Rehberg: Liverpooler Herzblut gegen königliche Eleganz

Loris Karius. Foto: dpa

Am Samstagabend ist es soweit. Dann steht Liverpool mit Trainer Jürgen Klopp im Champions League-Finale. Natürlich ist der Titelverteidiger Real Madrid der haushohe Favorit....

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. An das exakte Jahr erinnere ich mich nicht mehr. Wir saßen in einem Winter-Trainingslager in Andalusien eine halbe Nacht auf einer Bank im Hotelgarten. Der junge Mainz-05-Trainer Jürgen Klopp regte sich auf. Aber so richtig. „Wie kann man so etwas sagen? Wie kann man so denken? Was ist das für eine Einstellung?“ Ich hatte als Thema eingebracht, ob es nicht extrem anstrengend sei als Trainer, immer, immer und immer gewinnen zu müssen. Klopp verstand die Frage nicht. „Es geht immer, immer, immer nur darum, das Spiel zu gewinnen! Was denn sonst? Warum sonst sollte man Wettkampfsport betreiben?“ Verlieren hat Klopp von Beginn an seiner Karriere körperliche Schmerzen bereitet.

Heute gehört der 50-Jährige zu den Weltstars in der Fußballbranche. Vor der ersten Pressekonferenz zum Champions-League-Finale 2018 an diesem Samstagabend in Kiew zwischen Real Madrid und dem FC Liverpool wusste Klopp, welches Thema gestresst werden würde: Der Mann aus dem Schwarzwald hat auf seinem grandiosen Erfolgsweg von Mainz über Dortmund nach Liverpool von sechs Endspielen fünf verloren. Nicht eingerechnet das legendäre Zweitligafinale als Spieler mit Mainz 05 1997 in Wolfsburg (4:5) und als 05-Trainer das nicht minder erinnerungswürdige Zweitligafinale 2002 bei Union Berlin (1:3).

Klopp formt Mannschaften

Nun muss man bedenken, dass Klopp im Gegensatz zu einigen seiner berühmten Kollegen nie eine Weltklasse-Auswahl übernommen hat. Er hat seine Mannschaften dazu geformt. In die Endspiele zog er fast immer als Außenseiter ein. Auch bei seinem ersten CL-Finale 2013 in London war der FC Bayern der Favorit. Arjen Robben markierte das 2:1-Siegtor für die Elf von Jupp Heynckes. 2016 unterlag der FC Liverpool im Europaliga-Finale in Basel dem Titelverteidiger FC Sevilla mit 1:3. Da war Klopp gerade erst dabei, den „Reds“ ein neues Gesicht zu geben.

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Nur zwei Jahre später steht der FC Liverpool im CL-Finale. Natürlich ist der Titelverteidiger Real Madrid der haushohe Favorit. Aber: Klopp wird an allen Ketten zerren, sechs von sieben Endspielen will der Erfolgsmensch nicht verlieren - egal wie der Gegner heißt. Der Kollege Zinedine Zidane, der als Spieler alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt auf diesem Erdball, der als Jungtrainer im vergangenen Jahr auf Anhieb die Champions League gewonnen hat, leitet in Madrid ein Ensemble an, das vor internationaler Erfahrung nur so strotzt. Sergio Ramos, Marcelo, Toni Kroos, Karim Benzema und der unerschütterliche Toremacher Cristiano Ronaldo, das sind Säulen, die nicht in Topform sein müssen, um mit wenigen guten Szenen ein Finale entscheiden zu können. Real hat den dritten CL-Triumph hintereinander vor Augen. Genau für diese Abende leben die von Erfolgen verwöhnten Stars.

Gegensätzliche Fußballauffassungen

Was kann Klopp der spielerischen Eleganz und der gnadenlosen Effizienz von Real entgegensetzen? Herzblut. Emotionalität. Bedingungslose Lauf- und Opferbereitschaft. Aggresssives Pressing und Gegenpressing. Tempogeladene und extrem geradlinige Umschaltüberfälle, in denen die „Reds“ nicht mehr als zwei, drei Pässe benötigen, um binnen vier bis acht Sekunden zum Abschluss zu kommen. Über die Sturmraketen Mohamed Salah, Roberto Firmino und Sadio Mané. Diesen hoch intensiven, krachenden, feurigen Spielstil hat sich Klopp in Mainz ausgedacht und kontinuierlich weiterentwickelt. Passorgien in torungefährlichen Räumen, damit kann Klopp wenig anfangen. Das ist das Spiel von Toni Kroos, der Reals Kombinationsmaschinerie organisiert. In Kiew treffen maximal gegensätzliche Fußballauffassungen aufeinander.

Die früher wacklige Abwehr der Liverpooler hat sich deutlich stabilisiert durch den herausragenden Winter-Zugang Virgil van Dijk. Und dann werden auch die Torhüter eine wichtige Rolle spielen. Real-Keeper Keylor Navas, der 1,85 Meter „kleine“ Mann aus Costa Rica, ist oft belächelt worden - im Halbfinale hat er mit großen Paraden in beiden Spielen den FC Bayern gestoppt.

Karius wird in England kritisch beäugt

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Klopp baut auf Loris Karius. Das ist nach Wolfgang Kneib der zweite ehemalige Mainz-05-Torhüter, der ein europäisches Finale bestreiten darf. Kneib spielte für die 05er drei Jahre in der zweiten Liga Süd, dann wechselte er zum SV Wiesbaden. Ein Jahr später entdeckte Borussia Mönchengladbach den aus Zornheim stammenden Riesenkerl. Wieder ein Jahr später, 1977: Die Gladbacher standen mit Kneib als neuer Nummer eins im Finale des Landesmeistercups. In Rom. Gegner: Der FC Liverpool. Die „Reds“ um Kevin Keegan schnappten sich mit einem 3:1-Sieg zum ersten Mal den Henkeltopf.

31 Jahre später ist es der - von 05-Torwarttrainer Stephan Kuhnert zum Klassekeeper geformte - Komet Karius, der mit dem FC Liverpool die Hand ausstreckt nach dem Pokal mit den großen Ohren. Die Juve-Legende Gigi Buffon ist 40 Jahre alt geworden zwischen den Pfosten, ohne jemals diesen Pott gewonnen zu haben. Karius wird im Juni gerade mal 25 Jahre alt. Die englische Presse beäugt den selbstbewussten jungen Mann mit der tiefen Stimme sehr kritisch. Doch der in Biberach geborene Torhüter ruht in sich. Er behauptet seinen Posten souverän.

Wenn es einen traurigen Endspiel-Aspekt gibt, dann den: Zeljko Buvac, seit 2001 an der Seite von Jürgen Klopp, verpasst den großen Moment in Kiew nach der kürzlichen Trennung von seinem Cheftrainer. Besser geht es da Christopher Rohrbeck: Der im vergangenen Sommer nach Liverpool gewechselte langjährige 05-Physiotherapeut ist beim Finale mitten drin. Ebenso wie Piet Krawietz, der Gonsenheimer, der auch schon seit vielen neben oder hinter Klopp auf der Bank sitzt.