Rehberg: Mainz 05 hat 2015 hohe Klippen überwunden

Yoshinori Muto. Foto: dpa

Jahresrückblicke im Fußball sind selten erhellend, weil sie zwei Saisons miteinander verbinden, die häufig nur wenig miteinander zu tun haben. AZ-Kolumnist Reinhard Rehberg...

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. Jahresrückblicke im Fußball sind selten erhellend. Warum? Weil die Rückrunde der Vorsaison wenig zu tun hat mit der Hinrunde der aktuellen Saison. Wir diskutieren dann über zwei sehr unterschiedliche Kader und über diverse Spieler, die als Abgang oder Zugang im Transfersommer nur ein halbes Jahr am jeweiligen Standort waren. Für die 05er lässt sich übergreifend festhalten: Der Klub hat im Jahr 2015 durchaus hohe und scharfkantige Klippen überwunden.

Schmidt hat die Mannschaft besonnen zum Erfolg zurückgeführt

Die Erfolgsgrundlage am Bruchweg ist immer, dass sich die Führung wenig Fehler erlaubt. Das gilt für die Besetzung des Trainerpostens, das gilt für die Transferpolitik und das gilt für die innere Stabilität des Klubs. Die Wahl von Kasper Hjulmand als Nachfolger von Thomas Tuchel im Sommer 2014 hat sich als Missverständnis, als Fehlentscheidung herausgestellt. Das hat Manager Christian Heidel im Februar 2015 selbstkritisch eingeräumt und korrigiert. Schwerwiegende negative Folgen blieben aus. Martin Schmidt, der mit dem U23-Team auf sich aufmerksam gemacht hatte, benötigte keine große Anlaufzeit. Der Schweizer hielt die Bundesligamannschaft sehr besonnen und mit ausgesprochen solider Arbeit aus dem Abstiegskampf heraus. Das war die erste Klippe, die der Klub souverän überwunden hat in diesem Jahr.

Im Transfersommer haben die 05er sehr viel Geld eingenommen. Aber der Klub verlor dabei mit Jo Hoo Park, Johannes Geis und Shinji Okazaki auch wichtige Leistungsträger. Dazu kamen der Verlust des universell einsetzbaren Ja-Cheol Koo und das Karriereende der Abwehrlegende Nikolce Noveski. Nun stand der im Erstligageschäft noch unerfahrene Cheftrainer vor der Aufgabe, eine neue Mannschaft basteln zu müssen. 24 Punkte in der Hinrunde und ein bemerkenswert großer Abstand zur Abstiegskampfzone belegen: Auch diese nicht unproblematische Klippe haben Martin Schmidt und der Klub überwunden. Und das vor dem Hintergrund, dass der Königszugang Fabian Frei als Nachfolger des Mittelfeldstrategen Geis schon nach dem ersten Drittel der Vorrunde wegen einer schweren Verletzung nicht mehr zur Verfügung stand. Der aus der Zweiten Liga gekommene Danny Latza war gefordert, der Spätzünder hat diese Chance eindrucksvoll genutzt.

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Glänzendes Halbjahreszeugnis für Muto

Eine bemerkenswert starke Hinrunde hat Yoshinori Muto gespielt. Der in Tokio entdeckte Japaner sollte den linken Flügel verstärken. Tatsächlich hat es der 23-Jährige in seinen ersten Auslandsmonaten geschafft, als schmaler Kontermittelstürmer gegen die Abwehrriesen dieser Liga den Abgang von Torjäger Okazaki zu kompensieren. Sieben Tore, vier Torvorlagen, vier Mal den vorletzten Pass gespielt, im Schnitt mehr als elf Kilometer gerannt pro Spiel, im Schnitt fast 30 Sprints hingelegt pro Spiel, knapp die Hälfte seiner offensiven Zweikämpfe gewonnen - Muto hat sich ein glänzendes Halbjahreszeugnis verdient.

Dass sich Manchester United inzwischen mit einem fetten Winterangebot für den Japaner beschäftigen soll, ist nicht bestätigt. Die kolportierten 15 Millionen Euro Ablöse kann man schnell vergessen. Man darf davon ausgehen, dass sich die 05er vielleicht bei einem unsittlichen Angebot von 25 bis 30 Millionen mit einem Verkauf beschäftigen würden. Aber wenn man sich die Ziele der unter Louis van Gaal vor sich hin dümpelnden United anschaut, dann kommt man zu der Erkenntnis: So weit ist Yoshinori Muto noch nicht, dass er einen kränkelnden Spitzenklub in der physisch enorm fordernden Premier League entscheidend nach vorne bringen könnte.

Manchester United fehlt ein Toptorjäger - das ist Muto noch nicht

Natürlich ist United, wo ins Alter gekommene Topstürmer wie Robin van Persie, Radamel Falcao und Nani aussortiert werden und ein wendiger Angreifer wie Javier Hernandez (Bayer Leverkusen) und ein antrittsschneller Flügelmann wie Angel di Maria verkauft worden sind, in der Offensive unterbesetzt. Die Routiniers Wayne Rooney (30) und Mata (27) sowie die Talente Anthony Martial (20) und Memphis Depay (21) bilden die Stammbesetzung. Dahinter kommt nicht viel. Was dieser Elf fehlt, das ist ein Toptorjäger, wahrscheinlich auch ein schneller und dribbelstarker Rechtsaußen auf Weltklasseniveau. Beides verkörpert Muto (noch) nicht.

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Und nun kommen wir zur dritten Klippe, die am Bruchweg noch zu überwinden ist: Manager Christian Heidel, der Chefdenker und Macher, will im Sommer 2016 Vorstandschef beim FC Schalke 04 werden. Das erschüttert diesen Klub in seinen Grundfesten. Auch wenn die Führungsriege diese Entwicklung mit den nötigen und nicht ganz einfachen Zukunftsentscheidungen nicht überzeugend moderiert: Sportlich hatte diese seit dem Herbst tobende Diskussion um sich anbahnende interne Umwälzungen in diesem 100-Millionen-Unternehmen keine negativen Auswirkungen. Dieses Thema wird uns aber in den ersten Wochen und Monaten im Neuen Jahr mit zunehmender Brisanz begleiten und beschäftigen.