Rehberg: Es gibt nur ein wirkliches Endspiel

Scheiterte vom Punkt gegen den überragenden Mainzer Keeper Florian Müller: Filip Kostic. Foto: dpa

Nach der Hinrunde hatte der 1. FC Köln als Tabellenletzter neun Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz. Stefan Ruthenbeck sprach nach der Winterpause von kommenden 17...

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. Nach der Hinrunde hatte der 1. FC Köln als Tabellenletzter neun Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz. Stefan Ruthenbeck sprach nach der Winterpause von kommenden 17 Endspielen. Das hört sich gut an. Aber welche Mannschaft auf diesem Erdball verkraftet mental und emotional binnen vier Monaten 17 Endspiele? Das kann nicht funktionieren.

Vor der Heimpartie gegen den VfB Stuttgart ruderte der FC-Trainer zurück. Es sei als Erfolg zu werten, erklärte Ruthenbeck, „wenn wir ganz am Ende noch ein echtes Endspiel bekommen“. Geholfen hat die Relativierung nicht mehr. Die Geißböcke haben verloren. 2:3. Neun Spieltage vor Schluss hat die Mannschaft, die in der Rückrundentabelle mit elf Zählern immerhin auf dem neunten Platz steht, immer noch acht Zähler Rückstand auf den Relegationsrang. 27 Zähler liegen noch im Topf. Um die beiden Spiele gegen den Zweitligadritten zu erreichen, müssten die Kölner mit ihrer extrem schlechten Tordifferenz von minus 22 wahrscheinlich noch 18 bis 20 Punkte einsammeln. Das heißt: mindestens sechs Siege (plus ein oder zwei Remis) aus neun Spielen. Die Restrunde artet damit aus zu einem wöchentlichen Alles-oder-Nichts-Wettbewerb.

Bester Mann macht spielentscheidenden Fehler

Was diese Situation zuweilen aus Fußballprofis macht, das hat man ablesen können an Timo Horn. Der FC-Torhüter spielt eine exzellente Saison. Borussia Dortmund hat den 24-Jährigen auf dem Einkaufszettel. Gegen den VfB flatterten dem 1,92 Meter großen Hünen, der als ein ganz klarer Kopf gilt, die Nerven. Sein Team spielte in der ersten Halbzeit groß auf, ging in Führung, hätte locker auf 2:0 erhöhen können. Wie aus dem Nichts ereignete sich das 1:1. Und dann ließ Horn Sekunden vor dem Pausenpfiff ein schräges Notschüsslein von Mario Gomez passieren. 1:2. Die Kölner mühten sich nach Wiederanpfiff kämpferisch um den Ausgleich. Horn ließ zum 1:3 einen harmlosen Flachschuss von Andreas Beck ins lange Eck gleiten. Das passiert im Abstiegskampf: Der beste Mann, über Wochen und Monate verlässlich wie ein Stahlschloss, produziert die spielentscheidenden Fehler.

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Auch der Hamburger SV hatte sein Heimspiel gegen den FSV Mainz 05 zum Endspiel stilisiert. Der inflationäre Umgang mit finaler Bedeutung tut der Sportlerseele nicht gut. Das negative Denken, wonach im Falle einer Niederlage (vermeintlich) nichts mehr zu retten ist, lässt in den Köpfen der Spieler den Deckel auf dem brodelnden Kochtopf klappern. Der HSV schwang sich auf zu einer kämpferischen Leistung. Zwei Spieler aber waren dem Druck nicht gewachsen. Aaron Hunt. Den feinfühligen Spielmacher musste Trainer Bernd Hollerbach in der Halbzeitpause auswechseln. Hunt, 31 Jahre alt, knapp 300 Bundesligaeinsätze, zweimal DFB-Pokalsieger und dreimal deutscher Vize-Meister, Erfahrung in internationalen Wettbewerben, versagte die Technik. Dem Routinier sprangen einfachste Bälle vom Fuß, nahezu alle seine Pässe landeten beim Gegenspieler oder jenseits der Kreidelinie.

Es gibt nur ein Endspiel

Dann noch Filip Kostic. Der serbische Nationalstürmer scheiterte in Hamburg nach einer Stunde im entscheidenden Moment mit seinem Foulelfmeter am 20 Jahre alten Mainzer Bundesliga-Debütanten Florian Müller. In Überzahl und mit fünf Stürmern auf dem Feld erarbeitete sich der HSV danach keine ernsthafte Torchance mehr. Es blieb beim 0:0. Und bei sieben Zählern Rückstand auf den Relegationsrang.

Wenn nicht jetzt, wann dann…? Man sollte sich diese Zeile aufheben für den Augenblick, in dem tatsächlich alles zu gewinnen oder alles zu verlieren ist. Es gibt Schwellenspiele und Schlüsselspiele. Aber es gibt in einer Saison nur ein wirkliches Endspiel. Darauf kann man sich vorbereiten. Auf fünf, sechs oder sieben Endspiele nicht. Insbesondere dann nicht, wenn man zuvor schon zwei oder drei dieser bedeutungsschwangeren Partien verloren hat.