Rehberg: Im Kader steckt viel mehr

Jubelnde Mainz 05-Spieler. Foto: Sascha Kopp

Trotz der Niederlagen der Mainzer im Europapokal und der Bundesliga gegen Anderlecht und Leipzig sieht Fußball-Experte Reinhard Rehberg die 05er voll im Soll. Unser Kolumnist...

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. 1:6 im Europapokal beim RSC Anderlecht. 1:3 in der Liga beim Sonderaufsteiger RB Leipzig. Natürlich mischt sich da jetzt Enttäuschung in diese nach wie vor gute Saison der 05er. Aber da muss man schon sehr genau hinschauen: Wer sind die Spieler, die jetzt in zwei international geprägten Blöcken durch elf Spiele binnen jeweils drei Wochen gegangen sind? Und auf welchen Positionen ist auch die Verletztensituation die Ursache gewesen für physische und mentale Erschöpfungserscheinungen auf der letzten Wegstrecke bis zur aktuellen Länderspielpause? Beschränken wir uns bei dieser Analyse auf zwei Abteilungen: Mittelfeld und Offensivzentrum.

Zum Mittelfeld. Danny Latza, ein Leistungsträger aus der Vorsaison, hat überhaupt noch nicht gespielt. Der international erfahrene Fabian Frei, der fünf Sprachen spricht und einer der wenigen Mainzer Profis ist, der mit nahezu allen Kollegen im Kader kommunizieren kann, hat sich in eine hervorragende Form gebracht – und dann fiel er wieder verletzt aus im zweiten Block. Spielerisch/strategisch kaum zu kompensieren. Ramalho hat nun in Leipzig seine erste, knapp halbe Stunde gespielt seit seinem Wechsel von Leverkusen an den Bruchweg. Der erste Eindruck: Den lange verletzten Brasilianer hätte Martin Schmidt früher gebrauchen können. Wer musste zuletzt den Karren ziehen im Zentrum? Jean-Philippe Gbamin, Suat Serdar und Daniel Brosinski.

Jean-Philippe Gbamin ist 21 Jahre alt. Eine Saison zweite Liga mit dem RC Lens, Aufstieg, eine Saison Erste Liga, Abstieg, noch eine Saison Zweite Liga. Eine U19-EM 2013 in Litauen mit dem Finaleinzug gegen Serbien; da war Gbamin Einwechselspieler. Im Halbfinale gegen Spanien (2:1) traf er damals auch auf den heutigen Klubkollegen José Rodriguez. Inzwischen spielt Gbamin in der französischen U21. Das ist in diesem Alter schon ein sehr beachtlicher Erfahrungsschatz. Der dem Talent erlaubt hat, in der Bundesliga überraschend schnell Fuß zu fassen. Aber dazu noch DFB-Pokal und Europaliga im Dauereinsatz, das ist noch mal eine andere Herausforderung. Und wenn den 05ern dann Ballbesitzspiele aufgezwungen werden, wie in Anderlecht und in Leipzig, dann wird deutlich, dass der junge Franzose im Zweikampf ein Athlet ist, aber strategisch-spielerisch auch noch ein Lernender.

Ein vielversprechendes Talent aus Bingen

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Suat Serdar ist im April 19 Jahre alt geworden. Geboren in Bingen, am Bruchweg spielt er seit der U12. Sein acht Jahre älterer Bruder Mükkerem Serdar ist nach Stationen bei der SpVgg Ingelheim und beim TSV Schott Mainz Mittelstürmer bei Hassia Bingen. Suat hatte als U-19-Spieler schon Bundesligaeinsätze. 19 sind es inzwischen. Er hat für die deutsche U17 und für die U18 gespielt, aktuell gehört er zum U20-Kader. Bei der wenig erfolgreich verlaufenen U19-EM in Deutschland 2016 kam er in allen drei Gruppenspielen zum Einsatz. In der WM-Play-off-Partie gegen Holland erzwang er bei jenem Turnier in der 90. Minute das 2:2, nach der Verlängerung stand es 3:3; das DFB-Team gewann das Elfmeterschießen. Nette Erfahrungen in diesem Alter. Serdar ist ein technisch gut ausgebildeter Kämpfer mit sehr viel Adrenalin im Blut. Aber Bundesliga, DFB-Pokal und Europaliga auf einer verantwortlichen, strategisch wichtigen Position, und das zuletzt im Dauereinsatz. Das ist noch mal eine andere Herausforderung.

Daniel Brosinski ist 28 Jahre alt. 2014 kam er vom Zweitligisten SpVgg Greuther Fürth an den Bruchweg. Als schneller Rechtsverteidiger, der als ehemaliger Flügelstürmer auch mal seitlich in der offensiven Dreierreihe aushelfen konnte. In dieser Saison pendelte Brosinski zumeist zwischen den Positionen als Linksverteidiger und als zweiter Mittelfeldsechser. Die zentrale Rolle spielt der Umschaltspezialist überraschend gut und routiniert, hohes Laufpensum, Kampfkraft, gute Umschaltaktionen. Aber mit einem anderen Blickfeld, mit einer anderen Orientierung, mit einem anderen Gefühl in zumeist engeren Räumen. Und mit anderen Anforderungen an das Passspiel. Das ist auch nach mehr als 80 Bundesligaeinsätzen eine spezielle Herausforderung. Auf hohem Niveau im Liga-Alltag und international.

Keine Entlastung für Stürmer Cordoba

Bewertet man diese Personalsituation im Strategiezentrum realistisch, dann darf man die jüngsten Ergebnisse in der zweiten Stressphase nicht als große Enttäuschung ansehen.

Zur zentralen Angriffsabteilung. Da war Yoshinori Muto auch eingeplant als Back-up für Zehner Yunus Malli oder als Back-up für Mittelstürmer Jhon Corodba. Nach vier Spieltagen hatte der zuvor lange ausgefallene Japaner schon wieder zwei Tore stehen. Und dann? Die nächste Verletzung. Und da der lange Mittelstürmer Emil Berggreen seit seinem Wechsel am 29. Januar 2016 von Braunschweig nach Mainz noch nie seinem neuen Klub gesund zur Verfügung stand, gibt es in der Angriffsmitte überhaupt keine Entlastung für den physisch aufwendig stürmenden Cordoba. Erholungspausen für Malli, der pro Spiel immer um die elf Kilometer abspult? Gibt es nicht. Und als Schmidt nun in Leipzig mal Suat Serdar auf die Zehnerposition stellte, da verletzte sich das Talent - und der hoch beanspruchte Dauerläufer Malli musste nach einer halben Stunde doch wieder aufs Feld.

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Unterm Strich dürfen wir festhalten: 14 Punkte in der Bundesliga nach zehn Spieltagen und in der Europaliga noch nicht chancenlos im Kampf um die ersten beiden Plätze – das bleibt eine sehr ordentliche Zwischenbilanz für diese personell dezimierte und mit wenig internationaler Erfahrung gesegnete Mannschaft in einer physisch und mental ungewohnten Belastungssituation. Vielleicht hätte Schmidt zuletzt Systemvariationen auspacken können, um die Probleme zu kaschieren. Aber das ist eine andere Diskussion.