Rehberg: Entwicklung der 05-Profis steht für Trainerqualität

Torjubel im Bremen-Spiel: Shinji Okazaki, Yunus Malli, Christoph Moritz und Elkin Soto (v.l.n.r.). Foto: Sascha Kopp

Man sollte im Kader des FSV Mainz 05 nie einen Profi zu früh abschreiben, schon gar nicht Neuzugänge im ersten Jahr. Trainer- und Trainingsqualität lassen sich in hohem Maße...

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. Trainer- und Trainingsqualität lassen sich in hohem Maße auch festmachen an der Entwicklung einzelner Spieler. In den frühen Zweitligazeiten wimmelte es am Bruchweg von Profis, die im Verlauf von ein, zwei, drei Jahren nie signifikant besser geworden sind. Das ist heute anders. In der Ära Thomas Tuchel weisen Spieler des FSV Mainz 05 immer wieder zum Teil erstaunliche und auch nachhaltige Steigerungskurven aus. Nur ein paar Beispiele. Zdenek Pospech. Der kam im Alter von 32 Jahren, spielte anfangs relativ normal, wuchs dann immer besser hinein in seine Rolle. Im Sommer beendet der 35-Jährige seine Erstligakarriere auf dem Höhepunkt seines Leistungspotenzials. Jetzt verliert der Klub einen der besten Rechtsverteidiger der Liga: Clever und konsequent in der Defensivearbeit, stark in der Spieleröffnung, spielerisch stark in den Mittelfeldphasen, auch in engen Räumen, enorm sprintstark und beeindruckend in seiner Tempohärte auf den langen Wegen ins Angriffsdrittel - ein werthaltiger Chancen- und Torevorbereiter.

Noveski, Soto, Bell und Koo

Eine ähnliche Entwicklung im fortgeschrittenen Fußballeralter hat auch Nikolce Noveski abgeliefert, der inzwischen einer der stabilsten Innenverteidiger der Bundesliga ist. Das war ähnlich beim ebenfalls schon etwas älteren Elkin Soto, der mit seiner starken Leistung beim 3:0-Heimsieg gegen Werder Bremen sein Rückrundentief überwunden hat. Das war beim wesentlich jüngeren Stefan Bell zu beobachten, der kontinuierlich den Sprung vom klassischen Entwicklungs- zum gestandenen Bundesligaspieler geschafft hat in der Innenverteidigung. Beispiele, die belegen, dass man im 05-Kader niemals einen Spieler zu früh abschreiben sollte. Schon gar nicht Neuzugänge im ersten Jahr.

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Mit großer Ruhe und Gelassenheit referierte der Trainer am Dienstag am Bruchweg über Ja-Cheol Koo. Der fünf Millionen Euro teure Winterzugang, der bislang noch keinen rechten Zugang zu den taktischen Abläufen im 05-Team gefunden hat, bekommt alle Zeit der Welt. Der Koreaner setze sich enorm unter Druck, sagt Tuchel, sein Spiel sei noch sehr kopflastig. "Er will alles auf einmal und sofort, er will hinten doppeln, Bälle schleppen und vorne das Spiel entscheiden", erklärt der 05-Coach. "Aber das wird alles gut. Wichtig ist, dass wir ihn unser Vertrauen spüren lassen." Der Zehner deute seine hohe Qualität ja in jedem Training und auch in manchen Spielphasen an.

Moritz und Malli mit starken Leistungen

Aktuell schwingen sich Christoph Moritz und Yunus Malli zu Leistungen auf, die man ihnen fast nicht (oder nicht mehr) zugetraut hätte. Schauen wir auf Moritz. Anfänglich hatte man den Eindruck, der vom FC Schalke 04 gekommene Mittelfeldspieler könne von allem etwas, aber man vermisste die spezifische Ausprägung von besonderen Stärken. Das wirkte so, als habe der Klub da einen klassischen Mitläufer eingekauft. Einen selbstbewusst aufspielenden, Tempo bolzenden, in die Verantwortung tretenden, konstant Bälle fressenden Straßenkämpfer vermutete man in dem Allroundmann, den man auch kaum mal einer bestimmten Position fest zuordnen konnte, nicht. Extrem sympathisch, ja. Auch sozial integrativ. Auch ausgestattet mit einer hohen Klubidentifikation (Moritz sieht man ebenso bei Heimspielen der A-Junioren auf der Tribüne wie bei den Spielen der U23). Aber die Präsenz auf dem Feld, die ließ lange zu wünschen übrig.

Tuchel sah immer die beeindruckenden Trainingsleistungen des 25-Jährigen. Irgendwann sagte er dem Spieler: "Niemand in Mainz weiß, dass du so Fußball spielen kannst, zeig das doch mal den Leuten im Stadion." Moritz setzt den Vorschlag seines Lehrmeisters seit einigen Wochen um.

Ein Teamplayer als Leistungsträger auf der Sechs

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Da ist aus einem Einwechselspieler ein nahezu unverzichtbarer Stammspieler und Leistungsträger geworden. Ein extrem solidarischer Teamplayer, der gegen den Ball und im eigenen Ballbesitz die ganz weiten, die harten Wege geht. Und der flexibel einsetzbar ist und Wirkung erzielt auf sämtlichen Mittelfeldpositionen, und das systemunabhängig: Doppelsechser, Achter, Umschaltzehner, rechts oder links in der offensiven Dreierreihe.

Gegen Werder Bremen war Moritz als rechter Offensivmann mit 11,67 Kilometern der laufstärkste Mainzer Spieler, in der Zweikampfstatistik war er hinter Elkin Soto und Johannes Geis der drittstärkste Spieler, ebenso bei den intensiven Läufen (hauchdünn hinter Yunus Malli und Shinji Okazaki). Und Moritz unterliefen in seinen eng umkämpften Zonen auf dem Spielfeld lediglich sieben Fehlpässe. Dazu kamen sein "hervorragendes Spielverständnis mit Pospech" (Tuchel) sowie sein wichtiger Treffer zum 2:0.

Entwicklung scheint noch lange nicht abgeschlossen

In der Offensivqualität, erzählt Tuchel, habe auch die Trainercrew den Mittelfeldarbeiter lange unterschätzt. Irgendwann sei aufgefallen, dass Moritz in nahezu jeder Abschlussentwicklung seine Füße im Spiel habe. Jetzt hat der spielintelligente und technisch gut ausgebildete junge Mann, der ein Zweikämpfer geworden ist und der die bespielbaren Räume selbstständig sucht und findet, sein zweites Saisontor geschossen. Die Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen, diesen Eindruck darf man haben. Und das gilt auch für Yunus Malli, der gegen die Bremer als Zehner und in der Schlussphase als spielender Mittelstürmer eine starke Leistung bot.

Tuchel kann im "Europaliga-Endspurt" auf einige Profis bauen, die zum Ende dieser anstrengenden Saison in Form sind oder gerade erst so richtig in Form kommen. Die ebenso intensive wie komplexe und konsequente Trainingsarbeit zahlt sich aus. Ein gutes Zeichen vor der hohen Hürde am Ostersamstag in Dortmund.