Rehberg: Löws Team ist reif für den Titel - heißes Herz und...

Jubel-Duo: André Schürrle (links) und Thomas Müller. Foto: dpa

Deutschland ist reif für den vierten Stern, findet unser Fußball-Experte Reinhard Rehberg. Löws Team befindet sich auf einer Titelmission. Mit einer geglückten Mischung aus...

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. Von Reinhard Rehberg

Vielleicht ist es ihnen ja ähnlich ergangen vor dem Fernsehgerät: Das 1:0 war ein sehr willkommener Start, das 2:0 mahnte erst mal zur Vorsicht (… das läuft einfach zu gut…), ab dem 3:0 wurde es unwirklich, das 4:0 weckte spontan Erinnerungen an ein 4:4 gegen Schweden, über das 5:0 konnte man sich fast schon nicht mehr freuen, Irritation. 5:0 binnen 19 Minuten in einem WM-Halbfinale gegen die hoch gehandelte Auswahl des Gastgeberlandes? Die ebenso brillant wie ungestört kombinierende deutsche Mannschaft hat sich am Dienstagabend nicht in einen Rausch gespielt, sie hat mit brutal kaltblütiger Entschlossenheit aufgedeckt, dass Brasilien der riesigen Erwartungshaltung von 200 Millionen Landsleuten bei diesem Turnier fußballerisch und emotional nie gewachsen war.

Psychischer Zusammenbruch der Brasilianer

Die brasilianischen Spieler haben direkt im Anschluss an das 0:1 den Kopf verloren, ab dem 0:2 erlebte die Elf von Felipe Scolari einen psychischen Zusammenbruch. Stecker gezogen. Strom weg. Systemtotalausfall. Festplatte gelöscht. Wie paralysiert standen die Spieler auf dem Rasen umher, unfähig, die schnellen und chirurgisch präzisen deutschen Passfolgen zu behindern. Beurteilt mit einem Sportlerherzen, war dieser seelische Ausnahmezustand des brasilianischen Teams ein trauriger Anblick. Kurios: Julio Cesar, dieser international gestählte Torwarthüne, wirkte mit seinen Aussagen nach dem Abpfiff im Tränenmeer von Belo Horizonte wie befreit von einer unmenschlichen Last. Vorbei, endlich.

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"Wir alle sind Neymar", die Neymar-Kappen, die Überlebenskampf-Appelle, der Titeldruck: Scolari und seine Motivationsstrategen haben emotional überzogen, dieses brasilianische Team ist im Verlauf dieses 1:7 gegen Deutschland seelisch implodiert. Keine Mannschaft dieser Welt kann vier Wochen lang ohne innere Überzeugung am Herzblutanschlag Fußball spielen.

Taktische Anarchisten

Schauen wir nur auf David Luiz und Marcello: Das sind große Spieler, Fußballkrieger, aber der Abwehrchef und sein Linksverteidiger rannten ab dem 0:1 nur noch (ohne jede Absicherung) nach vorne. Taktische Anarchisten. Die zentralen Mittelfeldspieler Luiz Gustavo, Fernandinho und Oscar brachen zusammen, mental und taktisch hemmungslos überfordert. Die Deutschen, eingestellt auf einen maximal intensiven Kampf, spielten tatsächlich schlau. Die DFB-Elf begegnete der zu erwartenden brasilianischen Wucht und Zweikampfschärfe nicht mit überbetonter Athletik, sondern mit Lauf- und Passgeschwindigkeit, mit Ball- und Kombinationssicherheit - und mit einer bei diesem Turnier noch nicht erlebter Zielstrebigkeit. Eine Fußballdemonstration, ein spielerischer Überfall.

Löws Auswahl befindet sich auf einer Titelmission. Mit der geglückten Mischung aus heißen Herzen und kühlem Verstand. Da hat die Trainercrew, zu der auch ein Sportpsychologe zählt, große Arbeit geleistet. Und die Spieler haben sich, auch das ist eine besondere Leistung, zu einer willensstarken, begeisterungsfähigen Gemeinschaft entwickelt. Man spürt das Miteinander und Füreinander.

Riesige Überzeugung und Lust auf Leistung

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Das defensivtaktische brasilianische Chaos hat die DFB-Elf genutzt zu einem denkwürdigen Auftritt. Intensive Läufe, Sprints, Druck auf der Kugel, kurze Kontaktzeiten in der Ballzirkulation. Die Deutschen bespielten die riesigen offenen Räume mit einer von riesiger Überzeugung und Lust auf Leistung getragenen Sicherheit. Die Deutschen können, wenn sie sich herausgefordert fühlen. An diesem Abend haben sie auch noch konsequent durchgezogen. Auch die zur Lethargie neigenden Toni Kroos und Mesut Özil. Und vor allem die wie entfesselt aufspielenden Sami Khedira und Thomas Müller. Und Miroslav Klose, der neue WM-Rekordtorschütze, der sich mit seinen 36 Jahren nicht scheute, immer wieder den wilden David Luiz bei dessen Aufbauversuchen mit hohem Laufaufwand und hoher Aggressivität zu stören. Die Löw-Elf packte alles aus. Und diese Auswahl war als Team an diesem historischen Abend mehr als die Summe ihrer herausragenden individuellen Fähigkeiten.

Und dann bliebe da noch ein Mainzer Aspekt. Die deutschen Fans intonierten den Hit der Mainzer Hofsänger "So ein Tag, so wunderschön wie heute…", und mitten hinein in diesen Gesang markierte der eingewechselte Ex-05er Andre Schürrle die Treffer zum 6:0 und 7:0. Schade für Schürrle, dass sein Traumtor ins Winkelkreuz nicht die nötige Anerkennung fand vor dem Hintergrund der Magie dieses mannschaftlichen Gesamtkunstwerks.

Deutschland steht im Finale. Jedes Spiel ist anders, jedes Spiel schreibt eine neue Geschichte. Aber diese Mannschaft ist reif für den vierten Stern.