Rehberg: England war gut, Deutschland ist besser - noch

Für Bundestrainer Jogi Löw war die 2:3-Niederlage gegen England ein gewinnbringender Test. Foto: dpa

2:3 gegen England. Liest man die Berichte über das Ereignis im Berliner Olympiastadion, dann drängt sich der Eindruck auf: Deutschland wird bei der Europameisterschaft in...

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. Im ersten Länderspiel im EM-Jahr 2016 hat sich die deutsche Nationalmannschaft eine 2:0-Führung entreißen lassen. 2:3 gegen England. Liest man die österlichen Berichte und Kommentare über das Ereignis im Berliner Olympiastadion, dann drängt sich der Eindruck auf: Der Weltmeister wird beim kontinentalen Wettbewerb in Frankreich keine Chance haben – und die junge Mannschaft aus England gehört ab sofort zum engsten Favoritenkreis. Diese Stimmung führt auf die falsche Fährte. Die Kräfteverhältnisse haben sich (noch) nicht verschoben. Die Engländer haben zweifellos eine interessante neue Mannschaft. In der viel Talent steckt. Aber noch sehr wenig Turniererfahrung. Das Team von Jogi Löw weiß, wie man ein großes Turnier spielt. Das wird sich zeigen ab der Vorbereitung auf die vier Wochen in Frankreich.

Auch bei der Niederlage in Berlin haben die Deutschen ihre ausgeprägtere Reife aufflimmern lassen. Die Engländer waren ein giftiger und mutiger Herausforderer. Aber die abgebrühte DFB-Elf führte nach einer Stunde dennoch mit 2:0. Danach ließen Konzentration und taktische Disziplin nach. Das Anschlusstor beflügelte den Gegner, der fortan hungriger war auf ein Topergebnis. Löws Auswahl wollte routiniert verwalten, einen Vorsprung mit weniger Aufwand nach Hause schaukeln. Während die englischen Spieler Lust bekamen, ab ihren Moment des Aufwinds und die große Bühne zu nutzen für einen Überraschungscoup. Diese Entwicklung war der Testspielatmosphäre geschuldet. Ein Turnierspiel hätte einen anderen Verlauf genommen.

Gewinnbringender Test

Für Jogi Löw war das ein gewinnbringender Test. Die Lehren aus diesen 90 Minuten lassen sich sehr gut dazu nutzen, die Sinne zu schärfen. Der Bundestrainer kann seine Spieler diese Niederlage fühlen lassen. Eine wichtige Erfahrung: Nachlässigkeit, Schlampigkeit, aufkommende Überheblichkeit, nachlassende Willenskraft und Ernsthaftigkeit werfen auch einen Weltmeister aus der Bahn. Weiter hat sich gezeigt, dass Löw bis zum Turnier noch einen rechten Verteidiger von internationalem Zuschnitt finden muss. Emre Can ist ein groß gewachsener Mittelfeldspieler mit technischen und strategischen Fähigkeiten. Auf der Außenbahn braucht es flinke, wendige Spieler mit kurzer Übersetzung, mit gutem Stellungsspiel, mit Zweikampfgeschick, mit Gefühl für permanente Tempowechsel in eng begrenzten Zonen. Can ist ein Mann für das Zentrum, für die großen Räume. Die Alternative? Spannend wäre ein Versuch mit dem vielseitigen Joshua Kimmich vom FC Bayern, dessen Profil eher dem des zurückgetretenen Philipp Lahm ähnelt als die Profile von Emre Can, Antonio Rüdiger oder Benedikt Höwedes.

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Der Verlust von Weltmeister Miroslav Klose, auch das ist eine wichtige Erkenntnis aus der England-Partie, wird sich kompensieren lassen mit Mario Gomez. Die 19 Tore, die der Mittelstürmer in der Türkei geschossen hat seit seinem Sommerwechsel vom AC Florenz zu Besiktas Instanbul, haben dem 30-Jährigen das Selbstverständis eines Torjägers zurückgegeben. Der sensible Stürmer, der in Italien oft verletzt war und schwerfällig wirkte, ist wieder zurück auf dem internationalen Standard. Der Hüne wirkte gegen die Engländer beweglich, leichtfüßig, spielfreudig, ballsicher. Und er war torgefährlich. Einen Treffer wie jenen zum 2:0, als Gomez eine simple Flanke von Sami Khedira aus dem Halbfeld mit dem Kopf wuchtig ins entfernte Eck bugsierte, wird sich mit einer „falschen Neun“ wie etwa Mario Götze nicht erzwingen lassen.

Gomez überzeugt als Klose-Nachfolger

Diese „einfachen“ Tore braucht es bei einem Turnier mit überwiegend knappen Ergebnissen. Mit Gomez hat das deutsche Spiel im Strafraum ein Ziel. Einen im Abschluss gierigen und starken Endabnehmer. Der die gegnerischen Innenverteidiger beschäftigt, der mit körperlicher Präsenz auch Lücken schafft für Thomas Müller oder Mesut Özil. Das wird nicht immer funktionieren. Aber die vier Tore von Klose auf dem Weg zum WM-Titel 2014 waren hilfreich. Diese Rolle kann ein gesunder und selbstbewusster Gomez einnehmen bei der EM 2016.

Die Engländer? Die sind auf einem guten Weg. Seit zwei Jahren ist das Team von Roy Hodgson ungeschlagen. Aber interessanten Außenverteidigern wie Nathaniel Clyne (FC Liverpool) und Danny Rose (Tottenham Hotspur), hoch talentierten Mittelfeldspielern wie Eric Dier und Dele Alli (beide Tottenham), wuchtigen und listigen Stürmern wie Harry Kane (Tottenham) und Jamie Vardy (Leicester City) fehlt die Turniererfahrung. Das wird man in Frankreich sehen. Angriffspressing, Laufbereitschaft, Aggressivität und Technik im Mittelfeld, eine Mischung aus schnellen und trickreichen Flügelangreifern und torgefährlichen Strafraumstürmern, das ist eine hervorragende Basis. Die Reife für einen Titel hat diese junge Mannschaft (noch) nicht.