Rehberg: Im Vakuum

In Zeiten der Coronakrise verschafft ein Blick ins Fußballarchiv Ablenkung - zum Beispiel ins Jahr 1966 mit seinem berühmten "Wembley-Tor". Foto: dpa

Es gibt größere Sorgen derzeit als bundesligafreie Wochenenden. Warum ihm das Fußballerlebnis dennoch so sehr fehlt, erklärt Kolumnist Reinhard Rehberg.

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. „Fußball ist jetzt überhaupt nicht wichtig.“ Den Satz hört man ständig in diesen sich unwirklichen anfühlenden Tagen. Da steht man kurz davor, ein schlechtes Gewissen zu bekommen, wenn man an einem fußballfreien Wochenende zwischen Sorgen und Langweile so vor sich hin grübelt: Na ja, ist etwas Wahres dran an dem Spruch – aber irgendetwas fehlt mir trotzdem … Was? Der Fußball. Der unberechenbare Wettbewerb.

Ja, ich habe auch Freunde, die mit dieser wunderbaren Sportart überhaupt nichts am Hut haben. Da höre ich am Telefon: „Stell dich nicht so an, du Fußballbekloppter. Treib Sport, dann hast du die Zeit eh besser genutzt, als passiv in Stadien oder auf der Couch vor dem Fernseher abzuhängen.“ Dann kontere ich scharf: „Leicht gesagt, wenn man wie du beruflich nicht von diesem Geschäft lebt.“ Das ist eine Sorge. Aber streng genommen ist dieses Argument in diesem Moment nur ein Vorwand. Mir fehlt das Fußballerlebnis. Mental und emotional, um in der Fachsprache zu bleiben. Ablenkung, Aufregung, Begeisterung, Spannung, Diskussionen, Streit, Spaß, Freude, Analyse, Miteinander. Jetzt leben wir mit der Auszeit. Und mit der Kontaktsperre.

Natürlich kann ich noch meine Fahrradtouren machen durch den nahen (menschenleeren) Frankfurter Stadtwald. Den nicht mehr möglichen Gang ins gesellige Fitnessstudio ersetze ich durch häusliche Rückengymnastik. Mit dem altehrwürdigen Deuserband auf einer Reha-Matte im Gästezimmer. Das geht. Mit eisernem Willen. Den man nicht täglich mobilisiert bekommt. Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat mal gesagt: „Der Mensch vertraut seinen Gewohnheiten mehr als seinem Vorteil.“ Eine meiner tief verankerten Gewohnheiten: Beschäftigung mit Fußball.

Im Moment bleibt nur der Blick ins private DVD-Archiv. Was könnte man sich denn mal wieder reinziehen an einem ereignisarmen Sonntag - auf der dringend nötigen Flucht vor Corona-Themen? Mainz 05 gegen Bayern München (2:1) aus der Bundesligasaison 2009/10. Herrlich. Die Treffer vom listigen Andreas Ivanschitz und dem wuchtigen Aristide Bancé. Gegen einen FCB unter Louis van Gaal mit Bastian Schweinsteiger im Mittelfeld und mit Miroslav Klose/Mario Gomez im Sturm. Aber wo liegt das Problem? Man kennt – vom Anpfiff weg – das Endergebnis. Das macht es nahezu unmöglich, 90 Minuten durchzuhalten.

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Kurz vor Mitternacht greife ich noch zum WM-Endspiel von 1966. Deutschland – England. Das „Wembley-Tor“ nebst der abgrundtiefen Enttäuschung nach dem 2:4 n.V. ereignete sich exakt an meinem 9. Geburtstag. Gesehen haben wir das Spiel während eines Verwandtenbesuchs in der DDR. Viele Emotionen. Aber auch hier: Man kennt das Endergebnis.

Wann es jetzt weitergeht in der Bundesliga? In diesem Kalenderjahr womöglich nicht mehr, egal ob in leeren oder voll besetzten Arenen. Und danach? Nichts im Fußballbetrieb wird mehr sein, wie es vorher war. Aber es wird weitergehen. Gesellschaftlich relevant? Ja, irgendwie schon.