Rehberg: Heidels Abschied bedeutet auch einen Neuanfang

Christian Heidel (li.) und Martin Schmidt. Foto: Sascha Kopp

Die Ära Heidel bei Mainz 05 ist vorbei. 125 Spieler hat der Manager in diesen 24 Jahren am Bruchweg verpflichtet, 152 hat er verkauft. Doch was zeichnete Heidel aus - und was...

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. Am Pfingstsonntag haben sich Christian Heidel und Axel Schuster dann auch noch von den Mainzer Journalisten verabschiedet. Nach dem Saisonabschlussgespräch mit Trainer Martin Schmidt. In einer der Logen im dritten Stock im Bruchwegstadion. Auch das in einer Mainz-typischen Atmosphäre. Der Blick durch das Panoramafenster schweifte über den Bruchwegrasen, wo sich gerade die 05-Traditionself warm machte für das Spiel gegen den FC Ente Bagdad. Auch in diesem Traditionsteam standen viele Spieler, die man als geglückte Transfers des Mainzer Langzeitmanagers bezeichnen darf. 125 Spieler hat Heidel in diesen 24 Jahren am Bruchweg verpflichtet, 152 hat er verkauft. Nicht jeder Neuzugang hat gezogen - und manchen Abgänger hätte man gerne länger im 05-Trikot gesehen. Aber dieser Teil des Fußballgeschäfts war das Mainzer Erfolgsmodell.

Der schrittweise Bruchwegausbau inklusive der Infrastruktur für gehobene Trainingsbedingungen und angemessene Organisationsräumlichkeiten für die Profis, für die Zweite Mannschaft, für das Nachwuchsleistungszentrum, die Etablierung in der Zweiten Liga, der Aufstieg in die Bundesliga, die Etablierung in der Eliteliga mit inzwischen der vierten Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb, der Bau der Coface Arena – diese gesamte Entwicklung des Vereins basierte auf den Gewinnen aus Heidels Transferaktivitäten.

Andere Klubs haben die Idee des 05-Managers vom Ausbildungs-, Weiterbildungs- und Verkaufsverein belächelt. In dieser Saison sind mit Hannover 96 und dem VfB Stuttgart zwei Traditionsunternehmen abgestiegen, die über Jahre vergeblich den Versuch unternommen haben, wirtschaftlich und sportlich die Muskeln spielen zu lassen im Wettstreit mit den Branchengrößen. Was auch für die Frankfurter Eintracht gilt, die sich nun über die Relegationsspiele gegen den schon vor Jahren abgestürzten Traditionsklubs 1. FC Nürnberg noch retten kann. In den vergangenen beiden Jahren musste der hoch verschuldete Hamburger SV diesen Notausgang benutzen.

Ziel: Spieler besser machen

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Wer preiswert einkaufen und irgendwann teuer verkaufen will, der braucht Fußballlehrer, die Spieler über inhaltlich hoch qualifizierte Arbeit besser machen. Dafür standen und stehen am Bruchweg vier Trainer: Wolfgang Frank, Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Martin Schmidt. Drei dieser Fachmänner waren bereits vor ihrem Engagement als Cheftrainer am Bruchweg beschäftigt. Nach der zehnten Mainzer Bundesligasaison lässt sich festhalten: Andere Klubs haben in einer Saison drei Trainer verschlissen, die 05er sind in diesen zehn Jahren gut gefahren mit Jörn Andersen, Klopp, Tuchel und Schmidt. Der einzige Ausreißer, der nicht gepasst hat, war der fachlich zweifellos kompetente, aber ausgesprochen eigenwillige Däne Kasper Hjulmand. Diese Fehleinschätzung hat Heidel nach acht Monaten konsequent korrigiert. Der vorherige U23-Trainer Martin Schmidt hat den Mainzern nun mit dem direkten Einzug in die Gruppenphase der Europaliga den größten Erfolg in der 111-jährigen Klubgeschichte beschert. Klopp und Tuchel zählen heute zu den anerkanntesten Trainern in Europa.

Das Grundgerüst steht am Bruchweg. Rouven Schröder kann bauen auf den in Mainz etablierten Gedanken, dass die besten Spieler irgendwann mit Gewinn verkauft werden, dass immer wieder neue Mannschaften entwickelt werden müssen und dass deshalb die Bundesligazugehörigkeit aber nicht zwangsläufig in Gefahr geraten muss. Diese in der Praxis erprobten Erfahrungen dienen als Vorlage. Ebenso wie die in Mainz etablierte Spielphilosophie: Hoher physischer Aufwand, eine gut organisierte Defensive auf der Basis von Pressing und Gegenpressing, tempogeladene offensive Umschaltüberfälle. Innerhalb dieses Grundkonzepts kann sich jeder Trainer in technischen/spielerischen Details frei austoben. Und für die Entwicklung neuer Talente aus dem eigenen Haus spielt die U23 ein weiteres Jahr in der Dritten Liga.

Mit Heidel geht auch eine Marke

Die entscheidende Lücke, die sich nach Heidels Abgang am Bruchweg auftut, ist eine andere: Der 52-Jährige war das Gesicht dieses Klubs. Wirksam nach Innen wie nach Außen. Heidel hat sich in diesen 24 Jahren zu einer Autorität im deutschen Profifußball entwickelt. Seine Einschätzungen zu vielen gewichtigen Themen finden Gehör und haben Gewicht. Heidel ist eine bundesweit anerkannte Führungspersönlichkeit. Die es sich in der vergangenen Woche ohne medialen Aufschrei erlauben konnte, als noch amtierender 05-Manager den Schalker Trainer André Breitenreiter zu beurlauben, das (sehr wahrscheinliche) Engagement von Nachfolger Markus Weinzierl vorzubereiten und nebenbei auch noch mit dem routinierten und ablösefreien Naldo einen neuen Abwehrchef für S04 zu verpflichten. Ein Ritt auf der Rasierklinge. Respekt.

Sportliche, kaufmännische und juristische Fragestellungen werden sich schrittweise klären lassen am Bruchweg, entsprechende Fachleute sind am Start oder lassen sich finden. Der künftige starke Mann, der permanent an der Kreativitätsschraube dreht, der fachlich sicher ist auf allen Ebenen in diesem extrem komplexen und öffentlichkeitswirksamen Geschäft, der in dieser Stadt und bundesweit anerkannt ist und der vor den Fernsehkameras auch in komplizierten Situationen dem Klub ein Gesicht gibt, der muss noch aufgebaut oder gefunden werden. Die Erfahrung lehrt: Dieser Mann braucht Führungsqualität, Verantwortungsbewusstsein, eine hervorragende Fußballkompetenz, ein geübtes Denken in wirtschaftlichen Zusammenhängen, Erfahrung im operativen Geschäft, rhetorisches Geschick, das nötige Gespür für Situationen, Teamfähigkeit und eine sympathische Ausstrahlung. Mainz ist ein Standort, an dem sich Führungskräfte diesen Status in Ruhe erarbeiten können. Die anstehende Übergangszeit werden die handelnden Personen meistern müssen. Das wird kein leichter Weg. Aber in jedem Anfang steckt auch eine Chance.