Rehberg: Mainz 05 braucht Geduld gegen den 1. FC Köln

Auch Jairo hatte einen schweren Stand gegen die Stutgarter Serey Dié und Florian Klein. Foto: dpa

Auf Mainz 05 wartet am Sonntag gegen den 1. FC Köln ein Ballbesitzspiel - Geduld im Aufbauspiel und taktische Disziplin in der Defensive. Warum die Rheinhessen optimistisch...

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. Am Sonntag kurz vor 17.30 Uhr wird in der Coface Arena wieder „You´ll never walk alone“ ertönen. „Gerry and the pacemakers“ singen vom Band, 30.000 05-Anhänger stimmen ein. Danach werden die Spieler von Martin Schmidt zur Tempojagd blasen. Gegner ist der 1. FC Köln. Eine wunderbare Einstimmung auf diese Fußballveranstaltung haben wir am Donnerstagabend erlebt. Das Original. In Liverpool. An der Anfield Road. Wo die beiden langjährigen 05-Trainer Jürgen Klopp und Thomas Tuchel eingesperrt waren in einer gemeinsamen Coachingzone - und wo uns die beiden Mannschaften aus Liverpool und Dortmund eine epische Europaliga-Nacht beschert haben. Emotionale und physische Wucht haben spielerische Klasse bezwungen.

Als die „Reds“ in der ersten Nachspielminute – nach zwischenzeitlichem 1:3-Rückstand - das 4:3 erzielten und die Liverpool-Fans kurz darauf im Stakkatostil den Refrain ihres Songs intonierten, das war selbst vor dem Fernsehgerät ein Gänsehautmoment. „Das ist es, wofür man als Fußballer lebt, wofür man Fußball spielt und Fußball schaut“, erklärte der frühere Liverpool-Profi Dietmar Hamann schon vor dem Anpfiff. Das ist es. Und wir halten fest: „You´ll never walk alone“ stammt aus Liverpool - Klopp und Tuchel, als Fußballdirigenten genial und als Persönlichkeiten auf ihre Art faszinierend verrückt, haben die Mainzer erfunden. Und die können sich ähnlich dramatische Europapokalabende inzwischen auch vorstellen. Platz sechs in der Bundesliga, das ist eine perfekte Startrampe fünf Runden vor Saisonende.

Jairo wird besonders heiß sein

Jairo Samperio wird besonders heiß sein auf diese Chance. Der 05-Stürmer hat im Sommer 2013 als Abgänger von Racing Santander mit Spanien eine U20-WM gespielt. In jener Mannschaft stand auch Alberto Moreno, der am Donnerstagabend im Liverpool-Trikot als Linksverteidiger mächtig Druck gemacht hat. 2013/14 spielten Jairo und Moreno gemeinsam mit dem FC Sevilla in der Europaliga. Vielleicht hat Jairo nach dem Abpfiff an der Anfield Road am Fernseher noch schnell umgeschaltet auf die Verlängerung der Viertelfinalpartie seines ehemaligen Klubs gegen Athletic Bilbao. Der FC Sevilla, 2006 Uefa-Pokal-Gegner der Mainzer unter Jürgen Klopp, gewann das Elfmeterschießen mit 5:4. Auch das ein Drama.

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Jairo hat mit einem sehenswerten Treffer den 05ern am vergangenen Wochenende das 1:1 in Wolfsburg beschert. Und nun also der 1. FC Köln. In der Vorsaison lagen beide Klubs am Ende gleichauf. Neun Siege, 13 Remis, 12 Niederlagen. Jeweils 40 Punkte. Die Wege haben sich getrennt. In dieser Spielzeit sind die Mainzer weit enteilt. 45 gegen 34 Punkte. Die Schmidt-Elf hat zwar nur eine Partie weniger verloren als die Kölner, aber stramme fünf Spiele mehr gewonnen. Das macht den Unterschied. Aber wir wissen: Auswärts sind die Kölner ein extrem unangenehmer Gegner (vier Siege, sechs Remis, nur vier Niederlagen); in fremden Stadien hat der FC fünf Tore mehr geschossen als in der heimischen Arena. Trainer Peter Stöger weiß, wie man kompakt verteidigt und dann blitzartig über die Flügel nach vorne ausschwärmt. Auf die 05er wartet ein Ballbesitzspiel - mit Absicherung gegen Konterattacken.

Mainz 05 braucht gegen Köln Geduld im Aufbauspiel

Aber die Mainzer haben als klassisches Umschaltteam in der Rückrunde auch Vertrauen gewonnen in ein präzises Positionsspiel. Die Spieleröffnung aus der letzten Linie heraus hat Muster, das Freilaufverhalten und das Passspiel im Mittelfeld hat sich nach vorn entwickelt. Und beim 4:2 gegen den FC Augsburg hat die Elf gezeigt, dass sie in der Angriffszone auch über schnelle Flachpassstationen Stürmer mit dem Gesicht zum Tor zum Abschluss bringen kann. Insbesondere die Flügelspieler sind in ihren Laufwegen, in ihren Betätigungsfeldern variabler geworden. Der wuchtige Christian Clemens strahlt mehr Torgefahr aus. Und Jairo, Topscorer mit sieben Treffern und acht Torvorlagen, wird heiß sein auf sein erstes Saisontor in der Coface Arena. Unabhängig davon, dass der Spanier auch in den Halbräumen kreative Lösungen auf dem Fuß hat für das Herausspielen von Torchancen. Das entlastet Yunus Malli, der sich gegen Defensivbollwerke die Kugel auch schon mal an der Mittellinie abholen muss.

Was es gegen die Kölner braucht, das ist neben den Tempophasen nach Balleroberungen in relevanten Zonen eben auch Geduld im Aufbauspiel und taktische Disziplin in der Defensive. Überrennen lassen sich die Kölner nie, abgesehen vom 2:6 in Frankfurt (das die Eintracht auf die völlig falsche Spur gelockt hat). Aber die 05er können einen Gegner inzwischen auch wirkungsvoll bespielen. Diese Phasen gab es sogar in Wolfsburg, als die Champions-League-Mannschaft in der Offensive das Risiko gescheut hat.