Rehberg: Heidels holprige Hertha-Bilanz

Christian Heidel. Foto: Harald Kaster

24 Jahre ist Christian Heidel beim FSV Mainz 05 im Profifußball tätig gewesen. In dieser Zeit gelangen den 05ern lediglich drei Siege gegen die Berliner Hertha. Am Samstag...

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. Aus dem Finale gegen Hertha BSC ein „Christian-Heidel-Abschiedsspiel“ zu machen, das würde den 05-Profis nicht gerecht werden. Spieler und Trainer stehen am Samstag in der Coface Arena vor der großen Chance, den direkten Einzug in die Gruppenphase der Europa League zu schaffen. Das ist das Thema. Aber natürlich ist es auch ein besonderer Tag für den Manager: Abschied von der Heimatstadt, Abschied vom Heimpublikum, Abschied vom Herzensklub nach 24 Jahren als Planer, Anschieber und Macher im Führungsamt. Lässt sich das verbinden mit der übergeordneten sportlichen Aufgabe, die in diesen finalen 90 Minuten nur die Mannschaft erledigen kann?

24 Jahre im Profifußball in einem Text nachzeichnen und angemessen würdigen zu wollen, das ist nahezu nicht möglich. Nur der Rockpoet Udo Lindenberg hat die Gabe, mit 20 Vokabeln ein ganzes Leben in vier Songversen zusammenzufassen, und da fehlt dann emotional überhaupt nichts. Im Fußball 24 Spielzeiten mit allen Höhen und Tiefen und in allen Facetten aufleben zu lassen, das könnte nur gelingen in einem Buch. Besser in 24 Büchern. Geht nicht. Folgen wir einem anderen Gedanken, der die Aktualität mit Christian Heidels Anfängen verbindet. 1992 ist der gebürtige Mainzer in den 05-Vorstand eingezogen. Seitdem haben die 05er insgesamt 26 Spiele gegen Hertha BSC bestritten. Die Bilanz fällt mager aus: Fünf Siege, zehn Remis, elf Niederlagen. In diesen 24 Jahren haben die 05er gegen die Berliner lediglich drei Heimspiele gewonnen. Das soll der Ausgangspunkt dieser Betrachtung sein.

Im Frühsommer 1992 erhielt ich in der Zeitungsredaktion einen Anruf von Peter Arens. Ob wir uns mal treffen könnten, fragte der für die Kaderplanung zuständige Vorstandsvize an. Unweit des Friseursalsons von Arens auf der Großen Bleiche gab es damals noch das Eiscafe Dolomiti. Wir saßen dort in der Sonne, und Arens erzählte. Der Klub stehe vor einer nicht unproblematischen Spielerverpflichtung. Vlado Kasalo. Der Kroate, Abwehrchef beim 1. FC Nürnberg, war damals der erste Fußballprofi in Deutschland, der sich nach einem Eigentor vor Gericht verantworten musste wegen eines möglichen Wettbetrugs. Kasalo wurde aus Mangel an Beweisen nicht belangt. Aber die Nürnberger legten keinen Wert mehr auf den ehemaligen Weltauswahlspieler.

Der damalige 05-Trainer Josip Kuze wollte seinen routinierten Landsmann unbedingt haben im Zweitligakader. „Wie würde die Presse in Mainz diesen Transfer begleiten?“, klopfte Arens damals schüchtern an im Dolomiti. Im Verlauf jener Saison übernahm Christian Heidel im Klub schrittweise von Arens die Transfergeschäfte. Wir klebten dem jungen Autohändler das Etikett „Transferchef“ auf. Manager wollte er nicht genannt werden. Der damals 29 Jahre alte Heidel war beruflich gebunden an einen großen deutschen Autokonzern. Der (viele Jahre unbezahlte) Fußballjob musste erscheinen als Freizeitgestaltung, als Hobbytätigkeit.

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Heidel geriet direkt in eine knifflige Saison. Eine Zweite Liga mit 24 Klubs, sieben (!) Absteiger. Die Endtabelle 1992/93 belegt, welchen außergewöhnlichen Weg die 05er seitdem mit Heidel gegangen sind - und in welchen Gefilden viele andere Traditionsvereine heute gelandet sind: 1. SC Freiburg, 2. MSV Duisburg, 3. VfB Leipzig (das waren die drei Aufsteiger), 4. Waldhof Mannheim, 5. Hertha BSC, 6. Chemnitzer FC, 7. FC Jena, 8. Hannover 96, 10. SV Meppen, 11. Hansa Rostock, 12. Mainz 05, 13. Wuppertaler SV, 14. VfL Wolfsburg, 15. Stuttgarter Kickers, 16. FC Homburg, 17. FC St. Pauli. Die Absteiger: 18. SpVgg Unterhaching, 19. Eintracht Braunschweig, 20. VfL Osnabrück, 21. Fortuna Düsseldorf, 22. VfB Oldenburg, 23. FC Remscheid, 24. SV Darmstadt 98. Wir stellen fest: Einige dieser Klubs müssen sich heute mit der zweiten Mannschaft von Mainz 05 in der Dritten Liga duellieren, andere sind längst in Amateurligen abgerutscht.

In jener Saison feierten die 05er ihren ersten von insgesamt lediglich drei Heimsiegen gegen Hertha BSC. 22. Mai 1993, 43. Spieltag. 3:2. Die Torfolge: 0:1 Mike Lünsmann (24.), 0:2 Marcus Feinbier (48.), 1:2 David Wagner (67.), 2:2 Fabrizio Hayer (72.), 3:2 Hayer (86.). Die damalige 05-Elf: Kuhnert – Müller – Greilich, Kasalo, Herzberger, Schäfer – Hayer, Schuhmacher, Buvac – Klopp, Wagner. Die Hertha unter Trainer Günter Sebert lief auf mit Größen wie Walter Junghans (Torwart), Mario Basler, Niko Kovac (der heutige Eintracht-Trainer) und dem späteren 05-Torjäger Sven Demandt.

Der zweite Heimsieg glückte im DFB-Pokal unter Trainer Wolfgang Frank. 30. November 1999. Achtelfinale am Bruchweg gegen den Bundesligisten aus Berlin. 2:1 nach Verlängerung. Die Torfolge: 0:1 Michael Preetz (67.), 1:1 Michael Thurk (82.), 2:1 Marcio (98.). Die damalige 05-Elf: Wache – Klopp, Schierenberg, Kolvidsson, Herzberger – Kramny, Dinmohammadi, Spyrka, Hock – Demandt (75. Thurk), Policella. Die Hertha unter Jürgen Röber trat an mit Größen wie Sebastian Deisler, Michael Preetz (der heutige Manager), Andreas Thom und dem holländischen Nationalstürmer Bryan Roy. Die Besonderheit: Die 05er spielten nach der Roten Karte für Jürgen Klopp ab der 63. Minute in Unterzahl – und als Marcio für seine Jubelarie nach dem Tor zum 2:1 auch noch vom Platz gestellt worden war, musste die Sensation ab der 98. Minute mit neun Feldspielern bewerkstelligt werden…

Der dritte Heimsieg glückte zehn Jahre später. 12. September 2009. Bundesliga. Die Wiederaufstiegssaison unter dem jungen Trainer Thomas Tuchel. 2:1 am fünften Spieltag. Die Torfolge: 0:1 Maximilian Nicu (50.), 1:1 Andy Ivanschitz (79, Fouleflmeter), 2:1 Aristide Bancé (85.). Die damalige 05-Elf: Wetklo – Heller, Bungert, Noveski, Löw – Hoogland, Soto, Ivanschitz, Baljak – Schürrle, Bancé. Die von Lucien Favre trainierte Hertha trat an mit Größen wie Jaroslav Drobny (Torwart), Pal Dardai (der heutige Cheftrainer), Lukasz Piszczek, Artur Wichniarek und Adrian Ramos. Inzwischen spielen die 05er ihre siebte Bundesligasaison hintereinander.

Und nun kommt der 14. Mai 2016. Ein Remis in der Coface Arena gegen die Hertha genügt den 05ern bereits für den Einzug in die Gruppenphase der Europa League. Christian Heidel, der 24 Jahre in diesem Klub maßgeblich gestaltet hat, würde die Krönung seiner Arbeit erleben. Unzählige erfolgreich bestandene Zweitligaabstiegskämpfe, die meist unter dramatischen Umständen gescheiterten Aufstiegsversuche von 1997, 2002, 2003 und 2008, der Erstaufstieg 2004, der Abstieg 2007, der Wiederaufstieg 2009. Der dienstälteste Bundesligamanager könnte sich aus seiner Heimatstadt verabschieden mit dem größten Erfolg in der 111-jährigen Klubgeschichte. Wie das gelingen kann, das wird im Mittelpunkt der Blogs am Donnerstag und Freitag stehen.