Rehberg: Löw hat noch viel zu tun

Im Sturm ist die deutsche Nationalmannschaft gut aufgestellt, in der Defensive gilt es für Bundestrainer Jogi Löw nicht nur, viele neue Spieler auszuprobieren, sondern auch strukturell Lösungen zu finden. Foto: dpa

Die Umstrukturierung der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hält für Jogi Löw weiterhin viel Arbeit bereit. Während in der Offensive erkennbar ist, wo der Bundestrainer...

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. Als einer der heiß gehandelten Titelfavoriten wird die DFB-Elf bei der EM 2020 nicht antreten. An diesen Gedanken muss man sich in einem vom Erfolg verwöhnten Fußballland wie Deutschland erst Mal gewöhnen. Weltmeister 2014. Chancenlos ausgeschieden in der Gruppenphase bei der WM 2018. Ein paar Monate Stillstand. Dann hat sich der Bundestrainer zur Umstrukturierung seines Kaders entschieden. Verjüngung. Dieser notwendige Entwicklungsprozess kann nicht binnen weniger Monate eine neue Weltklassemannschaft produzieren.

Wer diesen Umstand akzeptiert, der kann sich darauf freuen, dass die deutsche Nationalmannschaft beim Kontinentalturnier im kommenden Sommer möglicherweise einen frischeren, einen aggressiveren, einen schnelleren, einen mitreißenderen Fußball spielt als bei der WM 2018. Wenn Jogi Löw es in dieser Phase des Umbruchs schafft, zur EM eine junge Mannschaft an den Start zu bringen, die eine Halbfinal-Perspektive hat, dann wäre das schon gut. Dass in diesem Moment eine Mannschaft auf dem Platz steht, die ob vieler Absagen von verletzten Spielern noch gar keine Kontinuität und verlässliche Qualität aufzeigen kann, ist normal.

Die jüngsten Ergebnisse, das 2:2 gegen Argentinien und das 3:0 in Estland, haben aufgezeigt, dass die aktuellen Nationalspieler gute Phasen und Willenskraft mobilisieren können. Das funktionierte in beiden Spielen nicht über 90 Minuten. Aber sehr ordentliche Ansätze und problematischere Phasen hielten sich die Waage. Immerhin.

In der Defensive muss etwas passieren

In der Offensive ist erkennbar, wo Löw hin will: Der Bundestrainer wird seinen Anspruch an einen kombinationssicheren Ballbesitz nicht komplett aufgeben, aber die Tendenz zu schnellem Umschaltspiel mit direkteren Wegen in die Tiefe wird ein neuer Schwerpunkt sein. Die vorderste Abteilung mit Serge Gnabry, Marco Reus, Timo Werner und eventuell auch noch Leroy Sané gibt das her. Das Sondertalent Kai Havertz kann einer der Ankurbler und Passgeber werden.

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Gegen den Ball ist noch keine klare Linie erkennbar. Das sollte man nicht nur festmachen an der begrenzten Auswahl an international hochrangigen Innenverteidigern, Außenverteidigern sowie defensiv orientierten Mittelfeldspielern, die kämpferisch, technisch u n d strategisch begabt sind. Da hat Löw aktuell auf höchstem Niveau im Abwehrzentrum Niklas Süle und im Mittelfeldzentrum Toni Kroos und Joshua Kimmich. Und auch da gibt es Defizite: Süle braucht in seinem jungen Alter noch einen sehr befähigten Nebenmann – Kroos und Kimmich fehlt es gegen Weltklassegegner in der Verteidigung der Räume vor der Abwehrreihe an Geschwindigkeit, Kroos auch an Aggressivität.

Demnach besteht die Aufgabe von Löw nicht nur darin, viele neue Spieler auszuprobieren, sondern auch strukturell Lösungen zu finden. Das Rückzugsverhalten muss sich bis zur EM dahin verbessern, dass die gesamte Mannschaft mit einem hohen läuferischen Aufwand und ausgeprägter taktischer Disziplin gegen den Ball sehr zügig in eine kompakte Formation findet. Damit die turnier-unerfahrene und auf den Außenverteidigerpositionen mittelprächtig besetzte letzte Reihe ausreichend geschützt wird.