Rehberg: Flow gegen Abstiegskralle

Christian Fuchs erhält im Spiel gegen Sunderland Instruktionen von Leicester-Coach Claudio Ranieri. Foto: dpa

In England erlebt Leicester City mit den Ex-05ern Okazaki und Fuchs die Leichtigkeit des Flows, Jan Kirchhoff dagegen spürt mit dem AFC Sunderland die Abstiegskralle im Nacken....

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. Sonntagnachmittag. Leicester City beim AFC Sunderland. Die beiden Mannschaften standen schon im Kabinengang des „Stadium of Light“. Und dann machte Christian Fuchs einen Schritt seitlich nach vorne, tippte Jan Kirchhoff von hinten auf die Schulter, freudiges Händeschütteln. Ein Jahr haben die beiden Premier-League-Neuprofis gemeinsam am Bruchweg gespielt. 2010/11. Bis heute die 05-Rekordsaison: Rang fünf in der Bundesliga im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg mit gigantischen 58 Punkten – Einzug in den Uefa-Pokal unter Thomas Tuchel.

Fuchs war damals als Linksverteidiger einer der unverzichtbaren Leistungsträger (acht Torvorlagen), der junge Kirchhoff aus der eigenen Nachwuchsabteilung arbeitete sich gerade mit zehn Einsätzen nach langer Verletzungszeit an das Erstliganiveau heran. Diese beiden Spieler können einschätzen, was der aktuelle Erfolg für die Mainzer bedeutet. Fuchs noch besser als Kirchhoff, denn der Kapitän der österreichischen Nationalmannschaft lebt diesen Flow in diesen Wochen in höchster Intensität mit dem englischen Sensations-Tabellenführer aus der kleinen Universitätsstadt Leicester.

In England gibt es gerade keine Übermannschaften wie in Deutschland den FC Bayern und Borussia Dortmund. Also nutzt Leicester City, in der Vorsaison erst auf der Zielgeraden dem Abstieg entronnen, die Leichtigkeit des Seins für eine freche Titelmission. Sieben Punkte Vorsprung vor Tottenham Hotspur, fünf Runden vor Schluss. Zweifel, Druckgefühle, Verkrampfung so kurz vor dem Wahrwerden eines Traums? Nichts davon ist den Foxes („Die Füchse“) anzumerken. Schmucklos, aber hoch effektiv spulen die Männer des italienischen Trainervetranen Claudio Ranieri unbeeindruckt ihr Programm ab. Fünf der vergangenen sieben Spiele hatte Leicester ohne Gegentor gewonnen. Das Standardergebnis: 1:0. Und nun die knifflige Aufgabe beim sich mit Macht gegen den Abstieg stemmenden Drittletzten AFC Sunderland. Fuchs grüßte vor dem Anpfiff mit einem Lachen auf dem Gesicht, Kirchhoff wirkte extrem angespannt.

Erfolg zieht Erfolg nach sich

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Das ist es, was sportliche Situationen aus Mannschaften immer wieder machen. Leicester spielte konzentriert, geduldig und in den passenden Momenten zielstrebig. Sunderland rannte wild und kämpferisch an, aber ohne Überzeugung. Dann markierte Leicester-Torjäger Jamie Vardy seinen 20. Saisontreffer (66.). Acht Minuten vor dem Abpfiff hatte Sunderland die Riesenchance zum Ausgleich, aber Jack Rodwell bugsierte die Kugel frei vor Keeper Kasper Schmeichel überhastet über den Torbalken. In der fünften Nachspielminute schloss Vardy einen Konterzug eiskalt zum 2:0 ab. An der Körpersprache von Kirchhoff, der im 4-1-4-1-System von Trainer Sam Allardyce die Sechserpostion besetzte zwischen den beiden Viererreihen, konnte man den Spielverlauf ablesen.

Der 25-Jährige, der einst von Mainz aus den Sprung schaffte zum großen FC Bayern, begann stark - souverän im Stellungsspiel, geschickt im Zweikampf, sicher im Passspiel -, doch ab dem 0:1 ließ Kirchhoff die Schultern hängen. Während der bis dahin ausschließlich defensiv beschäftigte Fuchs begann, seine bekannten Flügelläufe zu inszenieren. Klassisch: Die Leichtigkeit des Flows gegen die Abstiegskralle im Nacken.

Erfolg zieht Erfolg nach sich, Misserfolg produziert die nächste Niederlage. Die 05er segeln auf Europapokal-Kurs, die Frankfurter Eintracht bekommt trotz deutlich verbesserter Spielanlage im Tabellenkeller kein Bein mehr auf den Boden. In Mainz machen in dieser Situation Spieler auf sich aufmerksam, nach denen in der Vorsaison noch kein Hahn gekräht hat. 40 Kilometer weiter würden die wütenden Eintracht-Fans am liebsten bis auf den Torwart jeden Spieler vom Hof jagen. Die Frankfurter zittern, die Mainzer leben einen Traum. In knapp zwei Wochen kommt es am Main zum direkten Duell. Zuvor müssen die Frankfurter noch zum Seriensieger Bayer Leverkusen, die 05er erwarten in der Coface Arena den 1. FC Köln.

Emotional stur bleiben

Leicester City ist ein prächtiges Beispiel dafür, wie man gedanklich und emotional unabhängig bleibt. Die Konkurrenz will Druck aufsetzen, die Medien veranstalten einen Hype, doch die Ranieri-Elf bleibt stur in ihren Inhalten. Topdefensive, fast keine Gegentore, wenig, aber präziser, konstruktiver Ballbesitz, ein paar überfallartige Konter - der nächste Sieg.

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Der bullige Jamaikaner Wesley Morgan und der steife Deutsche Robert Huth halten die Abwehr zusammen. Der kleine N`Golo Kanté, in der zweiten Liga im Franck-Ribéry-Geburtsort Boulogne-sur-mer entwickelt und bei SM Caen in Bretagne von Leicester entdeckt, schwingt sich gerade zu einem der besten Mittelfeldarbeiter der Premier League auf; der Nobody hat im März seine ersten beiden Länderspiele für Frankreich absolviert. Im Angriffszentrum schuftet Shinji Okazaki die Gegenspieler müde, bevor er regelmäßig nach einer Stunde vom groß gewachsenen Argentinier Jose Ulloah abgelöst wird. Und der für kleines Geld aus Le Havre gekommene Algerier Riyad Mahrez und der viele Jahre disziplinlos und erfolglos vor sich hin dümpelnde, bereits 29 Jahre alte Sprinter Yamie Vardy machen die Tore. Individuelle Entwicklungen, die nur möglich sind in dieser funktionierenden Gemeinschaft und auf diesem Erfolgspfad.

Leicester City hat den Eintritt in die Champions League mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon geschafft. Doch die Spieler freuen sich nach wie vor nur auf das nächste Spiel. In Mainz beobachten wir eine sehr ähnliche Herangehensweise. Wenn auch die 05er es weiterhin schaffen, gedanklich und emotional stur bei sich zu bleiben, bei den eigenen Einflussmöglichkeiten – und das sind die fußballerischen Inhalte, die Leistungsbereitschaft und der Spaß am Gelingen, dann mündet auch dieser Weg im internationalen Geschäft.