Rehberg: „Floskeldrescherei setzt sich fest“

19.07.2019, Schweiz, Sion: Fußball: Super League, Schweiz, 1. Spieltag, FC Sion - FC Basel im Tourbillon Stadion: Patrick Luan dos Santos (l) von Sion erzielt das Ausgleichstor zum 1:1. Foto: Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Verwackelte Sprachbilder und unpräzise Synonyme sind im Fußball legitim, wenn sie der Emotionalisierung dienen. Das möchte man zumindest meinen. Kolumnist Reinhard Rehberg...

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. In der Sportsprache werden umgangssprachliche Inhalte akzeptiert. Dazu gehören auch mal mehr, mal weniger verwackelte Sprachbilder oder Synonyme. Wir wollen aber nicht aus den Augen verlieren, dass der Sportjargon, der vereinfachen und vor allem emotionalisieren will und sich von daher unterscheidet von der Fachsprache, zuweilen Gedanken und Gefühle in die falsche Richtung lenkt. Wir erkennen das im Profifußball sehr häufig. Bei TV-Kommentatoren, bei Schreibern, bei Experten, bei Spielern, Trainern und Funktionären.

Nur ein kleines Beispiel. Der Bezahlsender Sky benutzt in seiner frei empfangbaren Nachrichtensendung den Begriff Pleite auffallend häufig als Synonym für Niederlage. Streng genommen passt das überhaupt nicht. Denn Pleite ist das Synonym für Bankrott und bezeichnet die Zahlungsunfähigkeit eines Unternehmens. Im Fußball hatte sich die Pleite eingenistet, wenn es darum ging, eine hohe Niederlage zu beschreiben. 0:5, 0:6 – da ging gar nichts, die Mannschaft stand an diesem Tag vor dem sportlichen Bankrott. Okay. Sportjargon. Vereinfachende Zuspitzung, Emotionalisierung.

Fragen ermöglichen keine freie Beurteilung mehr

Bei Sky sind aber auch die normalen Niederlagen schon Pleiten. 0:1, 1:2. Da heißt es sogar: Mannschaft X kassierte die erste Pleite in dieser Saison… Nach mehreren Siegen oder Unentschieden in Serie eine Pleite? Oder es dreht sich um eine knappe Niederlage in einem x-beliebigen Testspiel: Der Trainer stehe schon wieder unter Druck nach der 1:2-Pleite gegen… Verwunderung. Dann schaut man sich noch die Aufstellung an, sieht den Einsatz von drei Ergänzungsspielern und vier Talenten aus der U19, und man denkt sich: Was will der Kommentator mir sagen mit dem Begriff Pleite…? Das ist der – vermeintlich harmlose - Einstieg in die Überhöhung, in die (manchmal gewollte, manchmal ungewollte) Skandalisierung.

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Ähnliches beobachtet man bei den Fragetechniken. Die treffsicheren Fragewörter, das wissen wir seit der Kindheit aus der Sesamstraße, sind: Wer, wie, was - wieso, weshalb, warum. Benutzt wird in den Interviews am Spielfeld aber immer häufiger: Inwiefern… Beispiel: Inwiefern war die heutige Pleite eine riesige Enttäuschung? Damit wird dem Befragten schon keine freie Beurteilung mehr zugestanden, der Rahmen „Pleite“ und „riesige Enttäuschung“ ist schon vorgegeben. Die meisten Spieler und Trainer fallen darauf herein, die subjektive oder halbwegs objektive Einstufung der Geschehnisse durch einen der Beteiligten fällt unter den Tisch. Inwiefern müssen sie sich heute wahnsinnig ärgern über den schlechten Auftritt ihrer Mannschaft? Inwiefern war der schwache Schiedsrichter verantwortlich für das enttäuschende Ergebnis? Inwiefern war es wichtig, dass sie heute das erlösende Erfolgserlebnis gefeiert haben? Die Bewertungen werden durch die Fragetechnik schon determiniert.

Fußballanhänger fühlen sich immer mehr abgehängt

Sprache kann auch dazu führen, dass sich Fußballanhänger nicht mehr mitgenommen fühlen. Die wie am Fließband benutzte Spielbewertungsfloskel „In der ersten Halbzeit haben wir es gut gemacht, in der zweiten Halbzeit haben wir es nicht mehr so gut gemacht“, oder umgekehrt, das sagt wenig bis gar nichts aus. Und immer weniger Journalisten fragen nach: „Bitte konkreter, was war gut, und was war weniger gut?“

Oder wenn Spieler auf die Frage, wie sie ihre Leistung bewerten, antworten: „Hauptsache, ich konnte meiner Mannschaft helfen. Ich will meiner Mannschaft immer helfen!“ Wie bitte? Da gibt es aber auch Reporter, die fragen: „Inwiefern konnten sie ihrer Mannschaft heute helfen?“ Floskeldrescherei setzt sich fest. Inzwischen reden auch Fans in dieser Weise. „Müller hat das heute nicht richtig gut gemacht.“ Der Kumpel nickt. „Ja, irgendwie nicht!“ Ende des Dialogs.

Sprache bildet. Man möchte alle Beteiligten dazu aufrufen, ihren Gedanken und Gefühlen inhaltlich mal wieder freien Lauf zu lassen, konkret zu werden, Situationen, Handlungen, Zusammenhänge und Wechselwirkungen zu erklären, Dinge beim Namen zu nennen. Die oft beschriebenen Gefahren sind überschaubar. Es dreht sich „nur“ um Fußball.