Rehberg: Katastrophenstimmung ist jetzt unangebracht

Neuzugang Giulio Donati (links) beim ersten Training mit Mainz 05. Foto: dpa

Ein krasses Wochenende, ein turbulenter Start in die zweite Halbserie, findet Rehberg. Die Tabelle weist aus: Die zehn Punkte Abstand zum Abstiegsplatz haben für die 05er...

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. Werder Bremen gewinnt beim FC Schalke 04. Der VfB Stuttgart gewinnt beim 1. FC Köln. Die Frankfurter Eintracht schlägt nach einer utopisch schwachen ersten Halbzeit in der Schlussminute den VfL Wolfsburg. Der SV Darmstadt 98 schnappt Thomas Schaaf bei dessen Debüt als Trainer von Hannover 96 lässig und verdient die drei Punkte weg. Der FC Augsburg erkämpft ein Remis in Berlin. Und die Mainzer verlieren auch das Rückrundenspiel gegen den Aufsteiger FC Ingolstadt.

Im Tabellenkeller tobt der Aufstand

Und die Tabelle weist aus: Die zehn Zähler Abstand zum ersten Abstiegsplatz haben für die 05er Bestand – aber der Vorsprung auf den Relegationsplatz ist schon geschmolzen und beträgt „nur“ noch sechs Punkte. Die gesamte untere Tabellenhälfte hat sich zusammengeschoben. Ein krasses Wochenende, Hammer, kommentieren die berufsjugendlichen Fernsehreporter. Im Keller tobt der Aufstand. Wir halten fest nach dem turbulenten Start in die zweite Halbserie: Es kann schnell gehen mit einer Abwärtsbewegung - eigene Niederlagen und überraschende Erfolge von Konkurrenten haben für die eigene Moral manchmal die Wirkung von Keulenschlägen.

Die Erfahrung lehrt aber, dass die Überbetonung einer sorgenvollen Betrachtungsweise kein guter Ratgeber ist. Das Ergebnis-Riesenrad ist Tagesgeschäft. Die Eintracht hat sich mit dem glücklichen Last-Minute-Sieg gegen die auf die Champions League fokussierten Wolfsburger auf 20 Punkte gehievt – und alles ist super in dieser Woche. Tatsächlich steckt die Elf von Armin Veh mit lediglich zwei Punkten Vorsprung vor dem Relegationsrang weiterhin in einer wesentlich schwierigeren Lage als die Mainzer. Und das gilt auch für die Bremer, für die Stuttgarter, für die Augsburger. Nur die Zuversicht ist gewachsen bei diesen Mannschaften. Aber das wird sich wochenweise wieder ändern.

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Nerven bewahren und Antennen ausfahren

Für die 05er heißt das: Nerven bewahren und Konzentration auf die fußballerischen Inhalte. Die Elf von Martin Schmidt hat beim 0:1 in Ingolstadt ihr Potenzial nicht mal im Ansatz abgerufen. Das Team, das hat die Hinrunde bewiesen, kann ganz anders auftreten. Alle Antennen ausfahren in dieser Trainingswoche, ja, das ist angebracht. Aber eine Katastrophenstimmung? Das führt auf den falschen Pfad. Dieser Ansatz hätte überhaupt keinen Mehrwert im Hinblick auf das anstehende Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach.

Die 05er haben Probleme gegen extrem aggressive, überall auf dem Feld Mann gegen Mann attackierende Gegner. Das hat sich auch in Ingolstadt gezeigt. Die 05er haben Probleme, aus dem strukturierten Positionsspiel heraus Torchancen herauszukombinieren gegen hart, eng und tief verteidigende Gegner. Auch das hat sich in Ingolstadt gezeigt, spätestens nach dem unberechtigten Handelfmeter zum 0:1. Die 05er haben Probleme damit, einen Rückstand wettzumachen. Auch das hat sich in Ingolstadt wieder gezeigt. Und das hängt direkt zusammen mit den ersten beiden Aspekten. Und dazu kam: Die Schmidt-Elf hat beim Aufsteiger auch ihre Topstärke nicht zur Geltung gebracht – die 05er spielten selbst ihre offensiven Umschaltgelegenheiten, und die gab es, sehr schlampig aus, spätestens beim vorletzten oder letzten Pass auf dem Weg zur Torchance. Und wenn das Anspiel in die Tiefe kam, dann stand der extrem arbeitswillige und die Kugel gut absichernde, aber in seinen Sprintwegen (noch) nicht clevere Mittelstürmer Jhon Cordoba ein halbes Dutzend mal im Abseits.

Zweikampfgift und Passpräzision

Das Thema für die kommenden sieben Wochen lautet: Die 05er müssen in den Duellen mit fünf Spitzen- und drei Abstiegskampfteams ihre Basisstärken - stabile Defensivorganisation und zielstrebige Konterzüge mit möglichst hoher Abschlusseffizienz - wieder als klares Systembild auf den Platz bringen. Zweikampfgift, Passpräzision, Tempo und Durchsetzungswillen sind dafür die wichtigsten Antriebswellen.

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Helfen soll dabei der Italiener Giulio Donati. Ein laufstarker, aggressiver, defensivtaktisch gut geschulter Rechtsverteidiger. Ein Arbeiter, der auch in der Spieleröffnung, im Aufbauspiel und im Angriffsdrittel sehr solide Leistungen abrufen kann. Der 26-jährige Januar-Zugang wird mit seinem Können und mit seiner Erfahrung aus den nationalen und internationalen Auftritten mit Bayer Leverkusen entweder Daniel Brosinski zu konstanterer Qualität antreiben - oder selbst in der Startelf stehen. Wenn der Konkurrenzdruck im Kader steigt, dann wirkt sich das nicht selten leistungssteigernd aus. Gefahren lauern im Miteinander. Der Kader ist noch größer und dichter geworden. Und wenn am Spieltag zu viele gestandene Profis auf der Tribüne Platz nehmen müssen, dann kann das Unzufriedenheit schüren. Und die Entstehung von unterschiedlichen Interessengruppen. Da ist der Cheftrainer verstärkt gefordert als überzeugender Moderator. Schon jetzt sind die bisherigen Stammkräfte Niko Bungert und Pierre Bengtsson nicht eben bester Laune nach ihrem Startsamstag im Fernsehsessel.

Verhältnisse wie beim FC Schalke 04 sind in Mainz allerdings undenkbar. Dort streuen Insider an die Medien interne Spannungen, wonach Trainer André Breitenreiter menschlich eine Pfeife sei und fachlich ein Dünnbrettbohrer. Und der zuständige Sky-Reporter schickt das im Ruhrpottslang über den Bildschirm, als verkünde er nicht anzuzweifelnde Wahrheiten aus erster Hand.

Ein Mann mit Erfahrung

Noch ein Wort zu Giulio Donati. Der Profi wurde von den Spähern aus Leverkusen entdeckt bei der U21-EM 2013 in Israel. Dort erreichte Italien mit dem Rechtsverteidiger als Stammspieler das Endspiel. Dieses Finale vor 30.000 Zuschauern im Teddy-Kollek-Stadion in Jerusalem gewann Spanien mit 4:1. Thiago, heute einer der Stars beim FC Bayern, schoss drei Tore; ein Treffer ging auf das Konto von Isco, der heute bei Real Madrid als ein großes Spielmachertalent gilt. Die Italiener traten unter anderem an mit Luca Caldirola (Darmstadt 98), mit dem Ex-Dortmunder Ciro Immobile und mit Marco Verratti, heute Stammspieler beim Scheich-Klub FC Paris St. Germain. Donati hat also schon etwas erlebt im Fußball, dazu gehören auch 13 Champions-League-Spiele im Bayer-Trikot.