Rehberg: Mainz 05 braucht neue Strukturen nach der Ära Heidel

Harald Strutz. Archivfoto: Sascha Kopp

Christian Heidel geht - und der 1. FSV Mainz 05 braucht neue Strukturen. Als neuer Manager steht Rouven Schröder bereit, doch auch auf anderen Ebenen braucht Mainz 05 eine...

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. Das ist für die 05er ein erdrutschartiger Einschnitt. Ohne Christian Heidel beginnt am Bruchweg eine neue Zeitrechnung. Welche Bedeutung der Fußballmanager für diesen Klub hatte und hat, das ist oft genug beschrieben worden. Die Gründe, die den 52-Jährigen dazu bewogen haben, zum 1. Juli Vorstand Sport und Kommunikation beim in anderen Dimensionen schwebenden FC Schalke 04 zu werden, sind seit gestern bekannt. Der Fachmann hat eine zweite, vielleicht letzte große Herausforderung in seiner Karriere nicht unbedingt gesucht, aber er wollte dieser für ihn reizvollen Gelegenheit auch nicht mehr ausweichen - nach 24 Jahren in verantwortlicher Position am Bruchweg. Diese sehr persönliche Entscheidung, die nicht gegen Mainz 05 spricht, sondern für den inneren Drang nach einer beruflichen Veränderung, ist nachvollziehbar und zu respektieren. Und es ist der für den Klub günstigste Zeitpunkt: Die Mannschaft unter Trainer Martin Schmidt bewegt sich weit entfernt von der Abstiegsregion, das als e. V. organisierte Fußballunternehmen schreibt Gewinne. Heidel hinterlässt einen sportlich und wirtschaftlich vorbildlich erfolgreichen und stabilen Erstligisten.

Konzept als Weiterbildungsverein bleibt

Nun stehen die 05er in der Verantwortung, die Zukunft zu regeln. Der neue Manager heißt Rouven Schröder. Ein 40 Jahre alter Fachmann, der als Experte gilt für die Sichtung und Verpflichtung entwicklungsfähiger Spieler. Der Grundansatz, als Weiterbildungsverein in der Bundesliga und damit auch im Turbokapitalismus Profifußball zu bestehen, fußt auf zwei Säulen: Sportliche und wirtschaftliche Qualität in der Transferpolitik plus Trainerqualität, die junge Spieler auf die für Aufkäufer interessante nächste Stufe hebt. Das ist künftig in enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit die Aufgabe von Rouven Schröder und Martin Schmidt. Und ohne das große und vielschichtige Netzwerk, das sich Heidel in seinen 24 Jahren geschaffen hat im Fußballgeschäft, braucht es am Bruchweg unter Umständen auch den Aufbau einer rührigen und kompetenten Scoutingabteilung. Aber das hat der neue Manager zu entscheiden.

Mitglieder sollen über Ideenpakete befinden

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Strukturell trifft Schröder auf einen Erstligisten, der organisatorisch und personell auf der Entscheidungsebene vor einem notwendigen Umbruch steht. Bislang war das Erfolgsmodell: Ein omnipräsenter, bundesweit anerkannter Manager als Führungsfigur im Verein und als Gesicht des 05-Fußballbetriebs – gestützt von einem loyalen Vorstand mit dem repräsentativ wirkenden Präsidenten Harald Strutz und gestützt von vier hauptamtlichen Geschäftsführern für die Bereiche Finanzen, Marketing, Organisation und Kommunikation.

Ob sich die 05er künftig als eine Kapitalgesellschaft aufstellen oder als ein eingetragener Verein mit einem kontrollierenden Aufsichtsrat und einem dreiköpfigen hauptamtlichen Vorstand, das wird den Mitgliedern im Herbst als Ideenpaket vorgestellt und ein Jahr später zur Abstimmung vorgelegt. Strukturen alleine regeln keinen Klub. Natürlich geht es noch mehr um die handelnden Personen. Auch da braucht es fachliche Erweiterung, Erneuerung. Ein Projekt, das schon länger auf der Agenda steht. Ohne den in nahezu alle Bereiche eingebundenen Heidel ist das dringlicher geworden.

Umstritten ist die künftige Rolle von Harald Strutz. Das hilft kein Schwarz-Weiß-Denken. In der Nach-Heidel-Ära wird dem seit 28 Jahren amtierenden Präsidenten eine wichtige Funktion zukommen. Der 65-Jährige ist eine (durchaus nicht schlecht bezahlte) Gallionsfigur am Bruchweg. Hilfreich mit seinen guten Beziehungen zum DFB und zur DFL. Auch zur Stadt Mainz. Strutz kann eine wichtige Rolle einnehmen, er wird mit seiner Funktionärs- und Kluberfahrung künftig gefragt sein als der Mann, der Rouven Schröder und Martin Schmidt intern und in der Öffentlichkeit den Rücken stärkt.

Noch eine Stelle offen am Bruchweg

In das operative Geschäft war der Anwalt am Bruchweg nie eingebunden. Diese Kompetenz muss aber ein künftiger hauptamtlicher Vorstandschef, der dem Sportdirektor, dem Finanzfachmann sowie den vier Geschäftsführern vorsteht, haben.

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Da wäre also noch eine Stelle offen am Bruchweg. Viele Fußballunternehmen besetzen diesen Posten mit einer dem Fußball nahestehenden Fachkraft aus der Wirtschaft. Nur ein Beispiel: Hans-Joachim Watzke, seit 2005 Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA, ein ehemaliger Landesligafußballer, ist ein Betriebswirtschaftler und Diplom-Kaufmann, der zuvor eine Firma für Arbeitschutzbekleidung und Feuerwehruniformen erfolgreich aufgebaut und viele Jahre nicht minder erfolgreich geleitet hat. Der 56-Jährige hat wirtschaftliches Denken und Handeln in dem einst hoch verschuldeten Traditionsklub verankert.

Borussia Dortmund ist heute hinter dem FC Bayern München das wirtschaftlich gesündeste und sportlich erfolgreichste Fußballunternehmen in Deutschland. Wirtschaftliche Kompetenz und Geschäftsführererfahrung aus der Industrie verkörpert im 05-Vorstand bislang lediglich der einst als selbstständiger Unternehmer tätige Andreas Krafft (IT-Branche).

Wenig diplomatische Ansage bei der Pressekonferenz

Auch ein künftiger Aufsichtsrat wird ohne wirtschaftlichen Sachverstand den künftigen Geschäftsbetrieb nicht kompetent kontrollieren können. Auch für diese Aufgabe sollten zwei, drei neue, vielleicht auch jüngere Köpfe aus der freien Wirtschaft gewonnen werden. Vor diesem Hintergrund war die Bemerkung von Harald Strutz auf der Heidel-Pressekonferenz vom Montag, dieser Klub habe sich auf seinen kurzen Entscheidungswegen nie mit profilierungssüchtigen Aufsichtsräten herumschlagen müssen, wenig diplomatisch, schon gar nicht hilfreich. Das ist ein klassisches Totschlagargument. Auch dieser Klub braucht nach dem Abgang von Heidel eine zukunftsorientierte Denk-Werkstatt. In die eventuell auch ein intelligenter, gut ausgebildeter, fachkundiger Ex-Profi Einzug halten könnte.

Diese Diskussionen stehen nun an bei den 05ern. Persönliche Interessen haben da zurückzustehen hinter den elementaren Klubinteressen.