Rehberg: Hannover 96 und der wirtschaftliche Fußball

Hannover 96-Coach Michael Frontzeck. Foto: dpa

Hannover 96 ist der kommende Gegner in der Mainzer Coface Arena und in den Augen unseres Kolumnisten ein Beleg dafür, dass es im Profifußball nicht ausschließlich um...

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. Hannover 96 ist ein mahnendes Beispiel. Und zwar als Beleg dafür, dass es im Profifußball nicht ausschließlich um wirtschaftliche Zusammenhänge geht. „Ein Fußballklub ist ein Wirtschaftsunternehmen“, erklärt Boss Martin Kind seit Jahren in einer Dauerschleife. „Und danach muss sich auch die Unternehmensstrategie ausrichten.“ In diesem Postulat steckt viel Wahrheit. Das Produkt dieser Unternehmung, um im Sprachduktus der Wirtschafts-Mogule zu bleiben, ist aber nun mal Sport. Fußball.

Was nichts anderes heißt, als: Wirtschaftlicher Sachverstand ist zweifellos notwendig, aber das muss werthaltig begleitet werden von einem nicht minder fachkundigen Produkt- und Produktionsmanager. Sprich: Wenn der Sportliche Leiter und der Cheftrainer nicht passen oder nicht die entsprechende Gestaltungs- und Entscheidungsbefugnisse eingeräumt bekommen, dann gerät das Unternehmen trotz eines ausgefuchsten Wirtschaftsexperten an der Spitze in Schieflage.

Das passiert gerade bei Hannover 96. Der Klub stellt sich am kommenden Samstag in der Mainzer Coface Arena vor. Als eine Mannschaft, die von einigen Fußballfachleuten als Abstiegskampfkandidat auserkoren worden ist. Was verwunderlich ist, haben die 96er doch 2011/12 und 2012/13 noch in der Europaliga gespielt, und das mit einigen bemerkenswerten Ergebnissen gegen international bewährte Klubs. Exakt in jener Phase, in der sich der Unternehmenschef Martin Kind an die Spitze jener Bewegung gestellt hat, die dafür kämpft, die „50+1-Regel“ im deutschen Fußball zu kippen, hat Hannover 96 sportlich eine rasante Talfahrt hingelegt.

Trend zeigt nach unten

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In der Vorsaison erlebte der Klub den vorläufigen Tiefpunkt. Rückrunden-Vorletzter mit mickrigen 13 Punkten, nur zwei Siege in 17 Spielen. Am letzten Spieltag retteten sich die „Roten“ (so werden die 96er genannt trotz ihrer schwarz-weiß-grünen Vereinsfarben, und keiner in Hannover weiß, warum…) mit einem 2:1-Heimerfolg im Überlebens-Endspiel gegen den SC Freiburg vor dem Totalabsturz. „Wir waren schon mit mehr als eineinhalb Beinen in der Zweiten Liga“, erklärte der in der Not und fast zu spät verpflichtete Trainer Michael Frontzeck später.

Die neue Saison hat nicht viel besser begonnen: 2:2 beim wehrhaften Aufsteiger SV Darmstadt 98, 0:1 zu Hause gegen Bayer Leverkusen (nahezu ohne Torchance), ein Punkt nach zwei Spieltagen. Das will noch nicht viel heißen. Aber die Fußballstimmung ist nicht gut in der Landeshauptstadt von Niedersachsen. Der Trend zeigt nach unten.

Martin Kind begründet das gerne mit den wirtschaftlichen Fesseln, die ihm die 50+1-Regel auferlege. Der schwerreiche Unternehmer, gelernter Hörgeräte-Akustik-Meister und Kaufmann, würde, unterstützt von befreundeten Millionären, gerne mehr investieren. Doch das will er erst dann machen, wenn seine Investorengruppe auch die Entscheidungsgewalt hat im Fußballunternehmen. Und genau da beginnt es schwierig zu werden. Diese Idee gefällt vielen 96-Anhängern nicht. Aber die Entmündung des Traditionsklubs ist längst vollzogen. Da ist genau das passiert, wogegen sich die 05er nach wie vor erfolgreich stemmen: Wegen wirtschaftlicher Zwänge nicht mehr der Herr zu sein im eigenen Haus.

Hannover bald ganz in Kinds Hand?

Die 50+1-Regel soll bekanntlich Fußballklubs und Fußballgesellschaften davor schützen, von privaten Investoren übernommen, damit abhängig und zu einem Spielball privatwirtschaftlicher Interessen zu werden. Einen Ausweg hat die DFL aber geschaffen: Unternehmen, die nachweislich seit mindestens 20 Jahren einen Klub ohne Unterbrechung unterstützen, „erheblich fördern“, dürfen eine Stimmenmehrheit erwerben. Martin Kind ist 1998 zum 96-Vorsitzenden gewählt worden, seitdem ist die „Kind-Gruppe“ ein wichtiger Werbepartner des Klubs. Kurios: Damals wurde in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung der Vorgänger Utz Claassen abgewählt, ein Unternehmer, der damals schon ähnliche privatwirtschaftliche Ideen und Interessen in den Fußball tragen wollte, der genau darüber im Verein gestolpert ist - und der heute auf Mallorca alleiniger Eigentümer des dortigen spanischen Profiklubs ist.

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Martin Kind hat den Klub dann auf neue Beine gestellt. Die Profiabteilung wurde ausgegliedert in eine „Hannover 96 GmbH & Co KGaA“. Die notwendige Sanierung des damals maroden Profigeschäfts wurde abgewickelt über eine „Hannover 96 Sales & Service GmbH“. Der Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführer beider Wirtschaftsgesellschaften heißt bis heute: Martin Kind.

Im April 2015 hat Kind nun mit seiner Sales & Service GmbH, die er betreibt gemeinsam mit sechs befreundeten Unternehmern (dazu gehört zum Beispiel der Drogerie-Ketten-Milliardär Dirk Rossmann), auch noch die letzten 15,66 Prozent Anteile an der Fußballgesellschaft gekauft. Für läppische 3,25 Millionen Euro. Und für 2017/18 strebt diese siebenköpfige Unternehmerklicke auch die Stimmenmehrheit in der Hannover 96 GmbH & Co KGaA an. Dann ist dieser Bundesligist komplett in der Hand von Kind, Rossmann und Co. Und dann sollen die Millionen fließen. Das ist der angeblich moderne Profifußball, dem die Zukunft gehören soll.

Dufner muss gehen

Verantwortlich gemacht für den sportlichen Niedergang wurde jetzt Dirk Dufner. Der einstige Sportanwalt, der sich einen Namen gemacht hatte als Geschäftsstellenmitarbeiter/Sportlicher Leiter beim SC Freiburg, beim VfB Stuttgart und beim TSV 1860 München, wird den Klub nun nach einer knapp zweieinhalbjährigen Amtszeit als Manager verlassen. Angezählt war Dufner schon in der vergangenen Rückrunde, wegen einer angeblich verfehlten Personalpolitik (Trainer- und Spielerauswahl). Danach ließ man den Manager noch den Kader für die aktuelle Saison bauen, kürzlich wurde er zum Rücktritt auf Raten genötigt.

Zehn Sportdirektoren und 12 Cheftrainer wird der in diesem Fußballunternehmen allmächtige Wirtschaftsexperte Martin Kind dann verschlissen haben seit 1998. Mag sein, dass dieser Weg in die Zweite Liga führt.

Aber, aufgepasst: Das sind nur Prognosen. In der Coface Arena wird auf jeden Fall ein lauf- und kampfstarker Gegner antreten. Beststückt mit vielen physisch starken Spielern, die auch mit ihrer Körpergröße (1,85 Metern bis 1,95 Meter) defensiv und offensiv Wirkung erzielen können. Auf die 05er kommt erneut Arbeit zu. Harte Maloche. Mehr dazu im nächsten Blog.