Rehberg: Hinter den Kulissen mit Rouven Schröder

Rouven Schröder. Archivfoto: Sebastian Stenzel

Seit gut einem halben Jahr ist Rouven Schröder der Sportdirektor von Mainz 05. Reinhard Rehberg hat mit ihm mal einen Blick auf seinen Aufgabenbereich geworfen - und auf seine...

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. Natürlich ist das eine Besonderheit. Für die Mainzer Journalisten ist Rouven Schröder mal gerade der zweite Manager in der Berichterstattung über den FSV Mainz 05. Altgediente Kollegen haben noch Peter Arens erlebt als Oberliga- und Zweitligaplaner am Bruchweg. Den ewigen 05-Vize löste Christian Heidel ab. Und der erledigte den Job dann 24 Jahre lang. Eine derart lange Amtszeit schafft vielleicht mal ein Bürgermeister. In einer Kleinstadt. Im Profifußball ist das eine Ewigkeit. Seit gut einem halben Jahr steht nun Rouven Schröder für den zum FC Schalke 04 gewechselten Heidel in Mainz in der Verantwortung. Und man darf konstatieren: Im sportlichen Bereich sind keine Übergangsprobleme auszumachen.

Die mediale Zusammenarbeit mit dem neuen Sportdirektor verläuft angenehm. Schröder ist immer erreichbar. Und wenn mal nicht, dann ruft der 41-Jährige binnen einer halben Stunde zurück. Dann ist der Mann aus dem Sauerland offen, freundlich, er gibt Auskunft, man kann mit ihm auch diskutieren. Er beschränkt sich konsequent auf sein Aufgabengebiet. Aus den leidigen Diskussionen rund um die Strukturreform hält er sich raus. Er hat dazu eine Meinung, aber die ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Seine Arbeit ist geprägt von Bescheidenheit und Geräuschlosigkeit. Transfers bleiben eine interne Angelegenheit. Da gibt es keine Wasserstandsmeldungen. Da wird nur Vollzug gemeldet. Oder eben nicht. Entscheidungen hängt der Fachmann nie an die große Glocke.

Neue Scoutingabteilung

Ein Beispiel. Schröder hat eine Scoutingabteilung installiert. Heidel hatte auf diesem Gebiet mal einen Versuch gestartet mit Peter Krawietz. Der Output war dem Manager zu dünn im Verhältnis zu den Kosten. Heidel schaffte die Abteilung nach einigen Monaten wieder ab. Seitdem gehört Krawietz fest zum Trainerteam von Jürgen Klopp. Heidel verließ sich ausschließlich auf seine Kontakte im nationalen und internationalen Transferwesen. Mit Erfolg. Schröder will sich da gar nicht in eine Gegenposition bringen. „Der eine arbeitet so, der andere so.“ Auch Schröder hat in nahezu jedem interessanten europäischen Fußballland eine Kontaktperson, zu der er Vertrauen aufgebaut hat. Zudem hat Trainer Martin Schmidt auch immer alle Augen offen und macht Vorschläge. Aber dem 05-Sportdirektor geht es um Nachhaltigkeit. Und um die Unabhängigkeit des Klubs von aktuell handelnden Personen. „Wenn ich mal den Verein verlasse, dann sollte es nicht so sein, dass ich alle meine Verbindungen mitnehme“, sagt Schröder. „Es muss ja auch dann weitergehen im Verein. Aber wir müssen aus dieser Scoutinggeschichte wirklich keine große Sache machen. Es sind jetzt einfach für uns mehrere Augen unterwegs.“

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Siggi Marti, der sein Handwerk an der Sporthochschule in Köln gelernt hat, fungiert nun als Chefscout. Marti sitzt vor dem Computer oder in Stadien im In- und Ausland. Er schaut Spiele, er entwirft Spielerprofile, er bewertet Spieler und er hinterlegt diese Informationen. Unterstützt wird der Scout in dieser Struktur von zwei Honorarkräften. Die Datenbank ermöglicht es Schröder, jederzeit Zugriff zu haben auf personelle Möglichkeiten für sämtliche Mannschaftspositionen. Die Idee: Was auch immer passieren mag im Kader an Verletzungen oder Abwanderungen, der Sportdirektor will nie unvorbereitet sein. All das geschieht in einem engen Austausch zwischen Schröder (mit Marti) und Cheftrainer Martin Schmidt (mit Trainerteam). Die Abwicklung eines gemeinsam vereinbarten Transfers obliegt dann dem Sportdirektor.

Gbamin früh aufgefallen

Ein Beispiel. Jean-Philippe Gbamin. „Wenn ein Spieler schon mit 17 Jahren im Profifußball auftaucht, dann wird man darauf aufmerksam gemacht“, erklärt Schröder. „Aber natürlich sind dann da auch schon andere Vereine dran.“ Als Martin Schmidt dieses Profil abgesegnet hatte, setzte sich Schröder mit dem Berater des Spielers zusammen. Parallel dazu wird abgeklärt, wie der abgebende Verein, in diesem Fall der RC Lens, strukturiert ist und ob der frische Einnahmen benötigt. Natürlich werden auch externe Informationen eingeholt über den betreffenden Spieler. Günstig ist es immer, wenn vor den Verhandlungen mit dem Klub die Eckdaten (wichtig ist natürlich das Gehalt) mit dem Spieler schon abgeklärt sind. Will der Spieler - nach einem Besuch in Mainz, nach einer Besichtigung des Stadions, nach einem persönlichen Gespräch mit dem Trainer und dem Sportdirektor („Da geht es darum, ihn für uns zu begeistern, und natürlich wollen wir auch spüren, dass er von uns und unserer Sache begeistert ist und dass er als Charakter in die Gruppe passt“) -genau dahin wechseln, dann erleichtert das die Ablöseverhandlungen.

Anfänglich ging es da um utopische Summen. In Frankreich haben die Klubpräsidenten in der Regel eine starke Stellung. In Lens hatte zusätzlich eine am Klub beteiligte Consultinggruppe Mitspracherecht und auch noch der mit diesen Geschäftsleuten in Verbindung stehende spanische Spitzenverein Atletico Madrid. „Plötzlich sitzt du mit drei Parteien am Tisch und musst dich einigen“, sagt Schröder. Da geht es dann auch um internationales Vertragsrecht, „das immer komplizierter wird“. Da hilft eine Mainzer Anwaltskanzlei als juristischer Berater. Die Verhandlungen gingen hin und her. „Die Summen wechselten ständig“, so Schröder. Unzählige Mails, Telefonate. Bei 3,5 Millionen Euro erfolgte die Einigung; entsprechende Optionen können den Betrag noch auf fünf Millionen anwachsen lassen.

Rund 23,5 Millionen haben die 05er in diesem Transfersommer investiert. Viel Geld. „Das ist wirtschaftlich alles ganz sauber durchdekliniert“, sagt Schröder, der diesen Bereich mit 05-Finanz-Geschäftsführer Christopher Blümlein bespricht. Der Klub hatte noch Rücklagen aus früheren Transfergeschäften. Es gab Mehreinnahmen über das TV-Geld-Ranking. Die Europaliga-Gruppenphase beschert Mehreinnahmen. Der neue TV-Geld-Vertrag beschert ab Sommer 2017 jährliche Mehreinnahmen von zehn bis 15 Millionen Euro. Und natürlich weist der aktuelle Kader auch Verkaufs-Potenzial aus. „Wir haben einige Mehrwert-Spieler am Start“, so der Sportdirektor.

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Finanziell solide wirtschaften

Die strategische Ausrichtung geht dahin, auch die künftigen Mehreinnahmen nicht nur in neue Spieler oder in eine Aufstockung des Bundesligabudgets zu stecken. Die Erfahrung lehrt, dass drei, vier, fünf Millionen mehr im Spielerhaushalt für Mainz 05 nicht zwangsläufig eine gravierenden Unterschied ausmachen in der Tabellenplatzierung. „Wir werden da immer mit einer soliden Obergrenze arbeiten“, erläutert Schröder. „Und wir werden auch bauliche Notwendigkeiten im Auge behalten. Wir haben nur einen Trainingsplatz für die Bundesligaprofis und einen für die U23. Das ist zu wenig.“ Auch ein Geschäftsgebäude bleibt im Plan, also der Ausbau des Bruchwegs zu einem 05-Campus. Gewinne erzielen am Transfermarkt. Investieren in Beine u n d Steine. An der soliden Grundausrichtung in Mainz hat sich nichts geändert.

Planungen für die anstehende Winter-Transferperiode? „Wir schauen uns immer um“, sagt Rouven Schröder. Aber bevor nicht geklärt ist, ob die 05er im Europapokal nicht doch überwintern, wird es keine Entscheidungen geben. Ohne internationale Einsätze könnte der Kader eventuell zu groß sein in der Rückrunde. Aber das hängt dann in der Weihnachtszeit auch vom Verletztenstand ab. Ramalho ist endlich fit, Fabin Frei kehrt jetzt zurück, Danny Latza und Yoshinori Muto sind im Dezember wieder dabei. Eine Lücke besteht prinzipiell nur hinter Yunus Malli. Aber klassische Zehner, so Schröder, sind rar gesät auf dem Markt. Und zudem könnte Martin Schmidt diese Unterbesetzung im Notfall auch mit Systemumstellungen auffangen.