Rehberg: Ein Schreck für Jogis Jungs - Angezählt ins...

Der Torschütze zum ersten Treffer gegen Algerien: Edeljoker André Schürrle. Foto: dpa

WM, Achtelfinale. Ein denkwürdiges Sportepos nach dem anderen gibt es in der Runde der letzten 16 Mannschaften. Außenseiter wachsen über sich hinaus, Favoriten stolpern,...

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. Von Reinhard Rehberg

Die Achtelfinalspiele bei dieser WM liefern ein denkwürdiges Sportepos nach dem anderen. Die Favoriten werden gequält bis zum Anschlag. Der Ausgang ist allerdings, so mutet es an, vorbestimmt: Die über sich hinaus wachsenden Außenseiter, die über 90 oder 120 Minuten aufopferungsvoll am höchsten Limit ihrer Möglichkeiten surfen, verlieren. Die deutsche Nationalmannschaft hat gegen Algerien einen riesigen Schreck eingejagt bekommen, der Gegner hat die Elf von Jogi Löw gnadenlos gejagt, gestellt, mit mächtigen Hieben durchgerüttelt und angezählt. Der turmhohe Favorit war herausgefordert, seine Grenzen zu erweitern. Das haben die Deutschen geschafft bei diesem 2:1 nach Verlängerung in Porto Alegre. Eine große Willensleistung. Bei der auch der Bundestrainer gezwungen wurde, über seinen Schatten zu springen.

D für Durcheinander

Brutal haben die Algerier immer wieder die Schnelligkeitsdefizite der DFB-Elf aufgezeigt. In der großen Not hatte Löw einen Retter auf dem Platz: Torwart Manuel Neuer, der seine zwischenzeitlich zitternden Kollegen mit einer von einem halben Dutzend spektakulärer Feldspieleraktionen geprägten Weltklasseleistung vor einem mehrfach möglichen Rückstand bewahrte. Neuer strotzte vor Überlebenswillen und Überzeugung, das gab der in der ersten Halbzeit mental angeschlagenen Mannschaft, als das D nur für Durcheinander stand, den an diesem Abend nötigen Halt.

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Urs Siegenthaler hatte dieser Tage eingestanden, dass er sich in seinen Plananalysen vor diesem Turnier in dem ein oder anderen Punkt geirrt habe. Löws taktischer Berater hatte ob der klimatischen Verhältnisse mit einer tempoarmen, weniger physisch geprägten WM gerechnet. Demnach hat das DFB-Trainerteam einen auf ruhigen Ballbesitz ausgerichteten Kader zusammengestellt und entsprechende Matchpläne entworfen. Und dann ist diese WM bislang zu einer Tempojagd ausgeartet. Mit offensiven Umschaltüberfällen, denen die gemächlich aufbauenden und selten bis nie pressenden, dadurch extrem konteranfälligen Deutschen im Achtelfinale beinahe zum Opfer gefallen wären.

Tempoloses Ballgeschiebe führt nur mit Glück weiter

Jetzt dürfte einer der großen Titelfavoriten endgültig wach geworden sein. Ein das Prinzip Pressing vernachlässigender Defensivblock, ein tempoloses Ballgeschiebe aus der letzten Reihe heraus unter Verzicht auf spielstarke Außenverteidiger und sprintstarke Flügelangreifer, diese Strategie kann in Brasilien nur mit unendlich viel Glück ins Finale führen. Diese Erkenntnis hat die Algerien-Partie geliefert.

Was hat den Umschwung gebracht? Die Einwechslung von André Schürrle war der erste Baustein. Mario Götze ist nach wie vor ein Talent, dem immer noch der nötige Durchsetzungswille abgeht. Götze kann schnell denken, schnell rennen und schnell passen, aber er vertraut mehr seinen Standdribblings. Der ehemalige Mainzer Schürrle, der begnadete Tempodribbler, brachte Geschwindigkeit ein, Aggressivität gegen den Ball und mit Ball, Zielstrebigkeit, Mut, Abschlussgier, Torgefahr. Diese Aktionen rissen das Team mit. Und als 20 Minuten vor dem Ende der verletzte Rechtsverteidiger Shkodran Mustafi, der sich tapfer, aber mit beschränkten Möglichkeiten in die Startelf eingebracht hatte, vom Feld musste, da stellte Löw auch strukturell um. Mit Philipp Lahm als konstruktivem Antreiber an der Seitenplanke und mit dem eingewechselten Sami Khedira im Mittelfeldzentrum erzwang die deutsche Elf gegen physisch nachlassende Algerier endlich die der individuellen Klasse entsprechende Dominanz.

Müller braucht Betrieb im Sturm

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Mit mehr Bereitschaft zur Balleroberung, mit mehr Passgeschwindigkeit, mit einem verbesserten Freilaufverhalten, mit breiteren Anspielmöglichkeiten, mit mehr Bewegung und mehr Sprints im Angriffsdrittel hätten die Deutschen die Partie auch schon in der Schlussphase der normalen 90 Minuten entscheiden können. Da zeigte sich, dass auch Mittelstürmer Thomas Müller gegen tief und massiert verteidigende Gegner nur dann Räume findet und Torgefahr entwickeln kann, wenn in den vorderen Regionen Betrieb gemacht wird, wenn Mesut Özil die Positionen wechselt und sich zeigt, wenn Schürrle Lücken reißt, wenn Bastian Schweinsteiger oder Khedira nachstoßen, wenn der Außenverteidiger Lahm weit nach vorn verschoben Bälle erobert und aus dem Halbfeld kluge Pässe legt. Und wenn die gesamte Mannschaft nachschiebt, Räume besetzt, Abstände eng hält, Druck auf die Kugel ausübt. Dann kommt Dynamik ins Spiel. Das war der Schlüssel, auch in der Verlängerung. Der wieder einmal eher gemächlich verteidigende und aufbauende Toni Kroos hat das noch nicht komplett verinnerlicht.

Mag sein, dass diese Achtelfinalschlacht ein paar Knöpfe geöffnet hat im DFB-Team, und, selbst wenn das populistisch und besserwisserisch klingen mag, auch beim Bundestrainer. Die Abwehrreihe mit zwei Innenverteidigern an den Seiten sollte ausgedient haben, zumindest an einer Seite braucht es spielerische Qualität und Geschwindigkeit.