Rehberg: Mainz 05 muss sich neu einnorden

Trainingslager von Mainz 05 in Marbella. Archivfoto: rscp/Vigneron

Die Bundesliga-Fußballer des FSV Mainz 05 arbeiten aktuell im Trainingslager in Marbella daran, sich neu einzustellen. Der Europapokal-Glamour hat sich verflüchtigt und in der...

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. Zwei unverrückbare Termine verhageln mir in diesem Jahr die Januarwärme im Süden Europas. Nichts ist es mit der Sonne in Marbella. Es bleibt diesmal beim kernigen Industrieschnee im Frankfurter Westen. Einen Vorteil hat das kühle Leben in der Heimat: Diesmal durfte ich den ein oder anderen Journalistenkollegen ketzerisch in den „sonnigen Trainingslagerurlaub“ verabschieden, mit dem gut gemeinten Rat: „Läuft wahrscheinlich wie immer, nach dem Frühstück legst du dich wieder hin…“

Nein, natürlich sind das für die Medienschaffenden lange Arbeitstage an der Costa del Sol. Das unterscheidet sich nur bedingt vom Trainingslagerleben der Profis. Den Berichterstattern bleiben lediglich die körperlichen Strapazen erspart. Die Mainzer Vorzeigefußballer müssen sich im Süden Spaniens neu einnorden. Der Europapokal-Glamour hat sich verflüchtigt. Im DFB-Pokal gibt es nichts mehr zu tun. Und in der Bundesligatabelle sind die Abstände nach oben wie nach unten groß. Trainer Martin Schmidt wird andere spannende Ziele finden müssen für die Rückrunde. Dem Abstiegskampf auszuweichen, das kann nicht das Motivationsthema Nummer eins sein. Das Erreichen eines Europaligarangs schon eher. Aber wer wollte im Winter ernsthaft eine Aufholjagd postulieren? Der Gegner wäre in diesem Moment: Borussia Dortmund.

Lassen wir das. Mainzer Übungsleiter sind von jeher besser gefahren mit Handlungs- und Entwicklungszielen. Am 22. Januar laufen die 05er – wir reden da vom letzten Hinrunden-Spieltag - gegen den 1. FC Köln auf. Bis dahin gibt es viel zu tun. Sieben Punkte nach neun Auswärtsspielen hat das Schmidt-Team stehen, 8:16 Tore, zwei Siege, ein Remis, sechs Niederlagen. Insgesamt 30 Gegentore nach 16 Hinrundenspielen. Das sind Zahlen, die schreien nach guten Vorsätzen für das Neue Jahr. Und dazu gesellt sich: Auch in der Opel Arena müssen die Spieler ihre Anhänger nachhaltiger unter Strom setzen.

Der Auftrag könnte lauten: Aggressiveres Pressing im Mittelfeld

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Knapp drei Wochen Vorbereitung, da lässt sich das Rad nicht neu erfinden. Aber das braucht es auch nicht. Das spielerische und taktische Grundgerüst steht. Und niemand wird von Martin Schmidt fordern, dass er künftig ein Offensivfeuerwerk nach dem anderen abbrennt. Aber seine Mannschaft kann aktiver werden, mutiger, energiegeladener, mehr nach vorne ausgerichtet. Wohlgemerkt nicht nur im eigenen Ballbesitz, sondern auch gegen den Ball. Der Auftrag könnte lauten: Aggressiveres Pressing in den Mittelfeldzonen. Vorteil eins: Das nimmt Druck von der Abwehrreihe, das schützt das Deckungszentrum. Vorteil zwei: Aktive Balleroberungen weiter entfernt vom eigenen Strafraum sind der Impuls für kürzere Wege im offensiven Umschaltspiel. Vorteil drei: Das gesamte Spiel wird in allen Phasen kämpferischer, dynamischer, intensiver – und dafür sind die Zuschauer in Mainz von jeher empfänglich.

Die aggressive Nachvorneverteidigung neu zu beleben, den gesamten Pressingladen ein paar Meter nach vorn zu verschieben, sich nach Ballverlusten nicht so schnell und so bereitwillig extrem weit nach hinten fallen zu lassen, sondern erst mal einen intensiven Gegenpressingversuch zu starten – das wäre keine Revolution und dafür bräuchte es auch nicht Kunst und Wunder. Rennen, schnell rennen, oft schnell rennen, überall stechen, Bälle klauen, zügig passen und sprinten. Mal die Kugel halten, mal umgehend in die Tiefe durchstarten. Aus diesen Zutaten entwickeln sich oft genug tempogeladene Kampfspiele, die ein solches Begeisterungspotenzial haben, dass an manchen Tagen sogar das Ergebnis in den Hintergrund treten kann.

Interessant wird es auf der Torhüterposition

Wie war das in der Hinrunde? Genau betrachtet: In den relevanten Mittfeldzonen haben die 05er den Gegner zu oft einfach nur machen lassen. Nun kann man sagen: Wir locken den Gegner in unsere Spielhälfte, damit er uns die Räume öffnet, die wir für unsere Konterzüge benötigen. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Wir hindern den Gegner nicht daran, relativ problemlos mit vielen Spielern in die Nähe unseres Strafraums zu gelangen. Dieses Konzept verfolgt auch Lucien Favre. Der Schweizer wurde in Gladbach für seine Erfolge gefeiert – weniger für seinen im Defensivverhalten eher passiven Spielstil.

Mit dem Konkurrenzkampf im Kader muss man sich erst beschäftigen, wenn sich abzeichnet, welche spielerischen und taktischen Schwerpunkte der 05-Cheftrainer setzen will in dieser Winter-Vorbereitung. Interessant ist sicher die Torhüterposition. Prognose: Jonas Lössl gehört bislang sicher nicht in die Riege der guten bis sehr guten Keeper in dieser Liga, aber mit ein wenig mehr Aggressivität in seinem Auftreten in bestimmten Spielsituationen wird er auch in der Rückrunde zwischen den Pfosten stehen. Yannick Huth hat eine Sackruhe. Und die Mainzer Nummer zwei ist auch ein extrem sprungstarker und reaktionsschneller Keeper. Und darüber hinaus ist er auch ein hervorragender Fußballer. Aber wir kennen die Testspiele in Vorbereitungsphasen: Da ergeben sich für einen Torwächter eher selten Gelegenheiten, das komplette Leistungspaket unter Beweis zu stellen. Wir können das auch in der Heimat beobachten. Am 5. und 6. Januar. Live-Übertragungen auf Youtube.