Rehberg: Mainzer Patina gegen Leverkusener Pfeile

Leverkusen-Trainer Roger Schmidt und Neuzugang Julian Baumgartlinger. Foto: dpa

Martin Schmidt kann sehr früh in der Saison darauf bauen, dass seine Mannschaft in der Lage ist, Klippen zu überwinden. Jetzt wartet mit Leverkusen eine Mannschaft, die zwar...

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. Der 1. FC Köln wird als Überraschungsteam gefeiert. Ein zweiter Platz nach vier Spieltagen sagt etwas aus über einen stabilen Saisonstart. Eine Mannschaft ist in der Grundstruktur über zwei, drei Jahre eingespielt, sie fasst nach der Vorbereitung schnell wieder Vertrauen in die bekannten spielerischen/taktischen Abläufe - und arbeitet sich über Ergebnisse in einen ersten Flow hinein. Da laufen Dinge dann gerne in die richtige Richtung, ohne dass man groß darüber nachdenken muss. Die 05er haben das jetzt mit den beiden gewonnenen Auswärtsspielen erlebt.

Der Sieg in Bremen mit einem späten Doppelschlag war in hohem Maße auch das Produkt der überzeugenden Vorstellung in Augsburg mit dem gut zehn Minuten früher angesetzten Doppelschlag. Darüber hinaus kann Martin Schmidt sehr früh in der Saison darauf bauen, dass seine Mannschaft in der Lage ist, Klippen zu überwinden. Das betrifft die Verarbeitung des turbulenten 4:4 gegen die TSG Hoffenheim, die Verarbeitung des Last-Minute-Ausgleichs für Saint-Étienne, das betrifft die Reaktionen der Spieler innerhalb der 90 Minuten auf den Ausgleich der Augsburger sowie auf den Langzeitrückstand in Bremen. Bei den Kölnern glänzt das Silber. Bei den Mainzern ist schon Patina drauf. Erfahrenen Sammlern gefällt die zweite Variante besser.

Bayer schießt zu wenig Tore

Und nun schlägt an diesem Samstag Bayer 04 Leverkusen in der Opel Arena auf. Viele Experten dachten, die Elf von Roger Schmidt würde vom Start weg vorne mitmarschieren. Der dritte Platz aus dem Vorjahr, keinen Leistungsträger abgegeben, gezielt einen Nationalspieler für die Innenverteidigung, einen Nationalspieler für das Mittelfeld und einen Nationalspieler für den Angriff eingekauft, ein verinnerlichtes Spielsystem – das sollte ein Erfolgsprogramm sein. Das wird es wahrscheinlich auch noch. Aber zunächst einmal ist die Werkself auf vier Pünktchen sitzen geblieben. Ein Sieg, ein Remis, schon zwei Niederlagen. Dazu das enttäuschende 2:2 nach 2:0-Führung im CL-Heimspiel gegen Spartak Moskau. Wir erkennen: Eine eingespielte Einheit zu trainieren, ist immer von Vorteil – aber ein Erfolgsgarantiezertifikat bekommt man dafür nicht ausgestellt. Und sollte eine solche Garantieerklärung mitgeliefert werden, dann kann die so verlässlich sein wie eine Diätanleitung.

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In der Defensive hat Bayer, abgesehen vom Moskau-Spiel, keine gravierenden Defizite. Die Mannschaft schießt zu wenig Tore, sie hat sogar Probleme, den freien Schuss vom Elfmeterpunkt aus zu nutzen. Beim 1:2 in Frankfurt ballerte Torjäger Chicharito einen Elfer an den Pfosten, beim jüngsten 0:0 zu Hause gegen den FC Augsburg landete das unkontrollierte Vollspanngeschoss des erfahrenen chilenischen Nationalspielers Charles Aranguiz (27) seitlich in den Werbebanden. Mathematisch betrachtet hat das die Leverkusener drei Punkte gekostet. Das beschreibt aktuell in der Tabelle exakt den Rückstand auf die Mainzer.

Räume hinter der Pressinglinie

Julian Baumgartlinger is coming home. Der Österreicher, zuvor fünf Jahre am Bruchweg und zuletzt der Mannschaftskapitän, hat bislang zwei Bundesligaeinsätze stehen im Bayer-Trikot. Der 28-Jährige ist der Rotations-Backup auf der Sechserposition. Vor ihm stehen Kevin Kampl, Lars Bender und Charles Aranguiz. Bei der unnötigen Niederlage in der Frankfurter WM-Arena musste Baumgartlinger schon nach 57 Minuten vom Feld für den Millionenstürmer Kevin Volland. Ob Baumgartlinger in der Opel Arena in der Startelf steht? Könnte sein. Denn am kommenden Dienstag muss die Werkself schon wieder in der CL beim AS Monaco antreten. Da wird auch der Schmidt-Roger auf Rotation setzen.

Schmidt-Martin muss sich mit dem unangenehmen - auf aggressivem Angriffspressing, Gegenpressing und giftiger Blitzumschaltung basierenden - Bayer-System beschäftigen. Gefüttert wird der Gegner, wenn die 05er im Spielaufbau oder im Konter die Kugel früh verlieren. Auf diese Ballgewinn-Situationen hat Roger Schmidt seine Spieler programmiert. Dann schießt das Bayer-Team im Umkehrspiel seine Pfeile ab. Wie geht man dem aus dem Weg? Wenig Risiko in der Spieleröffnung, wenig Risiko im Kurzpassspiel in den Mittelfeldzonen, Konterzüge möglichst konsequent abschließen. Wenn die 05er häufig mit präzisen diagonalen Seitenverlagerungen die Pressinglinien des Gegners überwinden, dann erschwert das Bayer 04 den direkten Zugriff. Stefan Bell kann diese Bälle schlagen. Auch Fabian Frei. Auch Giulio Donati. Hinter den gegnerischen Pressinglinien tun sich bespielbare Räume auf. Die zu nutzen, darin sind die 05er Spezialisten. Und im Moment trifft die Elf auch die Hütte.