Rehberg: Kirmesboxerei im Estadio Municipal in Marbella

Das Testspiel gegen Standard Lüttich stand kurz vor dem Abbruch. Foto: rcsp/Vigneron

In Trainingslagern passiert nicht viel? Von wegen. Das war ein aufregender Samstag. Zunächst mal die Kirmesboxerei im Estadio Municipal in Marbella. Einen derart turbulenten...

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. In Trainingslagern passiert nicht viel? Von wegen. Das war ein aufregender Samstag. Zunächst mal die Kirmesboxerei im Estadio Municipal in Marbella. Einen derart turbulenten Schlagabtausch wie zwischen den 05-Profis und einigen Pitbull-Kickern von Standard Lüttich haben wir lange nicht mehr erlebt. Vor rund 10 Jahren hatte es mal im andalusischen Chiclana ähnlich gescheppert zwischen den Mainzern und einer russischen Mannschaft. Damals war es Miroslav Pekovic, dieser schweigsame und intelligente Mensch, der in seiner Freizeit gerne Physik-Fachzeitschriften las, der sich als wehrhafter Infighter einen Namen machte.

Heute wissen die 05er seit der 81. Minute von Marbella: Wenn es auf dem Feld außersportlich etwas zu regeln gilt, dann ist Verlass auf Gonzalo Jara, Henrique Sereno und Christian Clemens. Auch auf Maximilian Beister, der trotz Magen-Darm-Verstimmung von der Tribüne aufsprang, mit schnellen Schritten die Laufbahn überquerte und sich wirkungsvoll in die Kampfhandlungen vor der Lüttich-Bank einmischte.

An den jeweiligen Kampftechniken muss noch gearbeitet werden. Jaras Führhand ist sehr gut, der rechte Aufwärtshaken kann besser kommen. Sereno besticht durch seinen sehr besonnenen Box-Stil, aber die Deckung hat Lücken und die Ohrschellenaktionen bringen Wertungspunkte, aber keine Wirkungstreffer. Clemens kommt mehr aus der Kung-Fu-Abteilung, Beister scheint sich im Ringersport auszukennen. Einige mit schwarzen Kapuzenjacken auf der Tribüne sitzende Fans von Dynamo Dresden hatten ihren Spaß. Aus dieser Ecke soll eine matschige Mandarine ins Kampfgetümmel geflogen sein. Trainer Martin Schmidt war allerdings wenig erbaut davon, dass sich seine Kampfeinheit nach der Rückkehr zu ihrer Kernsportart noch die Gegentore zum 0:2 und 0:3 eingefangen hatte gegen diese im Schnitt 19 Jahre alte Kindergarten-Auswahl, die Standard Lüttich in der Schlussphase auf dem Feld hatte.

Der 05-Manager regelte die Dinge mit dem überlegt agierenden Schiedsrichter

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Sehr geärgert hat sich Benni Hofmann. Vor dem Anpfiff hatte 05-Medienmann Daniel Haas von den Mainzer Journalisten die Ergebnistipps eingeholt. Hofmann, Redakteur beim Fachmagazin „kicker“, hatte mutig „Spielabbruch“ notieren lassen. Den verhinderte Christian Heidel. Martin Schmidt hatte seine Mannen schon in der Platzmitte zusammengerufen für einen möglichen vorzeitigen Kabinengang. Der 05-Manager regelte die Dinge mit dem sehr überlegt agierenden spanischen Schiedsrichter. Weiter ging´s. Danach herrschte auf dem Feld eine Ruhe wie im Gebetshaus. Benni Hofmann entging dadurch der erste Preis, eine Tasse Cafe con leche. Heidel machte das wieder gut mit seiner abendlichen Einladung für die gesamte Medienmeute in das Restaurant „El Gaucho“ im Hafen von Puerto Buenos. Dazu später.

Die sportlichen Erkenntnisse sollen auch noch angesprochen werden. Schmidt hatte gegen die giftigen Pressing- und Konterspezialisten aus Belgien Ballbesitzfußball angeordnet. Im 4-2-3-1. Die Spieleröffnung betrieben die beiden breit operierenden Innenverteidiger Stefan Bell und Alex Hack, erster Passadressat war dann der im Aufbau als alleiniger Sechser auftretende Julian Baumagrtlinger, der Kollege Danny Latza und Zehner Yunus Malli sollten sich in den vorderen Halbräumen anspielbar machen, in der Spitze betätigte sich Jhon Cordoba als Wandstürmer. Eingerahmt wurde diese innere Rautenanordnung durch die Flügelstürmer Jairo und Yoshinori Muto.

Geklappt hat diese Variante, die der Cheftrainer im Auge hat für Situationen, in denen etwa ein Rückstand aufzuholen ist, nur leidlich. Etwa ab der 20. Minute erarbeiteten sich die 05er Dominanz bis zum Pausenpfiff, aber eine echte Torchance hatten nur Muto und Jairo. Im Aufbau funktionierten die Passmuster nicht, im Angriffsdrittel stimmten die Laufwege oft nicht oder es mangelte am Durchsetzungswillen. Muto hatte als Linksaußen ein paar nette Szenen, Cordoba behauptete vorne den ein oder anderen Ball, mehr war da nicht.

Daniel Brosinski hatte nicht seinen besten Tag

Und weil die 05er im Gegenpressing zwar viele Leute in der vorderen Linie hatten, dort aber nicht organisiert und geschlossen attackierten, ergaben sich für die Lütticher mit ihren flinken Angreifern sperrangelweit offene Räume für flott vorgetragene Umschaltüberfälle. Und da hatte insbesondere Daniel Brosinski nicht seinen besten Tag, der Rechtsverteidiger verlor diverse Zweikämpfe.

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Fazit von Martin Schmidt: Man habe mal wieder gesehen, „dass spielerische Überlegenheit gar nichts bringt“. Und: „Training ist nicht gleich Spiel.“ In den Übungsspielformen im Marbella Football Center hatten die 05-Profis ihr Potenzial im eigenen Ballbesitz tatsächlich deutlich gesteigert. Im Wettkampf war davon nicht viel zu sehen. Was aber überhaupt nicht für einen Abbruch dieses Projekts sprechen sollte. Eher im Gegenteil. Es braucht auch Ball- und Passsicherheit gegen tief verteidigende Gegner.

Der Abend im „El Gaucho“ vor der Kulisse von schnittigen Nobelkarossen auf den Parkplätzen und sündhaft teuren Luxusjachten im Hafen war lustig. Am Nachbartisch verschlummerte in einer Viererrunde ein älterer Englishman. Das mag am eigenwilligen Fernsehprogramm gelegen haben. Das spanische „Sky“ bot Bundesligafußball. Motto: „Köln-Night“. Und was flimmerte beim Einzug in den Genusstempel zufällig über den an der Stirnwand angeschraubten Bildschirm? Die Geißböcke gegen Mainz 05. 90 Minuten. 0:0. Und danach? Die Geißböcke gegen Darmstadt 98. 90 Minuten. 0:0. Und danach? Die Geißböcke gegen den FC Augsburg. 90 Minuten. 0:1, Tor in der 64. Minute. Da kippte unserem Englishman immer wieder die Rübe auf die Tischplatte, die Schnarchgeräusche waren unüberhörbar. Nach ein paar Gläsern Rioja störte das keinen mehr.