Rehberg: Ein gutes Los für Mainz 05

In Mainz erhält 05 viel Aufmerksamkeit, aber wen interessiert die Erfolgsserie der Rückrunde sonst noch? Foto: Sascha Kopp

Am Donnerstagabend geht es los. In der Opel Arena. Das erste Gruppenspiel. Zu Gast: AS Saint-Étienne. AZ-Kolumnist Reinhard Rehberg erklärt, wie die 05er gegen den...

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. 2015 hat die Uefa für die Europaliga eine neue Hymne komponieren lassen. In die Tasten gehauen hat der Frankfurter Filmmusikproduzent Michael Kadelbach (36). Der glühende Eintracht-Fan findet es schade, dass seine in einem Berliner Studio aufgenommene Auftragsmelodie (noch) nicht in der Commerzbank Arena aufgelegt wird. Was die Frankfurter noch mehr schmerzt: Die feierliche, mit vielen Streichinstrumenten unterlegte EL-Hymne erklingt in dieser Saison in Mainz. Am Donnerstagabend geht es los. In der Opel Arena. Das erste Gruppenspiel. Zu Gast: AS Saint-Étienne.

Am 14. Mai haben 33.000 Menschen an dieser Stätte voller Freude „Europapokal, Europapokal“ gesungen. Da wurde gelacht und getanzt. Und die Arme flogen in die Höhe. Am letzten Bundesliga-Spieltag hatten die 05er mit einem 0:0 gegen Hertha BSC den direkten Konkurrenten auf Distanz gehalten. Ein Riesenerfolg. Riesenstimmung. Und nun steigt am Donnerstagabend die erste große Europapokal-Party – aber nur 15.000 Menschen haben dafür Karten gekauft. Der Stolz auf die erste Qualifikation für die Gruppenphase ist bei den Anhängern offenbar ausgeprägter als die Lust darauf, die internationalen Feste auch zu feiern. Man freut sich ausgelassen über den Gutschein für den Gourmet-Tempel, lässt ihn ein paar Monate später aber verfallen.

Ein gutes Los - wirtschaftlich und sportlich

Vor gut zwei Jahren empfingen die 05er an dieser Stätte Asteras Tripolis. Damals wurde noch die von einem Franzosen komponierte alte EL-Hymne gespielt. Shinji Okazaki erzielte das 1:0-Siegtor (45.) In Griechenland setzte es ein 1:3. Das Aus in der dritten Qualifikationsrunde. Der überragende Mann im Tripolis-Team war Pablo de Blasis. Der kleine Argentinier steht jetzt am Bruchweg unter Vertrag. Der Mann ist on fire.

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Der deutsche Bundesligasechste aus der Vorsaison trifft auf den letztjährigen Sechsten der französischen Ligue 1. Ein gutes Los für die 05er. Augenhöhe. Wirtschaftlich und sportlich. Emotional dürften „die Grünen“ aus St. Étienne nach ihrem Überraschungserfolg am vergangenen Freitagabend bei Paris St. Germain (1:1) leicht im Vorteil sein. Die Mainzer hatten schon ein wenig zu knabbern an dem 4:4-Spektakel zu Hause gegen die TSG Hoffenheim. Einen 4:1-Vorsprung lässt man nicht alle Tage liegen. Aber Martin Schmidt kann auf die starken 57 Minuten bauen, in denen alles auf einen klaren Heimsieg hindeutete. Bis der unberechtigte Platzverweis für Gaetan Bussmann eine Eigendynamik auslöste, die das Spiel komplett kippen ließ.

Anderer Wettbewerb, neuer Gegner, neue Aufgabe. Wieder ein Startspiel. Wie der Gegner diesen Europapokalabend annimmt, darüber lässt sich nur spekulieren. Was die 05-Profis können und was sie nicht so gut können, das wissen wir. Mit allen Feldspielern auf dem Platz kann die Schmidt-Elf sehr viel laufen, eng verteidigen, schnell in die Offensive umschalten und auch Tore schießen. Das ist eine vernünftige Basis. Was beim „Hoffenheim-Drama“ in Unterzahl auch deutlich erkennbar war: Auf alternative Abläufe umschalten konnte die Mannschaft nicht.

Unterzahl gilt es zu vermeiden

Die vordere Viererreihe schaffte es in der gewaltigen Druckphase des Gegners nicht, schon im Mittelfeld Barrieren aufzubauen - und wenigstens ab und zu die Kugel in den eigenen Reihen zu halten. Die 05er verteidigten zu tief und nicht aggressiv genug in den torgefährlichen Zonen. Und dem eigenen Ballbesitz mangelte es in dieser Phase an Mustern im Kurzpassspiel und im Freilaufverhalten auf engen Räumen. Schmidts Abwehrprinzip, dem Gegner in der Tiefenstaffelung eher mit vielen Beinen die Passwege zuzustellen, denn in Zweikämpfen die Kugel aggressiv zu jagen - diese Raumdeckungsvariante praktiziert zum Beispiel auch mit großer Überzeugung der Schweizer Landsmann Lucien Favre -, funktionierte mit zehn Feldspielern gut. Mit neun überhaupt nicht mehr. Womit eine Aufgabe im ersten Europaligaspiel schon definiert wäre: Unterzahlsituationen gilt es zu vermeiden.

Der Spielstil der Franzosen sollte zum Mainzer Ansatz passen. Die Mannschaft von Christophe Galtier pflegt - nicht nur, aber auch - das Kombinationsspiel. Ohne die ganz große individuelle Qualität im Angriffsdrittel. Was es den 05ern ermöglichen sollte, aus ihrer Blockstellung heraus Balleroberungen zu erzwingen. Was dann im Umkehrspiel mit den Mainzer Tempobolzern möglich ist, das hat man in einigen Momenten in Dortmund gesehen - und wesentlich dichter, zielstrebiger, effizienter gegen die Hoffenheimer.

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de Blasis hing am Starkstromkabel

Da die 05er am folgenden Sonntag in Augsburg anzutreten haben, wird Schmidt auf den laufintensiven Positionen wahrscheinlich rotieren. Das gilt womöglich nicht für Pablo de Blasis, denn der verließ am vergangenen Sonntag, belastet mit einer unnötigen Gelben Karte, schon nach einer Stunde den Rasen. Der Argentinier hing im ersten Heimspiel dieser Saison am Starkstromkabel. Für Levin Öztunali, der ebenfalls ein Riesenpensum abspulte, könnte Christian Clemens zum Einsatz kommen. Im Sturmzentrum ist Jhon Cordoba prinzipiell unverzichtbar. Setzt Schmidt auf Schonung, dann steht Yoshinori Muto bereit.

Die Sechserpositionen? Der junge Jean-Philipp Gbamin war platt nach 70 Minuten. Fabian Frei arbeitete in der ersten Halbzeit intensiv, in der Unterzahlphase wurde es für den international erfahrenen Strategen mühsam. Die Europapokal-Option: José Rodriguez und Suat Serdar. Dann könnte Schmidt – nach dem ersten Auftritt einer Mainzer Mannschaft in der EL-Gruppenphase – zweieinhalb Tage später in Augsburg wieder mit frischen Kräften antreten. Die Bundesliga ist das Kerngeschäft. Vielleicht spüren das auch die Leute in dieser Stadt.