Rehberg: Ein völlig anderes Spiel ab der 57. Minute

Pablo de Blasis im Torjubel. Foto: Harald Kaster

Heimpremiere für Mainz 05 in der Opel Arena - und dann gleich so ein Spektakel: Beim 4:1 schienen die Mainzer die Gäste der TSG Hoffenheim schon im Sack zu haben. Doch dann...

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. Das erste Heimspiel in dieser Saison: Ein Spektakel. 4:4. Und die 05er hatten die TSG Hoffenheim beim Stand von 4:1 schon komplett im Sack. Man muss diese aufregende, dramatische, denkwürdige Partie in zwei Analysepakete aufteilen: Das war ein Spiel bis zur 57. Minute – und ein Spiel nach der 58. Minute. In diesem Moment, der alles geändert hat, sah Gaetan Bussmann beim Stand von 4:1 die Rote Karte.

Beleuchten wir diese Entscheidung von Markus Schmidt aus Stuttgart. Der Mainzer Linksverteidiger foulte den ihn kreuzenden, auch ein wenig in ihn hinein laufenden Gegenspieler. Der Schiedsrichter entschied: Der letzte Mann in der Abwehrreihe hat gefoult und eine klare Torchance verhindert – also Platzverweis. Tatsächlich rannte Giulio Donato kaum zwei Meter vom Tatort entfernt Richtung Zweikampf, binnen Zehntelsekunden war der 05-Rechtsverteidiger auf Ballhöhe. Alle Fachleute, dazu gehörte auch Gästecoach Julian Nagelsmann, urteilten: Eine sehr harte Rote Karte, genau genommen zu hart - also am Rande einer Fehlentscheidung.

Konter der 05er in sperrangelweit offene Räume

Schauen wir nun auf die Phase BIS zu dieser 58. Minute. Die 05er mussten gar nicht viel tun. Nur sauber verteidigen gegen den ausgeprägten Ballbesitzanspruch der Hoffenheimer. Und nach Balleroberungen präzise umschalten. Und treffen. Das gelang perfekt. Nagelsmann hatte eine Abwehrreihe mit drei Innenverteidigern nominiert. Um im eigenen Ballbesitz im Mittelfeld personelle Überzahl herstellen zu können. Hatte die TSG die Kugel, dann sah das spielerisch gefällig aus. Ging ihnen die Kugel flöten, konterten die 05er in sperrangelweit offene Räume hinein. Nahezu jeder Ballgewinn führte zu einem chancenreichen Konterzug. Und die Mainzer profitierten natürlich auch von ihrer imponierenden Abschlusseffizienz. Pablo de Blasis erzielte zwei wunderschöne Tore und der wie aufgedreht wirbelnde Argentinier lieferte noch einen Assist. Levin Öztunali schoss ein nettes Tor und er liefert die Vorarbeit zu einem Treffer von de Blasis. Jhon Cordoba hielt die drei TSG-Stopper in Atem, bei seinem Treffer zum 3:0 patzte Gästekeeper Oliver Baumann.

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Einen ersten Einschnitt gilt es in der 36. Minute zu notieren. Nagelsmann korrigierte beim Stand von 0:3 seinen misslungenen Matchplan. Innenverteidiger Fabin Schär musste raus, Stürmer Mark Uth kam. Der TSG-Trainer stellte um auf Viererabwehrkette, statt im 3-5-2 agierte sein Team fortan im 4-3-3. Ein erster Hinweis, dass die Messe womöglich noch nicht gelesen ist: Sandro Wagners Anschlusstor. Das konterten die 05er mit dem 4:1. Und man hatte zu diesem Zeitpunkt das Gefühl: Diese leicht verrückte Partie könnte 6:3 enden.

Ein Stürmer und ein Zehner an den Flügeln

NACH der 58. Minute. In Unterzahl entschied sich Martin Schmidt für das 4-4-1-System. Logisch. Für die Defensive ist das prinzipiell keine große Schwächung. Denn es fehlt ja nur der zweite Offensivspieler, der vorne die gegnerische Spieleröffnung anläuft. Das ist kein Riesenproblem. Aber es wurde eines. Weil die Mainzer Mittelfeldreihe es nicht schaffte, im Zentrum die Abwehr zu schützen und an den Seiten die Durchbrüche zu verhindern. Warum? Die Viererreihe bestand aus: Levin Öztunali, Fabian Frei, Jean-Philipp Gbamin und Yunus Malli. Ein Stürmer und ein Zehner an den Flügeln, das war schwierig in der Abwehrarbeit. Und im Zentrum standen der nicht überragend zweikampfstarke Frei und der erst 20 Jahre alte Neu-Bundesligaspieler Gbamin, (dem darüber hinaus längst die Kräfte schwanden).

Schmidt wechselte nach dem Abgang von Bussmann zügig mit Daniel Brosinski einen Linksverteidiger ein. Brosinski und Malli bekamen ihre Seite nicht dicht, Donati und Öztunali auch nur bedingt. Und als dann Nagelsmann Adam Szalai einwechselte, als die 05-Stopper Stefan Bell und Leon Balogun mit Wagner und Szalai gleich zwei Funktürme zu verteidigen hatten im Abwehrzentrum, da wurde der gegnerische Druck immer größer. Zwei Mittelstürmer, zwei breit operierende Außenstürmer plus nach vorn marschierende Mittelfeldspieler und Außenverteidiger. Die Hoffenheimer spielten jetzt brutal offensiv. Die tief hinten drin hängenden 05er hatten keinen Ballbesitz mehr. Doppelschlag zum 2:4 und zum 3:4.

Offener Schlagabtausch

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Schmidt hatte nun zwei Möglichkeiten: Entweder das Zentrum verdichten und aggressiver besetzen mit der Einwechslung von Niko Bungert als drittem Innenverteidiger und der Einwechslung des kampfstarken Suat Serdar für Frei oder Gbamin – oder die defensiven Flügel stark machen. Der 05-Coach entschied sich für die Einwechslung von Karim Onisiwo (links) und Christian Clemens (rechts). Das Team erholte sich ein wenig. Entlastungskonter liefen. Man durfte das jetzt fast einen offenen Schlagabtausch nennen. Doch sechs Minuten vor Schluss stocherte der Ex-05er Szalai die Kugel zum 4:4 über die Linie.

Man kann ein 4:1 auch in Unterzahl ins Ziel bringen. An diesem Tag klappte das nicht. Wenigstens sicherten die 05er den Punkt. Ein 4:5 – auch das lag in der Luft - wäre als Riesenenttäuschung hängen geblieben. Und das vor dem Europaliga-Auftakt am kommenden Donnerstag in der Opel Arena gegen den AS St. Etienne. Da lautet die Aufgabe: Besser verteidigen - vor dem eigenen Strafraum und im eigenen Strafraum.