Rehberg: Ergebnisse der Testspiele werden häufig überbewertet

Wenig aussagekräftig: Das Testspiel des FC Bayern München gegen AC Mailand. Hier Münchens Rafinha (l.) im Zweikampf mit Mailands MBaye Niang. Foto: dpa

Zwischen all den Meldungen über Trainingslager und Testspiele fragt man sich, worauf in der Sommer-Vorbereitung der Fußball-Bundesligisten eigentlich der Fokus liegt. Während...

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. Das ist gerade die Zeit der Trainingslager. Da werden bei den Fußball-Bundesligisten in der Sommer-Vorbereitung die wichtigen Grundlagen gelegt. Übergeordnet geht es um zwei Schritte, die zu gehen sind: Der Trainer will Vertrauen gewinnen in seine Arbeit, in seine Vorstellungen von Fußball, in die Qualität seines in Teilen neu zusammengestellten Kaders – und die Spieler wollen Vertrauen gewinnen in die Arbeit des Trainers, in seine Vorstellungen von Fußball und in die Wirksamkeit der sich Zug um Zug entwickelnden Kaderqualität. Das ist ein Prozess, der bis zum ersten Pflichtspiel nicht abgeschlossen ist. Aber das gegenseitige Grundvertrauen legt die Gleise für die Möglichkeit, einen guten Saisonstart zu erwischen.

Die Testspiele? Die werden von der Öffentlichkeit meistens überbewertet. Wer vormittags eine harte Trainingseinheit absolviert, der ist gegen 17 oder 18 Uhr weder im Kopf noch mit seinem Körper bereit für Höchstleistungen. Der Trainer will dann in erster Linie sehen, dass sich die Profis quälen können. Der Trainer will sehen, dass von der bis dahin erarbeiteten Struktur einige Elemente erkennbar sind. Und der Trainer will sehen, dass sich die Spieler bemühen, richtige Entscheidungen zu fällen. In der Ausführung geht in diesem Ermüdungszustand dann oft viel schief. Aber das stört den Lehrmeister gar nicht. Es geht darum, dass er erkennt: Die Spieler wissen, wo sie hinwollen – mit der entsprechenden geistigen und körperlichen Frische kommen die Spieler dann später auch in den Details in die Nähe der Zielvorstellung.

Saison als permanenter Entwicklungsprozess

Es gab Zeiten, da wurde im Fußball nach der Idee gearbeitet: In der Sommer-Vorbereitung muss physisch die Grundlage gelegt werden für ein halbes Jahr. Das ist längst nicht mehr der Fall. Athletikeinheiten werden über die komplette Spielzeit eingebaut. Die Spieler werden in den ersten Wochen einer Saison physisch immer stärker. Entscheidender ist, dass zum Start der Strom reicht für 90 Minuten – und die Spritzigkeit muss da sein. Spielerisch und taktisch ist eine Saison ein permanenter Entwicklungsprozess. Die Floskel vom „letzten Feinschliff“ in der letzten Vorbereitungswoche kann man streichen. Das mit dem Feinschliff hört nie auf.

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Die Erfahrung lehrt, dass jene Mannschaften gut in eine Saison kommen, die früh ein klares Bild von ihrer Spielweise haben und auf abrufbare Muster in den Pass- und Laufwegen bauen können, die früh eine lebendige Gemeinschaft aufs Feld bekommen, die früh ihre Neuzugänge menschlich und sportlich gut integriert haben. Um das zu erreichen, dafür braucht es nicht unbedingt überragende Testspielleistungen und überragende Testspielergebnisse. Meistens ist es sogar wichtig, die Erfahrung zu machen: Wenn wir in diesem oder jenem grundlegenden Bereich nicht ans Maximum kommen, dann wird es schwer, Spiele zu gewinnen. Genau dann spürt man mit zunehmender Frische die Fortentwicklung, den Unterschied zu vorher. Und das sind dann wichtige Bestätigungserlebnisse. Und die steuern den Prozess hin zur Wettkampfform.

Das wichtigste ist es, Erfahrungen zu sammeln

Von daher muss man es überhaupt nicht überbewerten, wenn in dieser Belastungsphase viele Bundesligisten gegen unterklassige Gegner keine sonderlich guten Ergebnisse bringen. Das ist uninteressant. Trainer sehen auch in diesen Testspielen, ob ihre Mannschaften Lerninhalte aus dem Training umsetzen - und dann nur am letzten Pass oder an der Chancenverwertung scheitern. Seriensiege in der Vorbereitung sind oft kein guter Ratgeber. Denn wenn man genau hinschaut, dann fallen die meisten Tore insbesondere auch bei hohen Testsiegen häufig erst ab der 70. oder 80. Minute, genau dann, wenn der unterklassige Gegner physisch nicht mehr mithalten kann. Das passiert in Bundesligaspielen selten bis nie.

Natürlich kann es für klassische Torjäger wichtig sein, schon in der Vorbereitung Erfolgserlebnisse einzusammeln. Aber auch auf diesem Gebiet gibt es genügend Beispiele für antizyklische Entwicklungen. Da trifft ein Mittelstürmer in acht Vorbereitungsspielen überhaupt nicht, aber am ersten Spieltag ballert er sein Team zum Sieg. Haben wir alles schon erlebt.

Dass der FC Bayern also 0:4 gegen den AC Mailand verliert, dass Borussia Dortmund sich zu einem 2:2 gegen den VfL Bochum müht, dass Mainz 05 0:0 gegen die SpVgg Greuther Fürth spielt, dass die Frankfurter Eintracht bislang gar keine Testspielsiege einfährt und so weiter, das sind überhaupt keine Belege für einen besseren oder schlechteren Saisonauftakt. Achten wir mal drauf: Auch wer sich durch die Testspiele quält, der kann wichtige Erfahrungen sammeln – und zum Start eine sehr gute Frühform rausfeuern. Weil der physische, spielerisch-taktische und emotionale Aufbau in der Vorbereitung einem sinnvollen Plan gefolgt ist.