Rehberg: Für den Henkeltopf braucht Bayern einen Streetfighter

Arturo Vidal. Foto: dpa

Wenn Arturo Vidal seinen gerade unterschriebenen 4-Jahres-Vertrag beim FC Bayern München erfüllt, dann dürfte den Klub dieser Transfer im Paket 80 bis 90 Millionen Euro...

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. Arturo Vidal, 28 Jahre alt, 35 Millionen Euro Ablöse, sein Gehalt dürfte sich jenseits der zehn Millionen Euro pro Jahr bewegen. Wenn der Chilene seinen gerade unterschriebenen 4-Jahres-Vertrag beim FC Bayern München erfüllt, dann dürfte den Klub dieser Transfer im Paket 80 bis 90 Millionen Euro gekostet haben. Diese Summen sind nur Schall und Rauch. Der FC Bayern hat das Geld. Aber braucht diese europäische Spitzenmannschaft auch diesen wilden Spieler?

Pep Guardiola, so wird berichtet, sei begeistert gewesen von dieser Idee. Der Startrainer sei sich bewusst geworden, dass sein Ballbesitzfußball mit nahezu der gesamten Mannschaft in der gegnerischen Hälfte eine Absicherung benötige. Es geht um die Vermeidung von Kontern. Da waren die Bayern anfällig in der vergangenen Saison. Vidal soll der Spieler werden, der mit Laufstärke, Aggressivität und Willen aufmüpfigen Gegnern die Bälle wegfrisst. Als die Bayern 2013 unter Jupp Heynckes das Triple gewannen, da erledigte Javi Martinez diesen Job. Glänzend. Doch Guardiola sieht in dem Spanier eher einen Innenverteidiger.

Vidal wird in engen Duellen wichtig

Natürlich soll Vidal auch Elemente einbringen, die der zu Manchester United gewechselte Bastian Schweinsteiger verkörpert hat: Widerstandsgeist, Behauptungswillen, die unstillbare Lust auf Siege, auf Meisterteller, Pokale und Henkeltöpfe. Im vergangenen Mai stand Vidal mit Juventus Turin im CL-Finale gegen den FC Barcelona, in diesen 90 Minuten war von dem Kampf-Chilenen nicht viel zu sehen. Experten sagen, der 28-Jährige sei nach einer längeren Verletzungspause nicht mehr richtig in Form gekommen. Mag sein. Man könnte aber auch auf den Gedanken kommen, dass dieser energiegeladene Mittelfeldspieler, der keiner Laufstrecke, keinem Zweikampf und keiner Rauferei aus dem Weg geht, auf allerhöchstem Niveau spielerisch nicht in die 1a-Kategorie der Weltklassesechser gehört.

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Um die Bundesliga zu dominieren, hätten die Bayern Vidal sicher nicht gebraucht. Wichtig kann er werden in engen Duellen gegen den VfL Wolfsburg, gegen Borussia Dortmund, gegen Borussia Mönchengladbach und vielleicht noch gegen Bayer Leverkusen. Den Rest der Spiele gewinnen die Bayern an normalen Tagen auch mit Sebastian Rode, Pierre-Emile Höjberg oder Joshua Kimmich im Mittelfeld neben Xhabi Alonso, Thiago, Philipp Lahm, David Alaba, Mario Götze und/oder Martinez.

Wichtiger Baustein gegen europäische Top-Teams

In der Champions League haben die Bayern zuletzt auch mit ersatzgeschwächten Formationen das Halbfinale erreicht. Wenn es dann gegen Barca, Real Madrid, den FC Chelsea oder Paris St. Germain geht, dann kann ein Arturo Vidal mit seiner Kampfkraft, seiner Leidenschaft, seiner zuweilen fiesen Härte, seinen den Gegner nervenden Provokationen und seinem nie erlahmenden Willen vielleicht auch ein wichtiger Baustein werden. Auch das wird Guardiola in seinem wahrscheinlich letzten Jahr als Vordenker in München im Hinterkopf gehabt haben: Der Henkeltopf fehlt dem großen Fußballstrategen noch zur Krönung seiner Bayern-Zeit.

Ein klassischer Anführer kraft spielerischer Klasse, Geist und Persönlichkeit wird Arturo Vidal in München nicht werden. Diese Rolle besetzen die braven deutschen Weltmeister Philipp Lahm, Manuel Neuer, Thomas Müller und Jerome Boateng. Vidal ist der Straßenkicker, der Gassenbub, der sich aus ärmsten Verhältnissen in den sozialen Brennpunkten am Rande von Santiago nach oben geschafft hat zum Fußballstar, Millionär und Besitzer eines Reitstalls mit 111 Edelgäulen, ein Raufbold, der vor Nichts und Niemandem Angst hat und der es hasst, zu verlieren. Das lebt der Chilene auf dem Platz aus.

Kein typischer Schwiegersohn

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Das ist nicht eben ein netter, sympathischer Typ, den sich Mütter und Väter als Schwiegersohn wünschen. Das ist ein mit allen Abwassern gewaschener Streetfighter, dessen wilde Irokesenfrisur Auskunft geben soll über seine Einstellung zum Leben und zum Fußball. Das ist einer dieser unbeugsamen, schwer zu zähmenden Kerle, die erst so richtig munter werden, wenn es problematisch wird auf dem Feld. Die deutschen Nachwuchsleistungszentren lassen diese unangepassten Lebenskünstler kaum noch nach oben kommen.

Feierzüge durch das Nachtleben von Turin, eine Alkoholfahrt nebst glimpflich ausgegangenem Unfall mit dem neuen Ferrari während der Südamerika-Meisterschaft mit der chilenischen Nationalmannschaft, das sind Geschichten, die Vidal vorauseilen. Michael Reschke, der Bayern-Scout, der den Kämpfer einst schon für Bayer Leverkusen entdeckt hat, wird den Menschen Vidal sehr gut kennen. Vielleicht wird man am Ende sagen: Diesen Spieler kann jede Mannschaft gebrauchen - sogar die Weltauswahl des FC Bayern.