Rehberg: HSV - gefangen in kranken Strukturen

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Der Hamburger SV ist ein klassisches Beispiel dafür, welche Auswirkungen verfehlte Klubstrukturen auf das sportliche Ergebnis haben können. Die Entlassung von Trainer Markus...

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. In der Vorsaison haben die Hamburger die Hinrunde beendet auf dem 16. Tabellenplatz mit mageren 13 Punkten. In der Rückrunde schwang sich die Mannschaft auf zu starken 25 Zählern, Rang sieben in der Halbjahres-Wertung. Das vermittelte auch dem vernunft-gesteuerten neuen Planer Heribert Bruchhagen das Gefühl: Wir sind gut, in diesem Kader steckt doch viel mehr, als man das so angenommen hatte; kleine Korrekturen, und wir können sogar noch weiter nach oben kommen. Ein paar Monate später folgt erneut der Katzenjammer: Vorletzter im Ranking nach 19 Spieltagen, fünf Punkte Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz, Krise nach der Heimniederlage gegen den bis dahin abgeschlagenen Tabellenletzten 1. FC Köln.

Keine klubeigene Strategie

Wieder einmal wird der Nichtabstiegsheld - in diesem Fall Gisdol, in der Saison zuvor traf es in ähnlicher Lage Bruno Labbadia - gefeuert. Nun soll Bernd Hollerbach die nächste Nichtabstiegs-Mission leiten. Das ist seit 2008 der zwölfte Übungsleiter nach zweimal Labbadia (2010 und 2015), Ricardo Moniz, Armin Veh, Michael Oenning, Rodolfo Cardoso/Frank Arnesen, Thorsten Fink, Bert van Marwijk, Mirko Slomka, Joe Zinnbauer, Peter Knäbel und nun Markus Gisdol. Die Fluktuation auf dem Sportdirektorenposten lassen wir hier mal außen vor.

In diesen acht Jahren hat sich keine klubeigene Spielstrategie etabliert, in diesen acht Jahren hat sich keine einem Leitgedanken folgende Transferpolitik entwickelt, in diesen acht Jahren sind die Schulden gewachsen (die Rede ist aktuell von 85 bis 90 Millionen Euro) und die wirtschaftliche Abhängigkeit vom steinreichen Anteilseigener und Mäzen Klaus-Michael Kühne ist immer größer geworden.

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Der HSV ist ein Beispiel dafür, wie ein Fußballunternehmen vor die Hunde gehen kann, wenn auf der Beratungs- und Entscheidungsebene eine sportliche Laienspielschar in verschiedenen Gremien Einfluss nimmt auf sportliche Vorgänge. Oder anders ausgedrückt: Wenn die fußballerische Kompetenz im Klub in seiner Arbeit abhängig ist von dem gefährlichen Fußball-Halbwissen der Leute in den beratenden oder Entscheidungen beeinflussenden Gremien, dann wird es schwierig.

Egomanische Strippenzieher

Diese Hintergrundfiguren sind Persönlichkeiten, die möglicherweise wissen, wie man ein Wirtschaftsunternehmen erfolgreich führt. Aber das sind eben zu oft auch Männer, die auf der extrem öffentlichkeitswirksamen Profifußballbühne getrieben sind von Wichtigkeitsdefiziten, von Machtstreben, von persönlicher Eitelkeit, auch von Selbstüberschätzungstendenzen im sportlichen Bereich. Über Jahre hat sich der HSV diesen egomanischen Strippenziehern, die sich nicht gerne auf ihre Kernkompetenz beschränken lassen, ausgeliefert.

Auch Bruchhagen wird in Hamburg scheitern, wenn zum Beispiel werthaltige Transfers weiterhin davon abhängig sind, ob der Anteilseigener/Mäzen Kühne die dafür nötige Kohle zur Verfügung stellt. Auch Bruchhagen hatte noch nicht den Mut, sich von den externen Geldzuflüssen zu lösen und konsequent einen Kader zu bauen, der den tatsächlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten des Fußball-Unternehmens entspricht. Auch dieser erfahrene Entscheidungsträger, der es einst geschafft hat, den zeitweiligen Chaos-Klub Eintracht Frankfurt auf solide Beine zu stellen, ist gefangen in den kranken Strukturen des HSV.

An Standorten, an denen selbstsüchtige Fußball-Laien Macht beanspruchen, Macht ausüben und auf dieser Basis unkontrolliert Einfluss nehmen auf sportliche Entscheidungen, genau dort kommt es zu diesen Schräglagen. Fazit: Bundesligafußball ist keine Spielwiese für führungswillige Persönlichkeiten, die es (vielleicht) gut meinen, die aber von dieser Sportart und von diesem Geschäftsbetrieb nicht genug wissen - und die es von daher auch nicht gut können.