Rehberg: FC Bayern fühlt sich nicht gerüstet

Bayern-Trainer Hansi Flick wünscht sich Verstärkungen für den Kader. Archivfoto: dpa

Öffentliche Kritik statt „Mia san mia“. Bayern München wirkt angeschlagen, auch wegen der vielen Verletzten. Trotzdem gibt es gegen Hertha BSC keine Ausreden, meint unser...

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. Warum die Chancen steigen, dass es 2020 mal wieder einen anderen Deutschen Meister gibt als den FC Bayern? Trainer und Spieler des Titelverteidigers jammern vor dem Start in die Rückrunde. So sehr, dass sich Jürgen Klinsmann vor dem Heimduell der Hertha mit dem Branchengiganten am Sonntag schon zu der Aussage hat verleiten lassen: „Die Bayern sind angeschlagen!“

Das ist man nicht gewohnt aus dem Hause „Mia san mia“. Hansi Flick hat ob der zweifellos langen und gravierenden Verletztenliste Winterzugänge gefordert. Starke Spieler, die sofort auf Bayern-Niveau einsetzbar sind. Einen Rechtsverteidiger will der Chefcoach haben, auch noch einen Flügelstürmer. Das hat Flick in der Öffentlichkeit vorgetragen. Der Konter von Sportdirektor Hasan Salihamidzic hat gesessen. Der Sportdirektor führte aus, dass er von „medialer Kaderplanung“ gar nichts halte. Woraufhin am nächsten Tag der führungs- und bekannt meinungsstarke Leistungsträger Joshua Kimmich bekundete, dass es, wolle man die großen Ziele erreichen, im Kader definitiv an Breite fehle.

Nun fliegen die Bayern nach Berlin in einer Atmosphäre, die den Gegnern im Titelkampf Mut machen dürfte. Der große FC Bayern fühlt sich nicht gerüstet für das Halbjahr mit Entscheidungen in Bundesliga, im DFB-Pokal und in der Champions League. Der große FC Bayern quasselt auch noch öffentlich darüber. Und der intern gerade erst so stark geredete Flick-Hansi muss sich auch noch eine Watschn gefallen lassen vom oft genug nicht überragend clever kommunizierenden Sportchef.

Kein Geld für Notkäufe verblasen

Man könnte fast auf die Idee kommen, dass die „Lazarett-Bayern“ ein wenig nervös sind.

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Natürlich kann man den Trainer verstehen. Am Ende der Saison wird der smarte Flick ausschließlich am Erfolg, sprich an neuer Gold- und Silberware in der Klubvitrine gemessen.

Man kann auch Salihamidzic verstehen, der darauf verweist, dass in den kommenden zwei, drei, vier Wochen ja einige der verletzten Spieler wieder zur Verfügung stehen. Flick wird entgegnen: Keiner weiß aber, wie lange die brauchen, bis sie wieder in Topform sind. Dann wird der Sportdirektor sagen: Okay, das wissen wir nicht, aber wenn du jetzt neue Spieler willst, dann sollten wir das in den Medien nicht so hoch aufhängen, denn mit jedem Zeitungsaufsatz, der unsere personellen Nöte beschreibt, werden potenzielle Zugänge noch teurer.

Warum all das in München nicht hinter verschlossenen Türen diskutiert wird, das erschließt sich nur bedingt. Als ob der Flick-Hansi beim Klub betteln müsste, als ob Kimmich seinem Trainer unter die Arme greifen müsste, als ob Salihamidzic nicht auch Sorgen hätte wegen der vielen Ausfälle und wegen der Millionensummen, die auf dem Markt für bayern-taugliche Spitzenkräfte aufgerufen werden. Der Klub, der im kommenden Sommer Leroy Sané, Kai Havertz und vielleicht auch Philippe Coutinho mit jeweils mindestens 100 Millionen Euro ablösen muss/möchte, will jetzt nicht für normal talentierte Notkäufe Geld verblasen.

Elf gesunde und fußballerisch sehr befähigte Nationalspieler

Als ob es jemals geholfen hätte, über Probleme zu jaulen. Statt im stillen Kämmerlein an Lösungen zu arbeiten. Und nach draußen Gelassenheit, Kraft, Selbstvertrauen und Stärke zu demonstrieren. Wir wissen aus Erfahrung: Probleme wirken sich sehr zügig aus, wenn man sehr viel darüber lamentiert.

Sollte die Partie gegen die aufpolierten Berliner schief gehen, dann wird bei den Bayern doch sicher keiner behaupten: Wir haben verloren, weil wir aktuell zu wenig Breite im Kader haben. Die FCB-Startelf im Olympiastadion wird am Sonntag mit elf gesunden und fußballerisch sehr befähigten Nationalspielern bestückt sein. Da gibt es keine Ausreden. Der Viele-Spiele-Stress beginnt so richtig erst Ende Februar/Anfang März.

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Der immer so wahnsinnig positiv denkende und aufgesetzt fröhliche Klinsmann hat ja auch schon nachgeschoben: Die Bayern seien in einem angeschlagenen Zustand „immer besonders gefährlich, immer“. Wenn dem tatsächlich so wäre, dann würden die „Umbruch-Bayern“ auch in dieser Saison die Tabelle längst mit vielen Punkten Vorsprung anführen.

Dass die Hertha aktuell womöglich einen Schwarzfahrer, also einen Übungsleiter ohne gültige Fahrerlaubnis auf der Bank sitzen hat, das wird den Bayern nicht helfen. Am grünen Tisch gibt es in diesem Fall keine Punkte. Denn man darf davon ausgehen, dass es der DFB in den nächsten Tagen schaffen wird, für den lässigen Sommermärchen-Helden und selbst ernannten Projektleiter Klinsmann einen Sonderstatus zu konstruieren.