Rehberg: FC Bayern fehlte Mentalitätsmonster Robben

Enttäuscht: Thomas Müller. Foto: dpa

Da war der Herr über das Fußballschicksal übellaunig - stellt unser Fußball-Experte Reinhard Rehberg nach dem Halbfinal-Aus des FC Bayern in der Champions League gegen...

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. Man musste nur kurz in die Gesichter der Spieler schauen. Keiner konnte den Schmerz verbergen, den dieses Ereignis ausgelöst hat. Erneut gescheitert im Halbfinale der Champions League. Nach einer Topleistung. Pep Guardiolas große Zeit beim FC Bayern München bleibt in der Titelsammlung unvollendet. Der Spanier hat dafür gesorgt, dass in Deutschland Ballbesitzfußball ein Thema geworden ist und gelehrt wird. Den Henkeltopf hat der spanische Genius nicht zu fassen bekommen in seiner Münchner Ära. Von vier Halbzeiten gegen Atletico Madrid haben die Guardiola-Bayern drei kontrolliert und dominiert. Doch im Finale in Mailand steht der verrückte Diego Simeone. Der Vulkan aus Argentinien, ein Meister der Defensivkunst, ein Meister des brutal pragmatischen und emotionalen Ergebnisfußballs.

Leichter für Ancelotti?

Carlo Ancelotti wird sich über diesen Ausgang nicht gefreut haben, aber er wird auch keine Tränen geweint haben. Der Italiener, der ab dem 1. Juli beim FC Bayern der Chefstratege ist am Spielfeldrand, hat nun noch ein Ziel mit dieser Mannschaft. Hätte Guardiola in seiner letzten Saison in München den Henkeltopf gewonnen, womöglich das Triple geholt, Ancelotti wäre nicht zu beneiden gewesen um seine neue Aufgabe. Wie es sich anfühlt, mit viel Geld und einem Haufen Weltklassespielern einem Supererfolg hinterher rennen zu müssen, das dürfte er am Beispiel von Pep Guardiola nachempfunden haben. Der Spanier hat den Triple-König Jupp Heynckes beerbt. Das war eine Herkulesaufgabe.

Die der Mann aus Barcelona ausgefüllt hat mit einem im Land des Weltmeisters zuvor nie gesehenen XXL-Fußball. Taktisch und spielerisch: Höchstes Niveau. Aber den Henkeltopf, die größte Trophäe in Europa, haben andere gewonnen. Nicht der Fußballversteher und Fußballrevolutionär Pep Guardiola. Diese Sehnsucht zu stillen bei den Bayern, das obliegt nun dem Spielerversteher Carlo Ancelotti.

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Müller mit bescheidener Leistung

Was haben wir gelernt an diesem Dienstagabend? Thomas Müller stand im Gegensatz zum Hinspiel in der Startelf. Der Nationalstürmer hat die Elfmeterchance zum 2:0 verballert (das passiert), und er hat eine Riesentorchance nicht genutzt in der ersten Halbzeit, als er frei vor dem Atletico-Tor noch (unpräzise) abspielte auf Robert Lewandowski. Müller hat insgesamt nicht gut gespielt. Damit ist die Kritik, Guradiola habe sich im Hinspiel vercoacht, als Legende enttarnt. Wenn dem FC Bayern in diesen beiden Halbfinalspielen ein Mann gefehlt hat, dann war das Arjen Robben. Der nach wie vor verletzte Holländer ist der Stürmer, der mit seinen Dribblings und mit seiner Abschlussqualität auf engstem Raum und gegen eine Überzahl an Gegenspielern den Unterschied ausmacht. Und zwar in den entscheidenden Momenten.

Robben ist ein Mentalitätsmonster. Diego Costa und Kingsley Coman sind noch nicht so weit, der an diesem Abend wehrhafte Lewandowski erreicht mit seinem angeborenen Phlegma womöglich nie die Robben-Ebene, Franck Ribéry ist kein Torjäger. Und der psychisch robuste Thomas Müller wirkt in diesen Wochen überspielt. Das ist ein Erklärungsansatz dafür, dass die Bayern gegen Atletico nicht das dritte oder vierte Tor nachgelegt haben. Chancen dafür gab es genug während dieses druckvollen Offensivspektakels. Gegen die wahrscheinlich beste Defensive Europas mit einem der besten Torhüter auf diesem Erdball.

Finaleinzug Atleticos kein Zufall

Natürlich hat sich Atletico den Finaleinzug verdient. Eine Mannschaft, die drei Halbzeiten lang derart mental/emotional unbeeindruckt, überragend gut organisiert und kämpferisch den eigenen Kasten verteidigt - gegen eine kreative Passmaschine mit Weltklassestürmern an den Flügeln und im Zentrum -, die hat die Klasse, auch noch den letzten Schritt zu gehen. Was dann nach dem Meistertitel für Leicester City in England der zweite Beweis wäre für die Macht des Kollektivs. Der FC Barcelona und der FC Bayern haben die mit Abstand besseren Einzelspieler. Im Finale steht Atletico Madrid. Zum zweiten Mal nach 2014 (1:4 n. V. gegen Real Madrid). Das ist also längst kein Zufall mehr.

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Die Bayern werden sich grämen ob des Gegentors durch Antoine Griezman. Exakt fünf Ballkontakte hatte Atletico im gegnerischen Strafraum, inklusive des unberechtigten und von Fernando Torres verschossenen Foulelfmeters. Das nennt man Effektivität und Effizienz. Ob der Franzose eventuell ein paar Zentimeter im Abseits stand bei der Ballannahme, das ist unerheblich. In Echtzeit nicht wahrnehmbar für das menschliche Auge. Auch unterschiedliche Kameraperspektiven und die Zeitlupe lösten das nicht zweifelfrei auf. Griezmann brach durch – und dieses 1:1 mit der ersten Torchance für die Spanier stellte den Spielverlauf auf den Kopf. Da war der Herr über das Fußballschicksal übellaunig.

Die Bayern müssen nun bauen auf die Energie, die zuweilen auch von dramatischen Niederlagen, von großen Enttäuschungen ausgeht. Thomas Tuchel hat mit den Dortmundern das Liverpool-Drama grandios verarbeitet. FC Bayern gegen Borussia Dortmund, das wird nun noch mal ein überragend spannendes DFB-Pokal-Finale in Berlin. Der nächste Anlauf auf den Henkeltopf, das wird die Triebfeder sein für die Bayern unter Carlo Ancelotti. Der hat diesen riesigen Silberpokal schon dreimal gewonnen, mit zwei verschiedenen Mannschaften.