehnmaligerchampionsleaguesieger-Besieger.“ Für dieses Motivmotto bräuchte es zweifellos eine breite Brust. Die haben die Wolfsburger nach dem 2:0 gegen die „Königlichen“. Und welchen Slogan würden sich die 05er ausdenken nach einem Bundesligasieg am Samstagabend in der VW-Arena? Na ja, dieser Bandwurm würde dann auf keine Oberbekleidung mehr passen, für diese Aufschrift bräuchte es das Tor einer Doppelgarage.

"Mainz ist jetzt wichtig"

Aber die 05er können auch jetzt schon stolz sein. Was für eine Woche. An diesem Donnerstagabend treffen im Signal-Iduna-Park im Viertelfinale der Europaleague zwei Spitzentrainer aufeinander, die in Mainz erfunden und entwickelt worden sind. In diesem aufregenden Duell zwischen Dortmund-Coach Thomas Tuchel und Liverpool-Coach Jürgen Klopp dokumentieren sich mehr als zwei Jahrzehnte 05-Klubgeschichte. Und am Samstag läuft die Mannschaft von Martin Schmidt beim VfL Wolfsburg auf, den die Mainzer in der Bundesligatabelle abgehängt haben: Sechs Punkte Vorsprung vor dem Real-Madrid-Besieger – das ist nicht nur eine Ansage, das ist eine mittlere Sensation.

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Das Fußballunternehmen des VW-Konzerns weiß, was die Stunde geschlagen hat. Es droht eine Saison ohne internationale Aufgaben. Dass der VfL die Champions League gewinnt, das bleibt trotz des großen Abends gegen Real unwahrscheinlich. Die realistischere Chance ist die Europa-Qualifikation über den Ligaalltag. Das haben einige Wolfsburger Profis auch sofort angesprochen vor den TV-Kameras nach dem 2:0 gegen die europäische Topmarke aus Madrid. „Mainz ist jetzt wichtig.“ Das war oft zu hören. Da hatte Dieter Hecking offensichtlich schon Vorarbeit geleistet in der Kabine. Das wird keine leichte Aufgabe für den VfL-Trainer, seine Spieler bis zum Anpfiff am Samstag tatsächlich wieder runterzuholen von dem Gedanken: Uff, wir haben eine echte Chance auf den Einzug ins CL-Halbfinale.

Eine Aufholjagd in der Bundesliga jetzt in den Fokus der Gedanken und Gefühle zu stellen, umzuschwenken von Cristiano Ronaldo, Karim Benzema, Gareth Bale und Toni Kroos auf Christian Clemens, Yunus Malli, Pablo de Blasis und Jhon Cordoba - da wird Hecking noch einige Ansprachen halten müssen vor seinem Kader. Zumal auch der taktische Ansatz vom Real-Spiel gegen die 05er überhaupt nicht tauglich ist.

Rolle der Kontermannschaft für 05er reserviert

Die Wolfsburger haben ein reines Konterspiel aufgezogen. Hecking hat mit einer dichten und mal höher, mal tiefer stehenden Zehn-Mann-Wagenburg die eigene Spielhälfte zugestellt, die „Königlichen“ rannten und passten sich dort fest – diese Ballverluste nutzte der Gegner zu Tempoüberfällen mitten hinein in das unterbesetzte Madrider Gelände. Am Samstag werden die Wolfsburger den Ansatz von Real übernehmen müssen. Denn die Rolle als engmaschig verteidigende Kontermannschaft ist für die 05er reserviert.

Die Mainzer bekamen am Mittwochabend noch einmal Belege geliefert, welche Faktoren wirken müssen für einen Überraschungscoup. Der haushohe Favorit hatte nicht seinen besten Tag, Real wurde nach wenigen Spielsekunden das mögliche Führungstor nicht anerkannt (Ronaldo stand fünf Zentimeter im Abseits), der Außenseiter bekam einen Strafstoß geschenkt zum die Zuversicht beflügelnden 1:0, mit großer Effizienz im Abschluss kamen die Wolfsburger mit ihrem dritten Konterzug zum 2:0 - und die wegen der harten Wolfsburger Gegenwehr und wegen des ungünstigen Spielverlaufs genervte Real-Stars versiebten ihre drei, vier Chancen zum Anschlusstreffer. Deutlich wurde dabei: Die Wolfsburger haben mit Julian Draxler, André Schürrle und dem ungeschliffenen Sprinter Bruno Henrique klassische Konterstürmer und mit Maximilian Arnold einen klassischen Umschalt-Spielmacher in der Mannschaft – in der in den Bundesligaspielen viel mehr geforderten Ballbesitzrolle tun sich diese Könner wesentlich schwerer. Da liegt am Samstag die Chance der 05er.

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"Mainz"-Duell in Dortmund

Die werden am Donnerstagabend vor dem Fernseher noch das „Mainz-Duell“ in Dortmund genießen. 17 Jahre war Jürgen Klopp Spieler und Trainer am Bruchweg, dann wechselte er zum BVB. Sechs Jahre war Thomas Tuchel Trainer in Mainz (ein Jahr als U19-Verantwortlicher, fünf Jahre als Bundesligacoach), bevor er nach einem Sabbatjahr als Nachfolger von Klopp zum BVB wechselte. Erfolgsmentalität und Widerstandsgeist, Laufbereitschaft und Zweikampfaggressivität, Balljagd über Pressing und Gegenpressing, offensive Umschaltüberfälle und Ballbesitzphasen über Flachpasskombinationen, all das haben die von Christian Heidel entdeckten Trainer Klopp und Tuchel am Bruchweg etabliert und später in Dortmund weiterentwickelt. Die Gene des BVB der Moderne stammen aus Mainz.

Die Dortmunder waren 1966 die erste deutsche Mannschaft, die einen Europapokal gewonnen hat. Nach einem 2:1-Finalsieg nach Verlängerung gegen den FC Liverpool unter dem Trainergenie Bill Shankley. Von den stammt der legendäre Spruch: „Viele Leute denken, Fußball sei eine Sache auf Leben und Tod. Ich mag diese Haltung nicht. Es ist viel ernster als das.“ Für die 05er gilt das in diesem Moment überhaupt nicht, sie werden getragen von der Leichtigkeit des Seins.