Rehberg: Gewinner und Verlierer im Kellerkampf

Lewis Holty redet mir verärgerten HSV-Fans. Foto: dpa

An jedem Wochenende gibt es im Kellerkampf Gewinner und Verlierer. Von diesen sich ständig verändernden Punkteabständen und Stimmungslagen darf man sich nicht treiben lassen....

Anzeige

. Abstiegskampf ist ein Langstreckenrennen. Das ist bekannt. Und dennoch haben die Beteiligten immer die Sehnsucht von der schnellen Erlösung. Werder Bremen hat es geschafft. Nicht schnell. Aber mit einer Erfolgsserie in einem überschaubaren Zeitraum. 35 Punkte, da kann auch mal wieder zu Hause nicht gewinnen und anschließend auswärts verlieren.

Die 05er haben 31 Punkte. Zwei Siege, und die Sache wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit geregelt. Doch das sind die falschen Gedanken. Am Bruchweg geht es darum, sich einzustellen auf einen harten Endspurt. In einer Ausgangssituation, die besagt: Wir sind besser dran als fünf andere Klubs - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

An jedem Wochenende gibt es im Kellerkampf Gewinner und Verlierer. Von diesen sich ständig verändernden Punkteabständen und Stimmungslagen darf man sich nicht treiben lassen. Das Auto ist erst in der Garage, wenn das Garagentor geschlossen ist. Bis dahin ist man mal mit der Schnauze schon drin, mal noch zwei, drei, vier Meter davor.

Darauf gibt es nur eine Antwort: Leistung, Teamgeist, Leidenschaft, Nervenstärke, konzentrierte Trainingsarbeit. Wer mit der Schnauze in der Garage nachlässig den Fuß vom Gaspedal nimmt, der rollt sofort wieder zwei, drei Meter zurück. Abstiegskampf ist eine Bergauffahrt, Energieverlust hat unmittelbar nachteilige Folgen.

Anzeige

Mainz ist Verlierer des Spieltages

An diesem Wochenende waren der VfB Stuttgart, der SC Paderborn, der SC Freiburg, der 1. FC Köln und Hertha BSC die Gewinner. Der HSV, Hannover 96 und Mainz 05, die Verlierer dieses Spieltages, können aber nun nicht mehr tun, als an der Mentalitätsschraube zu drehen und die eigene Leistung besser zu machen. Das ist der einzige gangbare Weg. Dass von unten in der Regel mindestens eine Mannschaft noch mal in einen Lauf kommt, das hat es immer wieder gegeben.

Das mag jetzt der VfB Stuttgart sein. Wochenlang Letzter, zuletzt zwei Heimsiege, jetzt Vorletzter. Das gibt Auftrieb. Die Schwaben wähnen sich nun in einer besseren Lage als etwa die 05er mit ihren vier Punkten Vorsprung vor dem Relegationsplatz. Warum? Weil die Stuttgarter am Sonntag ein Momentum erwischt haben, das signalisiert: Das Glück findet zurück zu uns - und wir haben jetzt einen Mann, der die Tore macht. Das 3:2 gegen Werder kann einen Impuls setzen.

Spielstand in Stuttgart kurz nach Wiederanpfiff: 1:1. Martin Harnik verballert binnen Minuten frei vor dem Tor zwei Riesenchancen zur erneuten Führung für den VfB. Trainer Huub Stevens will den Stürmer auswechseln. Während sich Einwechselspieler Timo Werner die Stutzen zurechtfummelt, bereitet Harnik das 2:1 vor, Torschütze Daniel Ginczek. Harnik bleibt auf dem Feld - und handelt sich mit einem Foul sechs Minuten vor Schluss die Gelb-Rote Karte ein. Werder macht in Überzahl das 2:2 und drängt auf das 3:2. Aber: Der VfB macht in Unterzahl Sekunden vor dem Abpfiff mit einem Konterzug das 3:2-Siegtor. Durch den monatelang verletzt fehlenden Mittelstürmer Ginczek.

Gold für die Moral

Anzeige

Dieser Spielverlauf ist Gold wert für die Moral und die Zuversicht innerhalb der Gemeinschaft. Und Ginczek, der sich als junger Kerl mal statt für die Mainzer für den 1. FC Nürnberg entschieden hatte (im Sommer 2013), avanciert zum Retter, zum Helden, zur Lebensversicherung. Bingo! Die Schwaben leben wieder.

Und der Hamburger SV? Der wirkt wie abgestorben. Nichts geht. Auch nicht bei Peter Knäbel. Der Chefcoach, der als Sportdirektor parallel zu seinem Abstiegskampfauftrag ja auch noch nach seinem Trainernachfolger fahndet, wirkt hemmungslos überfordert. Auch in der Öffentlichkeitsarbeit. Knäbel strahlt in jedem Interview aus, dass er sich in seiner Rolle überhaupt nicht wohl fühlt.

Warum macht Knäbel dann diesen Job? Weil Thomas Tuchel in diesem Moment nicht antreten will in Hamburg. Im Sommer vielleicht, mit Tendenz zu wahrscheinlich. Aber was nutzt das dem Klub, wenn er dann in der Zweiten Liga den kompletten Neuaufbau betreiben muss, eventuell sogar verbunden mit der Suche nach einem Nachfolger für den gescheiterten Sportdirektor?

Experten fordern sofortiges Eingreifen von Tuchel

Und der umworbene neue sportliche Messias ist gerade dabei, in der Öffentlichkeit zerrupft zu werden. Sport1-Fachmann Thomas Strunz, Schalke-Präsident Clemens Tönnies, die Sky-Experten Ottmar Hitzfeld und Marcel Reif, alle haben am Wochenende im Fernsehen gefordert: Wenn Tuchel zum HSV will, dann muss er - jetzt und sofort - die Rettungsmission übernehmen.

Und was ist mit dem noch bis zum 30. Juni laufenden Vertrag in Mainz? Den könnte der im unbezahlten Urlaub befindliche Tuchel ja nicht einfach wegblasen. "Das ist mit Mainz in fünf Minuten geregelt", sagte Reif am Sonntagabend staatsmännisch bei Sky. Grober Unfug. Warum sollten die 05er für ein paar Ablass-Euro einen direkten Nichtabstiegskonkurrenten kurz vor Toresschluss reanimieren lassen durch einen Fachmann, der den HSV mit hoher Wahrscheinlichkeit umgehend spielerisch und taktisch besser machen würde? Und dann käme der HSV vier Spieltage vor Schluss mit Thomas Tuchel auf der Bank in die Coface Arena zu einem möglichen Mainzer "Abstiegskampfendspiel"…

Wir stellen uns dieses Szenario mal vor. Am letzten Spieltag der Vorsaison hatte Tuchel mit den 05ern den HSV mit einem 3:2 in die Abstiegsrelegation geschickt. Danach ließ sich Tuchel für den Einzug in die Europaliga-Quali vor der Fantribüne feiern. Im Medienblock war längst durchgesickert: Tuchel hört auf, er will nicht mehr, er legt ein Sabbatjahr ein. Auf der Mainzer Europapokalfeier an selbigem Abend tanzte Tuchel ausgelassen, die verstörten 05-Profis schauten irritiert bis fassungslos zu. Dem folgten Rechtsstreitereien.

Heidel würde Tuchel-Rückkehr mit dem HSV zum Saisonfinale verhindern

Und nun käme dieser Tuchel mit dem HSV nach Mainz, mit dem Ziel, die Hanseaten zu retten und die 05er tiefer in den Sumpf zu ziehen? Nein, das ist nicht denkbar. Da muss man bei Christian Heidel erst gar nicht nachfragen: Dieses Szenario würde der 05-Manager nicht zulassen.

Warum tut sich Tuchel so schwer mit seiner "Sommer-Perspektive"? Weil der geschwätzige HSV schon sein künftiges Gehalt hat durchsickern lassen und weil dort zig Gremien ihren Senf dazu geben bei jeder anstehenden Entscheidung? Weil Jürgen Klopp in Dortmund leicht angeschlagen wirkt? Weil Pep Guardiola nicht ewig bei den Bayern bleibt - oder weil sich Tuchel vielleicht auch ein Luxuslehrjahr unter dem von ihm verehrten Guru vorstellen könnte (für den ins Alter gekommenen Hermann Gerland)?

Sehr spannend. Für den HSV ist diese öffentlich ausgetragene Verhandlungspartie, die Tuchel öffentlich moderieren lässt durch einem Medienberater und durch einen Hamburger Anwalt, nur noch eine zentnerschwere Bürde.