Rehberg: Hoffen auf den besonderen 05-Moment gegen den BVB

Ein Fan von Borussia Dortmund. Foto: dpa

Das Duell zwischen Mainz 05 und den Champions-League-Riesen von Borussia Dortmund ist längst ein ungleiches geworden. Da stehen Mannschaften von unterschiedlichen Planeten auf...

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. Manche Manager behaupten, Fußball sei Glücksspiel unter freiem Himmel. Die heutigen Trainer würden sich gegen diese Einstufung mit Händen und Füßen wehren. Jedes Spiel ist ein Wochenprojekt, vorbereitet von einem hochkarätig besetzten Planungsbüro mit Datenfreaks und Spielanalytikern, die Auswertungen führt der Chef zusammen in seinen finalen Startelf- und Matchplanentscheidungen. Aber davor heißt es immer noch: Nichts geht über den eigenen Eindruck.

Kasper Hjulmand und Jürgen Klopp werden sich vor dem Duell an diesem Samstag in der Coface Arena die Nächte um die Ohren geschlagen haben mit Videostudium, auf der Suche nach kleinsten Schwächen beim Gegner, auf der Suche nach Möglichkeiten, die gegnerischen Stärken zu neutralisieren, die eigenen Probleme zu verdecken und die eigene Spezialqualität zur Geltung zu bringen. Da wird nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen.

Mannschaften von unterschiedlichen Planeten

Dabei ist das Duell zwischen dem FSV Mainz 05 und den Champions-League-Riesen von Borussia Dortmund längst ein ungleiches geworden. Da stehen Mannschaften von unterschiedlichen Planeten auf dem Feld. Klopp hat einem Großteil der Borussia über sechs Jahre seine DNA eingebrannt, tagtäglich. Das Was und Wie der Dortmunder Verhaltensweisen und der zentralen Spielidee ist fest verankert auf der Festplatte der Spieler. Wenn da ein Profi nachts wach wird, dann kann er wahrscheinlich aus dem Stand eine der Kloppschen Sitzungsvorträge wortgetreu nachbeten. Dieser Kader hat eine glasklar definierte, mit Leidenschaft und Überzeugung gelebte Haltung zu diesem Beruf. Ergebnis: Kollektive Energie.

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Und wenn Topspieler wie etwa Robert Lewandowski den Klub verlassen, dann kann der Trainer inzwischen mit den ganz großen Scheinen im Einkaufskorb nachlegen. Das Wachstumsunternehmen Borussia Dortmund kann es sich leisten. 18,5 Millionen Euro für Ciro Immobile, 13 Millionen für Shinji Kagawa, neun Millionen für Adrian Ramos, damit lässt sich schon wieder eine schlagkräftige Offensive basteln. Und wenn da mal acht Verletzte zu beklagen sind, dann hat der Dortmunder Kader jetzt auch in der Breite eine Qualität, dass ein Starensemble wie Arsenal London mit dem Fachmann Arsene Wenger am Regiepult einfach mal durch die Hölle gejagt und aus dem Stadion gepresst wird. Und es zeigt sich, dass ein Pierre-Emerick Aubameyang, der für seine Geschwindigkeit eigentlich eine behördliche Genehmigung bräuchte, im zweiten Jahr nun auch schon zu den außergewöhnlichen Stürmern in Europa zählt.

Eigentlich keine Zweifel am Spielausgang - oder?

Und die 05er? Da werkelt der Trainer gerade mal seit wenigen Wochen an der Implantierung seiner für die Spieler neuen Trainings- und Spielphilosophie. Und fünf Zugänge, die in erster Linie den nach hochkarätigen Abgängen verwaisten Angriffspool aufgefüllt haben, sind erst ein paar Stunden vor dem dritten Spieltag eingetroffen. Da fordert ein regionales Entwicklungsprojekt ein in Europa bewährtes Serienmodell heraus. Unter normalen Umständen kann es keinen Zweifel am Spielausgang geben.

Aber: Das Duell zwischen David und Goliath wird ewig spannend bleiben, der Reiz einer fetten Überraschung wabert bei dieser Konstellation immer durchs Stadion. Haben die Dortmunder vielleicht mal nicht ihren besten Tag? Können die 05er mit ihrer kollektiven Herangehensweise und mit taktischem Geschick vielleicht über sich hinauswachsen? Und hat vielleicht mal wieder der Außenseiter das nötige Matchglück? Wegen dieser Fragen strömen die Zuschauer in die Arena.

Hjulmand kennt sich aus in der Außenseiterrolle

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Kasper Hjulmand kennt sich aus mit der Außenseiterrolle, er hat mit dem kleinen FC Nordjaelland in der Champions League gespielt - und etwa Juventus Turin ein 1:1 abgerungen. An einem besonderen Tag geht das im Fußball. Nicht oft, aber es passiert. "Möglichkeiten gibt es immer", sagt der Däne. "Es gibt immer Platz für Angriffe." Gegen die Borussia müsse man vor allem den ersten Pressingwall überwinden, dahinter öffne sich dann der Raum. Auch der Gegner hat nur elf Spieler auf dem Feld.

Aber Klopp hat gerade in Mainz auch schon auf ein aggressives Angriffspressing verzichtet, dann hatte er die Balljagdlinie ein paar Meter nach hinten verlegt. Und schon mussten die Mainzer mit ihren reduzierteren spielerischen Mitteln eine engmaschige schwarz-gelbe Defensivmaschine mit aggressiven, gierigen Greifarmen bespielen. Das war dann auch nicht ganz einfach, in den Rücken der hoch verteidigenden letzten Reihe der Dortmunder zu kommen. Und Ballverluste in relevanten Zonen führten auch dann zu den gefürchteten Raketenumschaltungen des Gegners mit Sprintermonstern auf drei bis vier Parallelbahnen. Eng war der Spielverlauf fast immer, gewonnen haben meistens die Dortmunder.

Wenn die 05er den haushohen Favoriten ärgern wollen, dann wird das ohne aufopferungsvolle Laufbereitschaft, ohne Zweikampfschärfe, ohne Sicherheit in den Abläufen u n d ohne ausgeklügelte, vielleicht sogar überraschende taktische Maßnahmen nicht funktionieren. Für den besonderen Moment brauchen die 05-Profis natürlich auch eine wilde Stadionatmosphäre. Nein, Glücksspiel unter freiem Himmel ist das nicht, was an diesem Samstag in der Coface Arena geboten wird.