Rehberg: Jetzt geht es um die Sahne auf dem leckeren Kuchen

Muss wegen eine Gelbsperre gegen den HSV zuschauen: Julian Baumgartlinger (rechts), hier im Kampf gegen Ivo Ilicevic (links) und Sven Schipplock vom HSV. Foto: dpa

Die Ausgangsposition ist für Mainz 05 ein Traum. Ligasechster bei drei Zählern Rückstand auf den Fünften und vier Zählern auf den Vierten. Und nun kommt der HSV. Eine...

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. Natürlich wabert das der Trainercrew, den Spielern und den Verantwortlichen durch den Kopf. Europaleague. Das wäre der vierte internationale Auftritt binnen zehn Jahren Erstligazugehörigkeit. Günstiger waren die Chancen drei Spieltage vor Saisonende noch nie für die Mainzer. Fünf Punkte Vorsprung. Vor dem 1. FC Köln und vor dem FC Ingolstadt, die auch noch die schlechtere Tordifferenz ausweisen (minus vier und minus sechs gegenüber plus zwei der 05er). Und selbst zwei Niederlagen hintereinander haben nicht verhindern können, dass die 05er als Ligasechster bei drei Zählern Rückstand auf den Fünften (Borussia Mönchengladbach) und vier Zählern Rückstand auf den Vierten (Hertha BSC) noch in ganz andere Tabellenregionen vorstoßen können. Zumal die Gladbacher an diesem Wochenende beim FC Bayern und die Berliner in Leverkusen auflaufen müssen. Das sind die Fakten. Und zu denen zählt auch, dass die Hertha am letzten Spieltag in der Coface Arena anzutreten hat.

Diese Ausgangsposition ist für die 05er ein Traum. Und nun kommt der Hamburger SV nach Mainz. Ein Gegner aus dem Niemandsland der Tabelle. Der sich aber, und das übersieht man gerne ob der Wankelmütigkeit der Elf von Bruno Labbadia, auswärts nicht viel schlechter schlägt als die Mainzer. Die Entscheidungsphase ist eingeläutet. Da sollten in der Coface Arena die Wände wackeln. Das sind die Tage, an denen jeder gewonnene Zweikampf und jeder erzwungene Eckball der Heimelf die Atmosphäre im Stadion anheizt. Auch die Stimmung in der Coface Arena, die ja in der kommenden Saison einen neuen Namen tragen wird, kann jetzt ein Faktor sein. Dafür, dass die 05-Profis nicht mehr mit angezogener Handbremse aufs Gaspedal treten, sondern dass sie ihre mentalen und emotionalen Grenzen nach oben erweitern, dass sie lustvoll alles ausreizen, was aus dieser Erfolgssaison noch zusätzlich herauszuholen ist. Jetzt geht es um die Sahne auf dem leckeren Kuchen. Beschallung beflügelt die Überzeugung auf dem Rasen.

Als in den Bretzenheimer Feldern die Hamster tanzten

Wir kennen das aus dem letzten Spiel mit Thomas Tuchel. Als die 05er 2013/14 am letzten Spieltag einen gar nicht mal schwachen HSV in Mainz mit 3:2 in die Knie zwangen. Das bedeutete den Einzug in die EL-Qualifikation. Da bebte die Arena - und in den Bretzenheimer Feldern tanzten die Hamster. Diese Unterstützung benötigt diese Mannschaft jetzt. Der gesperrte Leon Balogun fällt aus, der gesperrte Kapitän Julian Baumgartlinger fehlt. Aber es gibt in besonderen Situationen immer wieder diesen besonderen Geist von personell geschwächten Mannschaften. In der Innenverteidiger dürfte Alexander Hack die erste Option sein als Nebenmann von Stefan Bell. Es muss kein Nachteil sein, wenn die 05er mit einem Linksfuß in der letzten Reihe die Spieleröffnung betreiben können, zumal Hack ein glänzendes Passspiel hat. Im Mittelfeldzentrum wird sich Martin Schmidt in diesem zu erwartenden Kampfspiel wohl für das Duo Danny Latza/Suat Serdar entscheiden. Der HSV tritt in dieser Zone wahrscheinlich mit dem jungen Kämpfer Gideon Jung und dem erfahrenen Techniker Lewis Holtby an. Das passt. Jung wird versuchen, das Passspiel von Latza einzudämmen, der giftige Serdar wird versuchen, dem Ex-05er Holtby die Bälle zu klauen.

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Auch der HSV hat nicht seine volle Kapelle am Start. Ex-05-Stürmer Nikolai Müller muss einen Muskelfaserriss ausheilen, der junge Antreiber Michael Gregoritsch und Torjäger Pierre-Michel Lasogga brummen ihre Gelb-Sperre ab. In der Offensive wird Labbadia sicher auf Routinier Aaron Hunt, auf den schwedischen Winter-Zugang Nabil Bahoui und auf den groß gewachsenen Stoßstürmer Sven Schipplock setzen. Und dann geht es darum, welche der beiden dezimierten Mannschaften das stärkere Motiv hat, kompromisslose Kampfbereitschaft und Willen zu mobilisieren. Der HSV wird mit seinen 37 Punkten nicht mehr absteigen. Die 05er haben eine gewaltige Anerkennung und Reisen durch Europa vor Augen. Da heißt das Motto: Gedankliche Fesseln abstreifen im eigenen Haus und diesem Gegner zeigen, wer hier mit der größeren Leidenschaft die drei Punkte stemmen will.

Kerngesund auf Europa-Kurs

Und dann können die Mainzer etwas schaffen, wovon der große HSV, der sich dem „Team Marktwert“ angeschlossen hat, das bekanntlich einen Popularitätsbonus fordert aus dem Fernsehgeld-Topf, seit Jahren weit entfernt ist. Die Fußball-AG sitzt auf einem Schuldenberg von 90 Millionen Euro. Das Hamburger Großbürgertum ist gerade dabei, dem Fußball-Unternehmen 25 Millionen Euro zu leihen, damit die fälligen letzten Raten für den Stadionausbau beglichen werden können. Zusätzlich ist eine mit 4,5 bis 5,5 Prozent zu verzinsende Fan-Anleihe geplant. Auch, um die 2019 fällige Rückzahlung der Fan-Anleihe aus dem Jahr 2012 gewährleisten zu können. Der HSV lebt auf Pump. Begabte Spieler in einem interessanten Alter, die nennenswerte Ablösesummen garantieren würden, hat sich der Klub auch nicht herangezogen. Die 05er segeln mit Mehrwert-Talenten wie Loris Karius, Yunus Malli, Jairo, Jhon Cordoba oder Suat Serdar wirtschaftlich kerngesund auf Europa-Kurs.