Rehberg: Gedanken über die Offensivabteilung

Bekommt von seinen Kollegen auf dem Platz nichts geschenkt: Pablo de Blasis (links) im Zweikampf mit Daniel Bohl. Foto: Martin Hoffmann

Seit Beendigung der sommerlichen Transferperiode machen wir uns Gedanken darüber, dass die Offensivabteilung binnen drei Tagen qualitativ und quantitativ derart opulent...

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. Im Fußball lässt sich nahezu jedes Thema nahezu beliebig drehen und wenden. Im Juli, August gab es Anlass zu der Kritik, der Rumpfkader des FSV Mainz 05 könnte in der Offensivabteilung quantitativ und qualitativ irreparabel unterbesetzt sein. Seit Beendigung der sommerlichen Transferperiode machen wir uns Gedanken darüber, dass die Offensivabteilung binnen drei Tagen qualitativ und quantitativ derart opulent nachgerüstet worden sein könnte, dass vielleicht schon in wenigen Wochen die ersten Bankdrücker und Tribünenhocker aus der überbesetzten Offensivabteilung schlechte Stimmung in den Luxuskader tragen. Das geht sehr schnell. Und das ist lustig.

Wenn wir vom Grundsystem 4-2-3-1 ausgehen, dann benötigt Kasper Hjulmand an jedem Spieltag in der Startelf vier Offensivspieler - plus im Idealfall drei Offensivspieler auf der Bank mit unterschiedlichen Profilen. Macht zusammen genommen also sieben Profis, die als Mittelstürmer, Außenstürmer und Zehner Einsatzzeiten bekommen können. Wir zählen aktuell acht Mann, die sich beim Trainer darum bewerben. Das ist also nicht zu viel für sieben Rollenbesetzungen. Gedrängel gibt es, wenn wir genauer hinschauen, auf einzelnen Positionen.

Die Offensiv-Optionen

Da erkennen wir einen Mittelstürmerpool, der alle taktischen Varianten mit einem Strafraumstürmer oder mit zwei zentralen Spitzen abdeckt: Shinji Okazaki, Sami Allagui, Filip Djuricic und Pablo de Blasis. Üppig. Wir erkennen einen Spielmacherpool mit sehr unterschiedlichen Profilen: Ja-Cheol Koo, Yunus Malli, Filip Djuricic und Jonas Hofmann. Sehr üppig. Wir erkennen einen Außenstürmerpool, der mit klassischen Seitenlinienflitzern überhaupt nicht überbesetzt ist: Jairo, Jonas Hofmann, vielleicht noch Pablo de Blasis; Allagui und Djuricic sind in diesem Pool Außenstürmeroptionen, die sich weniger über Geschwindigkeit und Sprints in die Tiefe, denn mehr über Dribbling und Torgefährlichkeit definieren.

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Dazu kommen aus der Nachwuchsabteilung der 17 Jahre alte Spielmacher Patrick Pflücke und der 18 Jahre alte Außenliniensprinter Devante Parker. Zwei Talente, die sich über die U19 und über die U23 ganz nach oben arbeiten können, die aber sicher noch Zeit benötigen, bis sie vollwertige Bundesligaoptionen sind.

Fazit: Die 05er sind jetzt in der Offensive quantitativ sehr gut aufgestellt, qualitativ müssen wir uns von den neuen Leuten erst noch verlässliche Eindrücke verschaffen.

Mögliche taktische Ausrichtung

Entscheidend ist, dass der Trainer mit diesem Personalangebot nun alle bekannten Systeme nutzen und diverse taktische Ausrichtungen zur Anwendung bringen kann. Der Däne kann mit drei Stürmern spielen (etwa im 4-3-3 oder in einem sehr offensiv ausgerichteten 4-2-3-1). Hjulmand kann das 4-4-2 spielen mit der Mittelfeldraute: Da kann er einen Ballbesitzzehner oder einen Umschaltzehner nominieren - und davor zwei Spitzen, die entweder im Zentrum ihre Stärken haben oder auf den Außenbahnen. Er kann ein 4-1-4-1 spielen mit einer beweglichen, ballsicheren Spitze und offensiv besetzten Außenbahnen. Und er kann nun auch defensiver spielen, tiefer verteidigen: Für diese Kontervariante sind jetzt auch die nötigen breit angreifenden Außenbahnsprinter am Start. Und mit antrittsschnellen Stürmern fällt es auch leichter, im Bedarfsfall ein aggressives Angriffspressing aufzuziehen.

Eines müssen alle Kadermitglieder akzeptieren: Die Bezeichnung "Stammspieler" bekommt bei dieser breiten Auswahl eine andere Bedeutung. Stammspieler sind in diesem Fall Profis, die grundsätzlich immer eine Startelfoption sind, die immer in der Lostrommel sind bei der Erstellung des jeweiligen Matchplans - was aber immer auch auf eine Bankrolle hinauslaufen kann. Die Bedeutung und Wertschätzung jener Einwechselspieler, die ohne große Anlaufzeit Wirkung erzielen, die dem Trainer die Möglichkeit geben, ab einem bestimmten Zeitpunkt strukturelle Veränderungen einzuleiten binnen der 90 Minuten, hat deutlich zugenommen. Das hat auch die WM 2014 gezeigt. Der Ex-05er André Schürrle war wahrscheinlich der stärkste Einwechselstürmer bei diesem Turnier, punktuell wirkungsvoller als die Startelfkonstante Mesut Özil. Die Bankoptionen können Spiele entscheiden, zumindest in günstigere Bahnen lenken.

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Der Gewinner dieser späten Kaderkomplettierung am Bruchweg ist Kasper Hjulmand. Der wird deshalb nicht jedes Spiel gewinnen. Muss er auch nicht. Aber dem (nicht unberechtigten) Hinweis, bestimmte taktische Elemente seien wegen fehlender Offensivprofile nicht umsetzbar, ist nun die Grundlage entzogen. Feuer frei! Der Trainer kann sich ab sofort in seiner Idee von der spielerischen und taktischen Flexibilität nach Belieben austoben. Die entsprechenden Rollenzuschreibungen muss Hjulmand geschickt moderieren.