Rehberg: Mainz 05 braucht Perspektivwechsel - und einen langen...

Nicht die Köpfe hängen lassen, sondern die Perspektive wechseln: Robin Quaison, Giulio Donati, Levin Öztunali, Pablo de Blasis, Jonas Lössl und Yoshinori Muto nach der Heimniederlage gegen Schalke 04. Foto: Sascha Kopp

Nach der Niederlage gegen Schalke braucht Mainz 05 vor allem eines, findet Reinhard Rehberg: Einen neuen Blick auf die Aufgabe, in den letzten neun Spielen noch neun, zehn,...

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. Der Hamburger SV hat zuletzt zwei wild erkämpfte Heimsiege gefeiert (1:0 gegen Hertha BSC, 2:1 gegen Gladbach) und dann kam das von wenigen Torchancen garnierte 0:0 in Frankfurt. Sieben Punkte aus drei Spielen. Ein Topwert. Doch der HSV hängt mit 27 Zählern immer noch auf dem drittletzten Platz ab. Immer noch zwei Zähler Rückstand auf die Vierergruppe mit 29 Zählern auf dem Konto. Aber: Die Hamburger fühlen sich großartig.

Warum fühlen sie die Hamburger in dieser bedrohlichen Lage so pudelwohl? Weil sie Fünfter sind in der Rückrundentabelle, weil sie in diesen acht Spielen 14 Punkte eingesammelt haben und damit einen Punkt mehr als in der gesamten Hinrunde, weil sie Vertrauen gewonnen haben in die Maßnahmen ihres Trainers Markus Gisdol, weil sie Stabilität in ihre Leistungen gebracht haben seit dem üblen 0:8 in München, weil sie als Gemeinschaft Schritte nach vorne gemacht haben, weil sie die Unterstützung der gesamten Stadt spüren, weil sie sich an den Relegationsrang gewöhnt haben. Letzteres getragen von der einzigen Idee, spätestens nach dem letzten Spieltag das Krankenzimmer verlassen zu haben. Und wenn nicht, dann geht die Welt auch nicht unter: Das mit den beiden Relegationsspielen gegen den Zweitligadritten hat der HSV schon zweimal erfolgreich gemeistert.

Und die 05er? Die fühlen sich seit der 0:1-Heimniederlage gegen den FC Schalke 04 abgrundtief schlecht. Weil acht Punkte in der Rückrunde eine magere Bilanz sind – und weil die Mannschaft von Martin Schmidt in dieser Phase einen stattlichen Vorsprung auf den Relegationsrang eingebüßt hat. Wer die Dinge aus dieser Perspektive betrachtet, der empfindet den drittletzten Platz nicht als Krankenzimmer, das ist dann schon die Intensivstation. Die zwei Punkte Vorsprung vor dem HSV sowie die um 15 Einheiten bessere Tordifferenz verlieren an Bedeutung. Abstiegskampf, da zucken die Hamburger mit den Schultern: Damit leben wir seit Monaten… Die 05er? Die rufen: Hilfe, unser schöner Vorsprung ist weg, schwierige Situation, die müssen wir jetzt aber ganz schnell annehmen…

Eine schnelle Erlösung ist nicht in Sicht

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Einen Fehler haben die Mainzer schon gemacht. Sie haben das Gefühl zugelassen, es könnte eine schnelle Erlösung geben. Martin Schmidt stellte die Forderung auf, die in Darmstadt verlorenen Punkte müssten gegen Schalke zurückgeholt werden. Geht nicht. Die Darmstadt-Punkte sind weg. Gegen S04 lagen neue drei Punkte auf dem Teller. Und die sind den 05ern trotz einer gegen den Ball guten, insgesamt sehr kämpferischen Leistung weggeflutscht. „Ganz klar, jetzt müssen wir in Ingolstadt gewinnen“, hat der Cheftrainer danach gesagt. Auch dieser Schuh passt nicht. Das baut nur zusätzlichen Druck auf. Auch nach einer Niederlage oder einem Remis beim Tabellenvorletzten sind die 05er nicht abgestiegen. Auch dann geht es weiter. Auf Augenhöhe mit drei, vier, fünf anderen Klubs, die sich im Moment vielleicht besser fühlen, denen es faktisch aber nicht besser geht.

Die Mainzer brauchen einen Perspektivwechsel im Denken und Fühlen. Weg von der Tabellenkonstellation, die sich Woche für Woche ändert. Weg von der Sehnsucht nach einer schnellen Erlösung. Was zählt, sind die Punkte. Was beeinflussbar ist, das sind nicht die Ergebnisse der Konkurrenten, sondern ausschließlich die eigene Leistung und die eigene Mentalität. Da braucht es Qualität, Behauptungswillen - und einen langen Atem. Jeder Punkt hilft, egal wo, egal gegen wen. Was zählt, das sind nicht die Zwischenstände in den nächsten Wochen, sondern das Endziel: Nach dem letzten Spieltag über dem ominösen Tabellenstrich zu stehen.

Die Möglichkeit, demnächst mal nur noch einen Punkt vorne zu liegen, vielleicht gar keinen Vorsprung mehr zu haben, vielleicht sogar mal einen oder zwei Punkte Rückstand zu haben, all das darf kein sportliches Schreckensszenario sein. Kann jetzt alles passieren. Diesen Gedanken mal zuzulassen, diesen Gedanken mal durchzuspielen, das kann eine befreiende Wirkung haben. Entscheidend ist die Haltung dazu. Die 05er haben genügend gesunde Spieler am Start, die individuelle Qualität hinkt nicht hinterher, die Spielidee ist verankert, die fußballerischen Inhalte haben oft genug Ergebnisse gebracht, Brüche in der Gemeinschaft sind nicht auszumachen – jedes nächste Spiel beginnt bei 0:0 und bietet eine neue Chance. Klingt banal. Soll aber aufzeigen: Wer sich mit den falschen Themen beschäftigt, der verliert seine Spiele zuweilen schon vor dem Anpfiff. Angst hemmt. Negative Gedanken und Gefühle führen zu Blockaden. Das Grundvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und in die Verbesserungspotenziale sowie der Wandel vom normalen Miteinander hin zu einem leidenschaftlichen Füreinander weisen den Weg.

Ein Sieg ist nicht die Rettung, eine Niederlage keine Katastrophe

Die 05er stecken jetzt in einer Situation, in der ein Sieg nicht die Rettung bedeutet - und eine Niederlage nicht alles kaputt macht. Das kann man sich vor Augen führen, darauf kann man sich einstellen. Man muss die Partie in Ingolstadt nicht künstlich überhöhen. Das ist kein Endspiel. Das ist eines von noch neun wichtigen Spielen. Die Länderspielpause bietet die Chance, diese Aufgabe mit der nötigen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Spaß an der Arbeit vorzubereiten. Die Mängelanalyse ist wichtig, doch darin sollte man nicht baden. Die Entwicklung tragfähiger Lösungsansätze ist wichtiger.

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27 Punkte sind noch zu verteilen. Neun, zehn, vielleicht elf Zähler werden die 05er benötigen. Diese Ertragsquote ist keine „mission impossible“. Und wenn die Maschine denn doch abstürzen sollte, dann gibt es immer noch einen Fallschirm: Seit Wiedereinführung der Relegationsspiele in der Saison 2008/09 hat sich in acht Duellen nur zweimal der Zweitligadritte durchgesetzt.