Rehberg: Mainz 05? Absolut uninteressant!

Jhon Cordoba lässt sich nach dem Tor gegen Leverkusen feiern. Foto: Sascha Kopp

Mainz 05 fliegt unter dem Radar. Trotz fünftem Platz werden die Rheinhessen von den Medien kaum wahrgenommen. Andere liefern die Aufregerthemen. 05? Uninteressant! Trainer...

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. Wer unter dem Radar fliegt, der bewegt sich in einem geschützten Raum. In dem nicht ständig die Gefahr droht, von der Medienoffensive erfasst und irgendwann abgeschossen zu werden. Noch immer werden die 05er nicht wahrgenommen im oberen Tabellenviertel. Der FC Schalke 04 wird mal wieder seinen hohen Erwartungen und Ansprüchen nicht gerecht, der VfL Wolfsburg versagt mal wieder, Bayer Leverkusen taugt nicht mal mehr zum „Vizekusen“ und Borussia Dortmund wird in einer Mischung aus Mitleids- und Vorwurfshaltung belächelt als der beste und gleichzeitig chancenloseste Tabellenzweite in der Bundesligageschichte. Diese Klubs und deren Trainer sind die Aufregerthemen. In Fachmagazinen und im Internet gibt es sogar Kritiker, die der Meinung sind, dass der FC Bayern München in der Rückrunde nicht so richtig in Schwung kommt, das Staraufgebot von Pep Guardiola habe ja in der Vorrunde viel mehr Tore geschossen, da sei ein Sturmproblem auszumachen. Lustig.

Und Mainz 05 als Fünfter, gleichauf mit Borussia Mönchengladbach, das mühsam den Champions-League-Qualifikationsrang verteidigt? Uninteressant. Die einzige fette Schlagzeile mit Mainz-Bezug lautete zuletzt: „Kann er Schalke?“ Gemeint war Manager Christian Heidel. Der mal mindestens noch zweieinhalb Monate am Bruchweg zu tun hat. Diese Ablenkung wird Trainer Martin Schmidt sehr gelegen kommen. Die 05er treten am Mittwochabend in der Allianz-Arena auf. Niemand fragt: „Kann Mainz Europapokal?“ Und niemand stellt die nervtötende Frage: „Wann bekennt sich Mainz zu seinen CL-Ambitionen?“ In München geht es fast ausschließlich darum, ob Pep Guardiola das Triple schafft, wenn nicht, dann war sein Wirken in Deutschland unter der Lupe der Pseudoexperten: Nichts! Und bevor sich ein Schreiber mit dem Mainzer Höhenflug beschäftigt, ist es interessanter herauszubekommen: Wird Uli Hoeneß am dritten Tag nach seiner Haftentlassung in der Allianz-Arena auf der VIP-Tribüne sitzen?

Topsaison ohne Verlustängste

Wie gesagt, die 05er können mit dieser Nachrichtenauswahl sehr gut leben. Das sorgt dafür, dass außergewöhnliche Ergebnisse in der öffentlichen Wahrnehmung nicht in eine ganz gewöhnliche Erwartungshaltung münden. Unter dem Radar kann sich eine Mannschaft noch mit sich selbst beschäftigen. Die 05er können sich nach wie vor mit ihren eigenen Ansprüchen konfrontieren, niemand zwingt Spieler und Trainer in einen Wettstreit mit wirtschaftlich hoch überlegenen Kontrahenten. Entsprechend leben die Profis in dem Gefühl, eine Topsaison spielen zu können ohne Verlustängste. Das mag dann auf der Zielgeraden anders werden. Aber den Auftritt in München und die folgende Auswärtsaufgabe gegen Borussia Dortmund dürfen die 05er noch mit freiem Kopf und der Lust auf Leistung absolvieren. Über ein Ergebnisziel muss sich die aufmüpfige Schmidt-Mannschaft gegen die beiden Branchenführer nicht definieren.

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Die Heimbilanz der Bayern: 11 Spiele, 11 Siege, 37:4 Tore, 33 Punkte. Gigantisch. Der Tabellenführer strotzt vor Selbstvertrauen. Der SV Darmstadt 98 hat mit seiner unorthodoxen Spielweise den FCB zuletzt mal etwas geärgert in der ersten Halbzeit, doch der Pep-Adel machte aus dem 0:1-Rückstand noch einen ungefährdeten 3:1-Heimsieg. Und wie diese Erfolgself danach den VfL Wolfsburg in dessen Volkswagenstube beim 2:0 spielerisch erdrückt, phasenweise zerquetscht hat, das lässt keinen Spielraum für Mainzer Überraschungsvisionen in der Allianz-Arena. Die 05er haben mit einem außergewöhnlichen „fighting spirit“ und furiosen Tempoattacken Bayer Leverkusen niedergerungen. Dieser Ansatz lässt sich auf das Duell mit dem Branchenriesen nicht übertragen. Bayer 04 und den FC Bayern trennen Welten. Erst recht in einer englischen Woche. Physische, mentale oder emotionale Erschöpfung nach Auftritten auf der großen europäischen Bühne, das gibt es bei den Bayern selten bis nie.

Bayern wie übermächtige Aliens

Aktuell braucht die Guardiola-Mannschaft nach dem Anpfiff keine fünf Minuten, bis der Gegner das Gefühl hat, da schiebe sich gerade der riesige Schatten des außerirdischen Raumschiffs aus dem Film „Independence Day“ über die eigene Spielhälfte. Dann stehen zehn Münchner Feldspieler jenseits der Mittellinie und toben sich in einer - außerhalb der Pep-Sphäre niemals zuvor in dieser Konsequenz praktizierten – grenzenlosen Ballbesitzdominanz aus. Gegen diese chirurgisch präzise Passflut helfen keine taktischen Finessen. Da heißt es: Rennen, perfekte Organisation in der Defensive, Passwege zustellen, das Zentrum verdichten, an den Seitenplanken doppeln, die Zweikämpfe giftig führen – und die Besatzungsmacht nerven. Und ab und zu den Kopf aus Peps Gegenpressing-Schlinge ziehen und Ausflüge unternehmen in die zuweilen unbemannte Welt der gegnerischen Spielhälfte. Wem ein anderes Konzept einfällt, der möge sich bitte melden.

Vielleicht stellt Guardiola ja Serdar Tasci in die Innenverteidigung. Das wäre ein kleiner Ansatzpunkt. Der Winterzugang hat wenig Spielpraxis, der frühere Stuttgarter ist nicht sonderlich schnell und er ist von jeher ein Spekulationsabwehrspieler, der in der aggressiven Nachvorneverteidigung wenig Übung hat. Kampf-, Lauf- und Sprintduelle zwischen dem neuen Mainzer Mittelstürmerhelden Jhon Cordoba und Tasci, das könnte spannend werden. Der über Monate verletzte Franck Ribery soll bei den Bayern in die Startelf zurückkehren. Das dürfte keine Schwächung bedeuten. Der begnadete Tempodribbler hat in dieser Spielzeit bisher exakt 86 Einsatzminuten stehen: Das genügte dem Franzosen für drei Torvorbereitungen.

Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die 05er unter dem Radar bleiben bis zum Heimspiel am kommenden Sonntag gegen die Darmstädter Lilien. Aber: Auch diese 90 Minuten in der Allianz-Arena müssen erst mal gespielt werden, per Email wird Martin Schmidt die drei Punkte nicht nach München übersenden.