Rehberg: Goretzka beim FCB - Risiko oder Chance?

Fotos: dpa

Mit einem Wechsel zum Branchen-Primus FC Bayern haben sich vor viele Fußballer den Ruf bei ihrem Heimatverein verdorben. So ist das Geschäft. Wie man aber nun mit Leon...

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. Leon Goretzka habe sicher keine Lust mehr, die Champions League mittwochs auf der Couch zu verfolgen. Dieser Satz von Oliver Bierhoff ist dem Schalker Sportvorstand Christian Heidel gestern sehr sauer aufgestoßen. Ein Missverständnis? Wir rätseln: Was hat der Nationalmannschafts-Manager damit nun wirklich gemeint?

Wollte Bierhoff sagen: Der Leon will auch dienstags mal Champions League gucken… Oder wollte der umtriebige Nationalmannschaftsmanager dem Leon nur mal einen Denkanstoß liefern für alternative Sitzgelegenheiten vor dem Fernsehgerät: Es muss nicht immer die von Orthopäden selten empfohlene Couch sein, wie wär´s mal mit einem ergonomisch geformten und beheizbaren Autositz… Das könnte man dann, mit ein wenig Querdenkerei, auch so verstehen, dass Bierhoff den Leon verschlüsselt davor warnen wollte, dass er die Champions League bei seinem künftigen Klub FC Bayern womöglich auf den für die Ersatzspieler reservierten roten Kunstledersitzen am Spielfeldrand verfolgen muss…

Heidels Argumentation kann man folgen

Heidel hat sich für eine andere Interpretation entschieden: Folge man Bierhoffs Äußerungen, dann müsse künftig jeder Nationalspieler, der mit seinem Klub keine Garantie hat auf jährliche Champions-League-Herausforderungen, umgehend zum Serienmeister FC Bayern wechseln. Und eine solche Schlussfolgerung stehe dem zur Objektivität verpflichteten DFB-Direktor nicht zu, erklärte Heidel. Dieser Argumentation kann man folgen.

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Leon Goretzka wird am 6. Februar 23 Jahre alt. Für dieses junge Alter weist der Mittelfeldspieler des FC Schalke 04 eine beeindruckende Bilanz aus: 102 Bundesligaeinsätze, 14 Tore – Länderspiele von der U16 bis zur A-Nationalmannschaft; für die Elf von Jogi Löw hat er 12 Spiele absolviert, sechs Tore geschossen und 2017 als Stammspieler den Confed-Cup gewonnen. Was jetzt gerade auf den hoch talentierten Profi, geboren und aufgewachsen im Ruhrpott (Bochum) einstürzt, das ist heftig.

Schritt zum FC Bayern: Positive und negative Beispiele

Wir haben das bei Manuel Neuer schon mal erlebt. Der war gebürtiger Schalker und wagte ebenfalls sehr früh den Sprung zum FC Bayern. In seinen letzten Spielen für S04 wurde er ausgepfiffen. Als er für die Münchner zum ersten Mal auflief, da empfingen ihn in der Allianz Arena Plakate zu dem Thema „Du bist hier nicht willkommen“. Der Unfug hat sich schnell gelegt. Neuer entwickelte sich zu einem überragenden Keeper. Die Schalker sind heute stolz darauf, dass sie dieses Talent entdeckt, entwickelt und früh in ihren Kasten gestellt haben. Die Bayern freuen sich darüber, dass sie über viele Jahre den weltbesten seines Fachs zwischen den Pfosten haben. Und die Nationalmannschaft hat davon profitiert, dass Neuer in München in der Champions League Saison für Saison gegen die besten Stürmer der Welt auf dem Prüfstand steht.

Bei Feldspielern verhält sich das etwas anders. Da kann es passieren, dass ein junger Kerl beim FCB aufschlägt, nicht sofort Fuß fasst, ob der riesigen Konkurrenz im Kader nur zu Teileinsätzen kommt – und am Ende in der Entwicklung stagniert. Nehmen wir Thiago. Ein exzellenter Kicker, aber seine tatsächlich überragenden Auftritte bei den Bayern kann man einer Hand abzählen. Oder nehmen wir Sebastian Rudy, der als aktueller Nationalspieler unter Jupp Heynckes nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Das Gegenteil haben wir bei Joshua Kimmich beobachtet. Auch dem wurde vorgeworfen, er sei zu früh zu den Bayern gewechselt. Doch genau dort wurde das Talent sehr früh Nationalspieler, genau dort befindet sich der Rechtsverteidiger auf dem Weg zu einer Führungsfigur.

Die Systemfrage: Welche Rolle soll Goretzka bei den Bayern spielen?

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Und nun zu Goretzka. Das ist ein ehrgeiziger und vernunftbegabter junger Mann, der abzuwägen hatte, ob er in Schalke direkt die Leitfigur einer ambitionierten Bundesligamannschaft wird. Oder ob er sich ab Sommer der Konkurrenz im Münchner Weltklassekader stellt – mit der Aussicht auf viele Trophäen am Gürtel. Natürlich spielt auch Geld eine Rolle. Manager Christian Heidel hat dem Spieler ein für Schalker Verhältnisse prächtiges Salär geboten, ein gewaltiger Ausreißer nach oben im Gehaltsgefüge des Ruhrpottklubs. Das offerierte Einkommen von kolportierten zehn Millionen Euro pro Jahr toppen die Bayern lässig. Und der Profi kassiert für die Tatsache, dass er ablösefrei zu haben ist, sicher auch noch ein saftiges Handgeld. 15, 20 oder auch 25 Millionen, davon darf man ausgehen. Was dann auch den Berater des Spielers über Nacht zu einem reichen oder noch reicheren Menschen werden lässt.

Goretzka hat sich für die Bayern entschieden. Da bleibt die Frage: Welche Position ist dort für ihn reserviert? Stand heute spielen die Münchner mit einem Mittelstürmer, zwei Flügelstürmern sowie drei Mittelfeldspielern, von denen in der Regel mindestens einer sehr offensiv ausgerichtet ist. Goretzka lässt sich mit seinem Profil heute noch gar nicht abschließend einstufen. Er ist ein Läufer, der die ganz weiten Wege geht zwischen beiden Strafräumen - der klassische giftige Balleroberer ist er nicht. Goretzka ist technisch perfekt, er ist ein Antreiber, er ist ein brillanter Tempodribbler mit Zug zum gegnerischen Strafraum - aber eine herausragende Quote als Meister des torvorbereitenden Passes aus dem Zentrum heraus weist er (noch) nicht aus.

Ist der FC Bayern für Goretzka ein Risiko? Wer dort scheitert, der fällt weich. Das Leben ist finanziell abgesichert bis zum letzten Atemzug. Und ein Ausleihgeschäft mit den aufstrebenden Schalkern ist immer drin.