Rehberg: Mainz 05 muss individuelle Fehler reduzieren

Stefan Bell im Duell mit Bagaliy Dabo. Foto: rscp

Offensiv stimmt es beim FSV Mainz 05. Das war auch am Donnerstagabend beim Euro League-Spiel gegen FK Qäbälä nicht anders. Defensiv drückt der Schuh. Kolumnist Reinhard...

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. Mannschaften lassen vor dem gegnerischen Tor schon mal den ein oder anderen Apfel liegen, der ohne große eigene Anstrengung vom Baum gefallen ist. Die 05-Profis machen mit ihren Gegnern gerade gegenteilige Erfahrungen. Nahezu jeder Fehler der Mainzer im Abwehrverhalten führt direkt zu einem Gegentor. Das haben wir beim 4:4 gegen die TSG Hoffenheim gesehen, beim 1:1 gegen die ASSE aus Saint-Étienne oder zuletzt beim 2:3 gegen Bayer Leverkusen. 3500 Kilometer und viereinhalb Flugstunden von der Opel Arena entfernt war das am frühen Donnerstagabend nicht anders. Zweites Gruppenspiel in der Europaliga. Tatort Baku. Zwei schlecht abgewehrte Bälle. Und der klar unterlegene Gegner aus Qäbälä machte binnen fünf Minuten aus einem 0:1 ein 2:1.

Doch die Mannschaft von Martin Schmidt konnte sich in der aserbaidschanischen Hauptstadt auf ein gut funktionierendes Baukastensystem verlassen: Mentale Stärke, Trainergeschick und Offensivqualität/Effizienz im Abschluss. Das bescherte den Mainzern als Gast des FK Qäbälä noch einen hoch verdienten 3:2-Erfolg. Der erste Sieg in der Gruppenphase ist geschafft. Und weil sich die Kontrahenten AS Saint-Étienne und RSC Anderlecht im „Parallelduell“ die Punkte geteilt haben (1:1), stehen die 05er mit ihren nunmehr vier Zählern sehr gut da in der Gruppe C.

Was ist mit Bell los?

Stefan Bell ist überhaupt nicht der Fußballer, der irgendeine Aufgabe in seinem Beruf sorglos erledigen würde. Im Gegenteil. Der 05-Innenverteidiger lebt Verantwortung. Und dann gibt es diese Phasen, in denen ein Profi die wenigen Fehler, die ihm unterlaufen, genau in dem Fachbereich produziert, in dem er sich seit Jahren am sichersten fühlt. Ein Phänomen. Der Mainzer Co-Kapitän ist ein exzellenter Kopfballspieler. 1,92 Meter groß. Physisch stark. Glänzende Technik im Luftkampf, gutes Timing. Gegen St-Étienne war Bell am späten Ausgleichstor für die Franzosen beteiligt. Stellungsfehler bei einem Mondball. In der Heimpartie gegen Leverkusen war Bell an allen Gegentoren beteiligt. Kein Glück in drei Luftduellen. Und nun die 56. Minute in Baku: Bell köpfelte einen einfachen hohen Ball zu kurz zum Torhüter zurück, Jonas Lössl musste den durchgelaufenen Filip Ozobic im Strafraum mit einem Foulspiel stoppen. Elfmeter. Die nette 1:0-Führung aus der ersten Halbzeit war futsch. Und dann misslang auch noch Fabian Frei ein simpler Abwehrversuch mit dem Hinterkopf, auch die beiden folgenden Rettungsversuche des Schweizers gingen daneben. Und plötzlich führte nach gut einer Stunde der Footballklub Qäbälä. 2:1. Wie aus dem Nichts.

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Zwei individuelle Fehler

Strukturell hatten die 05er in der Defensive kaum Probleme in der Bakcell Arena in Baku. Es waren diese beiden individuellen Fehler, die dem Team zu schaffen machten und die aus einem überwiegend einseitigen Geschehen einen Krimi werden ließen. Bell ist ein Typ. Der 25-Jährige wird seine Seuchenphase verarbeiten und ausbremsen. Auch Fabian Frei ist als Persönlichkeit gefestigt. Und für die Gemeinschaft war das 3:2 erneut ein ebenso aufregendes wie aufbauendes Erlebnis. Rückstand gedreht. Wie schon in Bremen. Das schweißt zusammen.

Auch die Gesamtleistung hatte Qualität. Zweikampfdominanz in den Mittelfeldzonen, Konterversuche des Gegners früh geblockt und aufgesaugt. Gute Ballbesitzphasen, geduldiges und präzises Passspiel, gelungene Seitenverlagerungen, gute Durchbrüche über die Flügel. Das gelegentliche Angriffspressing des Gegners lief ins Leere. Einen zielstrebigen Umschaltangriff nutzten die 05er zum 1:0 durch den beweglichen Yoshinori Muto. Spielkontrolle. Noch mehr Bewegung und Tempo nach der Pause. Zwei fette Torchancen zum möglichen 2:0. Und dann die starke mentale/emotionale Reaktion auf die „schwarzen“ fünf Minuten - mit den beiden Fahrfehlern auf freier Strecke.

Schmidts Wechsel fruchten

Schmidts Wechsel nebst den mutigen taktischen Umstellungen waren die Basis für das Comeback. Einwechsler Jhon Cordoba und Muto als Doppelspitze. Einwechsler Levin Öztunali auf Rechstaußen, Pablo de Blasis auf Linksaußen. Dazu noch Yunus Malli als Offensivmann im Mittelfeldzentrum. Dazu die nach vorn marschierenden Außenverteidiger Daniel Brosinski und Gaetan Bussmann. Taktisch geopfert hatte Schmidt den zweiten Sechser. José Rodriguez. Der nach einer kämpferisch und spielerisch überzeugenden ersten halben Stunde abbaute – und der beim 1:2 den Torschützen Sergej Zenjov aus den Augen verloren hatte.

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Die 05er rannten jetzt an in einer wuchtigen 2-3-1-4-Grundordnung. Joker Cordoba markierte mit seinem ersten Ballkontakt das 2:2. Joker Öztunali besorgte mit einer brillanten Einzelleistung den 3:2-Siegtreffer. Und Cordoba traf noch die Latte. Auf ihre Offensive können sich die 05er verlassen. Am Sonntag im Bundesligaspiel beim VfL Wolfsburg sollten die 05er aber ihre „unforced errors“ in der Abwehrarbeit reduzieren. Das schont die Nerven. Und erhöht in Verbindung mit dem aktuellen Angriffsflow die Erfolgswahrscheinlichkeit.