Rehberg: Lustvoll und zielstrebig ins Finale

Jhon Cordoba. Foto: dpa

Nach dem 3:1-Auswärtserfolg beim VfB Stuttgart hat Mainz 05 sein Finale um Europa in der heimischen Coface Arena. Gegen Hertha BSC geht es in der kommenden Woche um die direkte...

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. Die 05er haben ihr Finale. 14. Mai 2016, 15.30 Uhr, Coface Arena. Gegner ist Herthas BSC. Sieg oder Remis an diesem letzten Spieltag gegen die punktgleichen Berliner – und die Mannschaft von Martin Schmidt startet das internationale Abenteuer in der kommenden Saison direkt in der Gruppenphase der Europa League. Das wäre dann am Tag der Verabschiedung von Manager Christian Heidel der größte sportliche Erfolg in der 111-jährigen Vereinsgeschichte. Manches an Begeisterungsfähigkeit mag ja ein wenig verblasst sein in Mainz, das Timing für die ganz großen Festlichkeiten funktioniert nach wie vor.

Martin Schmidt hat mit seinem Parallelwettbewerb einen Coup gelandet. Halbfinale und Finale an den letzten beiden Spieltagen. Eine grandiose Idee. Der Trainer hat damit alle Konzentrationsleitungen ausgerichtet auf die Chancen, die in diesem Miniwettbewerb stecken. Und er hat dieses Halbfinale in Stuttgart abgekoppelt vom bisherigen Verlauf der Saison, abgekoppelt vor allem vom Negativtrend der vergangenen Wochen. Das Motto lautete: Wir haben uns für dieses Endturnier qualifiziert, jetzt wollen wir das auch gewinnen. Ultimatives Ziel: Die Hertha abfangen und in die EL-Gruppenphase einziehen. Der Schweizer hat seine Spieler mit dieser Idee emotional eingefangen.

Der 3:1-Sieg im Halbfinale in Stuttgart basierte auf einer beeindruckenden mannschaftlichen Willensleistung. Das war ein Duell Kampf gegen Widerstandsgeist. Dem die nervlich massiv belasteten Stuttgarter nur eine halbe Stunde lang gewachsen waren. Ab dem Ausgleichstreffer für die 05er war der VfB geschlagen. Hätte nicht Torhüter Mitchell Langerak einen überragenden Tag gehabt, dann hätten sich die Gastgeber ein Desaster mit einem halben Dutzend Gegentoren eingefangen.

Lustvoll und zielstrebig

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Nach der frühen Führung für den VfB funktionierte bei den Mainzern zunächst nicht viel. Die 05er mussten sich mit Hammer und Stemmeisen Schlag für Schlag in diese für den Gegner existenziell wichtige Partie hineinarbeiten. Die 05er mühten sich, aber es regnete Annahmefehler, Fehlpässe und Offensivfouls. Es brauchte einen Impuls, eine entscheidende Verstärkung. Dann rannte Karim Onisiwo leichtfüßig am überforderten Rechtsverteidiger Kevin Großkreutz vorbei, flache Hereingabe exakt auf der Abseitslinie, der einlaufende Yunus Malli vollendete mit seinem 11. Saisontreffer zum 1:1.

Dem folgten bis zum Pausenpfiff noch vier fette Chancen für Stefan Bell, Onisiwo, Jhon Cordoba und Onisiwo/Bell. Zwei Bälle rettete der großartige Langerak, ein Ball ging knapp vorbei, ein Ball landete am Pfosten. In diesen knapp zehn Minuten passierte das, was für das Team von Jürgen Kramny Gift war: In den Köpfen der VfB-Profis meldeten sich die 70 Gegentore und acht Heimniederlagen in dieser Saison sowie die ungute Tabellensituation nebst dem Druck, an diesem Tag gewinnen zu müssen. In der zweiten Halbzeit schleppten die Stuttgarter Spieler einen mit Backsteinen beladenen Rucksack mit sich herum.

Die beflügelten 05er spielten ihre mentalen Vorteile, ihre Technik und ihr Geschwindigkeitspotenzial fortan gnadenlos aus. Lustvoll und zielstrebig. Das Dribbling von Fabian Frei auf der Grundlinie, seine Flanke mit dem schwächeren linken Fuß auf den langen Pfosten, der Kopfball von Cordoba aus spitzem Winkel gegen die Laufrichtung von Langerak, dieses Kunststück zum 2:1 für die 05er brach dem taumelnden und zweifelnden VfB endgültig das Genick. Irgendwann rannten Malli, Onisiwo oder Cordoba fast im Minutentakt alleine auf den sich mannhaft wehrenden Stuttgarter Torhüter zu. Das 3:1 - Onisiwo markierte sein erstes Bundesligator nach Cordobas erneutem Durchbruch mit finalem Querpass - war nur mehr eine Frage der Zeit. In dieser Mannschaft lebte der Halbfinalgedanke. „The winner takes it all.“ Der Sieger nimmt sich alles.

Cordoba als leidenschaftlicher Kämpfer

Auch das gehört zu den entscheidenden Momenten in einer Saison: Spieler, die man lange nicht auf dem Zettel hatte, werden zu Matchwinnern. Da war der bislang eher genügsame Fabian Frei, der an der Seite des starken Julian Baumgartlinger in der Mittelfeldzentrale seine beste Leistung abfeuerte, seitdem er das 05-Trikot trägt. Der in der Rückrunde nicht mehr formstarke Yunus Malli erzwang den Ausgleich, nachdem er mehr als 740 Minuten torlos geblieben war. Karim Onisiwo, der ablösefreie Winterzugang vom österreichischen Erstligaaufsteiger SV Mattersburg, hat nach langen Verletzungs- und Aufbauwochen den Sprung zum physisch beeindruckenden Bundesligaspieler geschafft; der Reserve-Weltmeister Großkreutz hatte nie eine Chance gegen den dynamischen Mainzer Außenstürmer, der auch gegen den Ball in hohem Tempo die ganz weiten Wege geht. Und der leidenschaftliche Kämpfer Jhon Cordoba zeigte auf, was passiert, wenn der Gegner es nicht schafft, den wuchtigen Mainzer Zielstürmer mit Härte und Überzahl vom Spiel seiner Mannschaft abzuklemmen.

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Die Europapokalteilnahme steht. Jetzt geht es im Finale gegen die Hertha um den direkten Einzug in die EL-Gruppenphase. Eine fröhlichere Abschiedsparty in der Coface Arena konnte sich Christian Heidel nicht wünschen. Und der VfB, der für sein Personal fast 15 Millionen Euro mehr aufwendet als die 05er? Tränen, wütende Fans, Depression. Die Szenerie nach dem Abpfiff ließ erahnen, dass sich der Klub mit dem Abstieg schon abgefunden hat.