Rehberg: Im Zeichen des Ballbesitzes

Martin Schmidt und Julian Baumgartlinger im Trainingslager in Marbella. Foto: rscp / René Vigneron.

Sechs Tage Trainingslager in Marbella sind für Mainz 05 vorüber. Der Großteil der Übungseinheiten beschäftigte sich dort mit dem Thema "Verbesserung des eigenen...

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. Für Martin Schmidt ist dies die erste Winter-Vorbereitung nach knapp einem Jahr als Bundesligatrainer. Ob die Grundlagenmaloche sowie der individuelle und mannschaftliche Formaufbau funktionieren bis zum Rückrundenstart, darauf wird auch der Fachmann aus der Schweiz gespannt sein. Die am Montag zu Ende gehende Arbeit in den sechs Tagen an der Costa del Sol haben den 05-Chefcoach sehr zufrieden gestellt. Nun hat man in diesen Campsituationen noch nie einen Übungsleiter klagen gehört: Das Hotel war schuftig, das Essen hat uns Magen-Darm-Probleme beschert, die Qualität des Übungsgeländes war eine Katastrophe, auf dem Trainingsrasen haben sich die Maulwürfe ausgetobt, das miese Wetter hat uns die Laune verdorben, die Spieler haben in keiner Minute richtig mitgezogen und abends nur vor großen Biergläsern ihr Geld verpokert. Das gibt es nicht. Fazits vor der Heimreise sind zu 99 Prozent positiv. Standardformulierung: „Wir haben hart und gut gearbeitet.“

Schmidts Zufriedenheit ist nachvollziehbar. Er bringt vor allem keine verletzten Spieler mit nach Hause. Niko Bungert ist leicht angeschlagen. Eine Bagatelle. Unabhängig davon, dass in den Testspielen gegen Standard Lüttich (0:3) und den FC Brügge (2:0) die internen Alternativen Leon Balogun und Alexander Hack auf der Innenverteidigerposition gute bis hervorragende Leistungen abgeliefert haben. Da ist ein echter, ein qualitativ hochwertiger Konkurrenzkampf entstanden. Balogun ist wahrscheinlich der beste Nachvorneverteidiger in dieser Abteilung, der junge Hack besticht mit seiner Kopfballüberlegenheit, mit seiner Ruhe am Ball, mit seiner souveränen Spieleröffnung. Bungert bleibt ein konsequenter Zweikämpfer mit viel Erfahrung. Und der Routinier ist eingespielt mit Stefan Bell.

4-1-4-1 und 4-1-2-3

Die Tage in Marbella standen spielerisch im Zeichen der Verbesserung des eigenen Ballbesitzes. Ein guter, ein notwendiger Ansatz. Diese Mannschaft braucht Lösungen für Situationen, in denen der Gegner eng und tief in der eigenen Hälfte verteidigt. Die meisten Übungseinheiten im Marbella Football Center beschäftigten sich mit diesem Thema. In den beiden Testspielen hat Schmidt als zusätzliche Grundaufstellungsvariante ein flexibles 4-3-3 vorgestellt. Im heutigen Fußball muss man unterscheiden zwischen Defensiv- und Offensivhandlung. Hat der Gegner den Ball, dann organisieren die 05er ihr Anlaufverhalten nicht mehr im flachen 4-4-2, sondern aus dem 4-1-4-1 heraus. Da lässt sich der defensiv denkende Mittelfeldspieler als alleiniger Sechser zurückfallen zwischen die beiden Viererreihen. Das wäre dann wahlweise Julian Baumgartlinger oder Fabian Frei. Was der Österreicher kann, das ist bekannt. Aber auch dem Schweizer taugt diese Position: Da ist Frei eher als Defensivorganisator und Raumdominator gefragt, weniger als permanenter Balljäger.

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Im eigenen Ballbesitz spielen die 05er dann ein 4-1-2-3-System. Wollte man es ganz korrekt ausdrücken (wobei im Offensivverhalten die Grundordnungspositionen immer schwimmend angelegt sind), dann käme man auf ein 2-3-2-3: Die beiden Innenverteidiger betreiben die Spieleröffnung, die beiden Außenverteidiger verschieben sich nach vorne auf Höhe des Sechsers und die beiden anderen Mittelfeldspieler tummeln sich in den offensiven Halbräumen, flankiert von zwei klassischen Flügelstürmern - und im Zentrum wütet ein die Bälle verarbeitender wuchtiger Wandmittelstürmer. Das ist eine Option. Frei, der präzise Diagonalbälle und das Spiel beschleunigende Flachpässe in die zentralen Räume absenden kann, fühlt sich wohl in dieser Quarterbackrolle. Der klassische Umschaltzehner Yunus Malli fremdelt (noch) ein wenig im Halbraum. Jhon Cordoba kann als Zielstürmer Bälle festmachen und sich aufdrehen. Schnelle, wendige und dribbelstarke Flügelleute haben die 05er einige. Yoshinori Muto hat schon angedeutet, dass er auch als Linksaußen torgefährlich werden kann.

Ballbesitzpotenzial erweitert

Überragend viele Abschlussaktionen haben die 05er in diesen beiden Testspielen in der andalusischen Sonne noch nicht produziert. Auf der anderen Seite lebt die Erkenntnis: Wenn diese Mannschaft aktive Balleroberungen erzwingt, dann funktionieren auch in dieser Ballbesitzformation die Umschaltüberfälle. Siehe zum Beispiel das herrliche Gegenzugtor von Christian Clemens zum 1:0 gegen den FC Brügge.

Die 05er haben ihr Ballbesitzpotenzial erweitert. Die Pass- und Laufmuster sitzen noch nicht. Aber das entwickelt sich nur über Erfolgserlebnisse im Wettkampf. Noch hat Schmidt diese Variante nur im Auge für besondere Situationen, etwas wenn es gilt, einen Rückstand zu egalisieren/zu drehen. Der Mut sollte wachsen, wenn sich im Verlauf der Rückrunde Ergebnisse einstellen auf dieser Basis.

Die Bundesliga ist in der Breite leicht ins Mittelmaß abgerutscht. Die Übermannschaft FC Bayern München unter Pep Guardiola und Borussia Dortmund unter Thomas Tuchel lassen die Kugel zirkulieren. Hertha BSC als Überraschungsteam hat keinen überragenden, aber einen kultivierten Ballbesitz. Der Rest der Liga übt sich im Umschaltfußball: Gegner blockieren und dessen Spiel zerstören – und bei Gelegenheit kontern. Das reißt die Zuschauer auf den Rängen nur von den Sitzen, wenn das Ergebnis stimmt. Mutiger, aktiver Fußball spielen, das ist eindeutig schwieriger. Aber das kann auch identifikationsstifend sein: Das kann stolz machen darauf, dass man mehr versucht als die Mehrzahl der Gegner. Wenn man genügend Punkte einfährt. Am Bruchweg ist taktische Flexibilität noch ein Projekt im Anfangsstadium.