Rehberg: Löw lobt etwas zu viel

Manchmal befällt einen Journalisten das Gefühl, er habe ein anderes Spiel gesehen als der Trainer. Kommt vor. Joachim Löw hat nach dem 0:1 des Weltmeisters gegen Brasilien...

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. Manchmal befällt einen Journalisten das Gefühl, er habe ein anderes Spiel gesehen als der Trainer. Kommt vor. Joachim Löw hat nach dem 0:1 des Weltmeisters gegen Brasilien einen hoch motivierten, maximal engagierten und spielstarken Gegner besprochen. Das war zu viel des Lobs. Die deutsche Nationalmannschaft hat nicht verloren, weil die vor vier Jahren im eigenen Land gedemütigten Brasilianer diesmal so ehrgeizig und so stark waren. Die DFB-Elf hat verloren, weil sie weder eine besondere Bereitschaft noch spielerische und taktische Qualität auf den Platz bekommen hat.

Gegen Spanien, das physisch und technisch wesentlich überzeugender aufgetreten ist als Brasilien an diesem Abend in Berlin, sahen die Deutschen in stärkerer Aufstellung besser aus. Das gibt dem Bundestrainer das gute Gefühl, dass er die maue Brasilien-Partie nicht überbewerten muss. Und es ist immer gut, wenn ein Trainer in die Vorbereitung auf ein WM-Turnier griffige Arbeitsthemen mitnehmen kann. Nach einer Testspiel-Niederlage hören gerade die Spieler eines Titelverteidigers besser zu. Vor allem auch jene Profis aus der zweiten Reihe, die für sich in Anspruch nehmen, die Etablierten unter Druck setzen zu können.

Auf der Außenbahn variabel sein

Einige deutsche Nationalspieler haben in Berlin wenig bis gar nicht auf sich aufmerksam gemacht. Das galt für Linksverteidiger Marvin Plattenhardt, der technisch ein gutes Niveau hat und der auch ein paar nette Flanken aus dem Halbfeld geschlagen hat. Aber Aggressivität, Durchsetzungswillen, Dynamik, Antrittsschnelligkeit gehen dem Hertha-Profi ab. Löw setzt da in der B-Besetzung auf eine etwas schwächere Kopie von Stammspieler Jonas Hector. Ein anderes Profil hat der Augsburger Philipp Max. Das ist ein unermüdlicher Sprinter, der zur Grundlinie zieht und mit Flanken aus vollem Lauf Tore vorbereitet. Löw schätzt bei Hector und Plattenhardt deren Ball- und Passsicherheit. Es wird Turnierspiele geben in Russland, da sind auf der Außenbahn womöglich auch mal andere Stärken gefragt.

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Ilkay Gündogan, der unter Pep Guardiola bei Manchester City glänzende Leistungen aneinanderreiht, blieb gegen die gar nicht so wilden Brasilianer fehlerhaft. Die Passquote von Mittelfeldchef Toni Kroos lag weit über der von Gündogan. Der Toptechniker will sich als Alternative zum kämpferischen Ballschlepper Sami Khedira in Stellung bringen. Das gelang dem unkonzentrierten Gündogan an diesem Abend nicht. Zu viele Rückpässe, zu viele Querpässe, zu viele Schnörkel, zu wenige Druckpässe, zu viele Fehlpässe.

Mehr Seriosität ist gefragt

In der Offensivreihe bekamen Leroy Sane und Julian Draxler keine PS auf den Rasen. Das sind zwei technisch hoch begabte und wieselflinke Tempodribbler, denen es zuweilen an konstanter Präsenz und am Durchsetzungswillen mangelt. In dieser Form sind beide keine verlässlichen Startelfkandidaten im Vergleich mit Mesut Özil und Thomas Müller. Sane ist im Kader sicher der beste Eins-gegen-Eins-Stürmer, aber der bei ManCity hoch gelobte Virtuose muss mehr Seriosität in sein Spiel bekommen. Draxler, der bei der EM 2016 und beim Confederations-Cup 2017 einen Sprung nach vorn gemacht hatte, mangelt es immer noch an feurigem Temperament und an dem letzten Funken Behauptungswillen. Sollte Marco Reus in den nächsten Wochen fit bleiben, und sollte der torgefährliche Dribbler noch in Topform kommen, dann ist der Dortmunder höher zu bewerten als der wankelmütige Ex-Schalker.

Leon Goretzka ist sicher nicht der ideale Rechtsaußen, das zeigte auch sein Auftritt gegen Brasilien. Doch der Schalker kann auf vielen Positionen sein beachtliches fußballerisches Können einbringen. Den Platz im WM-Kader sollte der Techniker abgesichert haben.

Insgesamt fällt auf, dass die deutsche Mannschaft technisch keine Probleme bekommen wird bei der WM. Das sichere Positionsspiel ist ein Trumpf. Woran Löw in der Vorbereitung wird arbeiten müssen, das ist das druckvolle, das torgefährliche Kombinationsspiel. Wenn sich die deutsche Mannschaft gefällt in der Dominanz über eigenen Ballbesitz, dann schleichen sich immer wieder Defizite im Tempo und in der Zielstrebigkeit Richtung gegnerischen Strafraum ein. In diesen Phasen sind die Mittelstürmer, gleich ob Timo Werner, Mario Gomez oder Sandro Wagner, abgeschnitten von der Ballrotation. Und dann hat das deutsche Angriffsspiel in zu langen Momenten keine Tiefe im Angriffsspiel. Das war schon der Grund, warum der Weltmeister bei der EM in Frankreich über das Halbfinale nicht hinausgekommen war. Beim 1:1 gegen Spanien sah das mit Werner und Müller zumindest etwas besser aus. Gegen Brasilien erarbeitete sich die Löw-Elf fast gar keine klare Torchance.