Rehberg: Durch den Videobeweis sterben die Diskussionen im...

Das Videoassistcenter in Köln. Foto: dpa

Der Star am erste Bundesliga-Wochenende war für unseren Kolumnisten Reinhard Rehberg der Videobeweis. Denn schon am ersten Spieltag habe sich gezeigt, dass die Diskussionen...

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. Wer war für Sie der Star am ersten Bundesliga-Wochenende 2017/18? Für mich war das der Videobeweis, Vorname unbekannt. Monatelang haben sich Modernisierer und Traditionalisten eine wilde Debatte geliefert. Die einen sagen, die Überprüfung von Schiedsrichter-Entscheidungen macht den Fußball gerechter. Die anderen sagen, diese neue Technik beraubt uns der hoch emotionalen montäglichen Expertenstreiterei am Arbeitsplatz. Wir dürfen konstatieren: 1. Wenn die Technik funktioniert - was in einigen Stadien zum Start nicht der Fall war (ein peinlicher Auftritt des Dienstleisters Hawk-Eye) -, dann kann der Fußball gerechter werden. 2. Die schönen Diskussionen über die schusseligen Schiris werden nicht aussterben – ganz im Gegenteil!

Nun haben wir also den Telefonjoker. Wer hat´s erfunden? Der DFB? Nein, das war Günther Jauch für seine Spielshow „Wer wird Millionär?“ Da darf ein Kandidat, der auf dem Weg zur Mio. eine Frage nicht beantworten kann, zum Beispiel den Onkel anrufen. Und dann stellt sich schon mal raus, dass der vermeintlich allwissende Altphilologe, Jurist, Hobby-Historiker und Kreuzworträtselpapst ausgerechnet in Erdkunde nicht so richtig aufgepasst hat in der Schule. Da fragt der Kandidat dann: Bist du dir wirklich sicher…? Antwort: „Ja, nein, eigentlich schon, aber…“

Ähnlich verhält es sich im Fußball mit dem Videobeweis. Am Freitagabend haben noch sämtliche Medienvertreter gejubelt: Toll, dass es die neue Technik gibt, dass die Bayern vor dem 3:0 gegen Bayer Leverkusen einen Strafstoß gefunkt bekommen haben aus der Zentrale in Köln; das war mal voll gerecht. Und dann saß am Sonntagvormittag Alt-Referee Bernd Heynemann im Schoppen-Stammtisch bei Sport 1 und erklärte missmutig: Erstens sei das gar keine Aktion gewesen, bei der die Video-Assistenten hätten eingreifen sollen/dürfen - und zweitens sei die Hand-auf-der-Schulter-Aktion von Charles Aranguiz gegen Robert Lewandoswki nur ein „52-Prozent-Elfmeter“ gewesen. Motto: Kann man geben, muss man nicht. Begründung: Es könne ja niemand beurteilen, wie welche Wirkung der Kontakt auf Lewandowskis Schulter wirklich erzeugt habe; da liefere ja nicht eine einzige Kameraeinstellung sachdienliche Hinweise…

Was für ein prächtiger Stoff für hitzige Streitereien an den deutschen Werkbänken und Bürotischen. Da gibt es also künftig sogar zwei Diskussionsebenen: Darf sich der Telefonjoker in dieser Situation überhaupt einmischen – und: Trifft der Video-Assi tatsächlich die richtige Entscheidung? Da werden manche sagen, „die da oben“ haben auch Tomaten auf den Augen, andere werden sagen, das sind Auslegungs-Akrobaten… Kennen wir. Das gab´s schon immer.

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Und wie verhielt es sich beim 1:0-Strafstoß auf Schalke, den der Leipziger Dayot Upamecano gegen Mittelstürmer Franco di Santo verursachte mit einem nicht ganz so dramatischen Rempler? Kein Fall für den Video-Assi, so Heynemann. Das lassen wir mal so stehen. Über diese Entscheidung hätte eine Telefonjoker-Runde wahrscheinlich eine halbe Stunde lang diskutieren können - ohne einstimmiges Ergebnis. Das galt auch für das nicht geahndete Strafraum-Handspiel des Schalkers Thilo Kehrer. Über diese Szene soll sich der Schiri klammheimlich per Funk informiert haben. Während der Ball weiter im Spiel blieb. Schwierig. Da monierte RB-Trainer Ralph Hasenhüttl später mangelnde Transparenz.

Die Regelinterpretation bleibt das heikle Thema. Seid ihr euch sicher da oben? „Ja, nein, eigentlich schon, aber…“ Das macht keinen Sinn. Videobeweis? Fragen Sie mal einen Richter, was eine glasklare Beweisführung ist. Man hätte die neue Technik eher „Video-Überprüfung“ nennen sollen.

Lediglich beim Verdacht, es könnte eine krasse Fehlentscheidung vorliegen, soll sich der Telefonjoker einschalten. Als der Leverkusener Karim Bellarabi unbarmherzig mit den Stollen das Schienbein von Joshua Kimmich attackierte, da zückte der Schiri in München nicht mal Gelb. Eine eindeutige Fehlentscheidung. Die Video-Assistenten gaben keinen Mucks von sich. Ein Doppelfehler. Da hätte die Korrektur kommen m ü s s e n: Rot, Platzverweis. Mehr Klarheit durch den „Videobeweis“? Im Moment noch: mehr Durcheinander, auch in der Kommunikation.