Rehberg: Die Trainerdiskussion bei Mainz 05 hat sich erledigt...

05-Trainer Martin Schmidt. Foto: Sascha Kopp

Mainz 05 hat gegen RB Leipzig 2:3 verloren. Und trotzdem irgendwie gewonnen. Die 05er haben gekämpft, Leidenschaft gezeigt und bewiesen: Trainer Martin Schmidt erreicht die...

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. Was hat nicht gestimmt an diesem turbulenten Abend in der Opel Arena? Das Ergebnis. 2:3 gegen RB Leipzig. Die 05er haben sich aufgelehnt gegen den Tabellenzweiten, sie sind gerannt, sie haben gekämpft, sie haben gerauft bis an die Grenzen des Regelwerks und darüber hinaus, sie haben phasenweise gut Fußball gespielt, sie haben mit starkem Willen Nackenschläge weggesteckt, sie haben mit bedingungsloser Bereitschaft die Anhänger auf ihre Seite gezogen. Die Trainerdiskussion hat sich erledigt für diese Woche. Martin Schmidt wird seine Mannschaft am Samstag in die Partie beim SC Freiburg führen. Weil die Leipzig-Partie gezeigt hat, dass der Schweizer die Spieler zu strukturierten und leidenschaftlichen Auftritten bewegen kann.

Der Klub braucht Emotionen

Die Mannschaft lebt. Die Mannschaft wehrt sich. Die Mannschaft kann unter zunehmendem Druck Leistung produzieren. Das wollte der nachdenkliche 05-Sportdirektor an diesem Mittwochabend sehen - und das hat Rouven Schröder geliefert bekommen. Warum unter der Trainerfrage weiterhin ein Feuer lodert, das hat damit zu tun, dass die Mainzer jetzt nur noch vier Punkte entfernt sind vom ersten direkten Abstiegsplatz. Das heißt: Der Klub braucht Emotionen, Widerstandsgeist und Leistung – und noch dringlicher Ergebnisse.

Die wilden Fans auf der Stehtribüne haben sich nach dem Abpfiff von ihrer besten Seite gezeigt. Die Profis wurden mit Sprechgesängen verabschiedet. „Auswärtssieg“, hallte es durch die Arena. „Kämpfen und siegen!“ Keine Pfiffe, keine Unmutsbekundungen, keine Trainer-raus-Rufe. Eine positive, eine die Spieler tragende und aufbauende Atmosphäre. In der Schröder und Schmidt noch auf dem Feld die Köpfe zusammensteckten. Danach marschierte der Sportvorstand zu Kapitän Niko Bungert, der gar nicht zum Einsatz gekommen war. Signale für den Zusammenhalt. Das ist in der Bundesliga nicht selbstverständlich in dieser Lage wenige Meter vom Abgrund entfernt. Es regnet Backsteine vom Himmel. Und in dieser Stadt wächst wieder etwas zusammen. Ein gutes Zeichen. In Zeiten, in denen der Klub auf vielen Ebenen Stress hat.

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Schlimme vier Minuten

Zu dieser Stehaufmännchen-Story gehören natürlich auch die Abwehrfehler, die gegen die überhaupt nicht übermächtigen Leipziger in die Niederlage geführt haben. Mit zwei groben Aussetzern im eigenen Strafraum machten sich die 05er unmittelbar nach der Pause binnen vier Minuten ihre starke erste Halbzeit kaputt. Da hatte RB auf das gefürchtete Pressing und Gegenpressing verzichtet, das machte den Champions-League-Anwärter zu einer relativ normalen Größe. Die Schmidt-Elf kam ins Spiel, die vielen Balleroberungen im Mittelfeld ergaben Dominanz. Kämpferisch und spielerisch. Bojan Krkic und Levin Öztunali schoben nach zwei schnellen und präzisen Spielzügen die Kugel frei vor dem Torhüter knapp am Kasten vorbei. Den Gästen blieben nur Weitschüsse und ein gefährlicher Konter über Yussuf Poulsen.

Und dann kamen nach Wiederanpfiff dieses desaströsen vier Minuten. Die 05er begannen passiv, sie ließen sich bespielen. Die Leipziger pressten jetzt, sie setzten sich am Mainzer Strafraum fest. Die 05er stellten die Passwege zu, aber sie stachen nicht mehr. Das 0:1. Eine simple hohe Flanke, zu hoch und zu lang, das dachten sich die Mainzer Abwehrspieler – und alle schalteten ab. Dann erreichte Emil Forsberg jenseits des langen Pfostens den Ball doch noch, ein gefühlvoller Heber nach innen. Und der eher klein gewachsene Marcel Sabitzer durfte ungedeckt am Fünfmeterraum einköpfen. Daniel Brosinski hätte im Rücken von Innenverteidiger Alexander Hack, der sich mittig Poulsen zuordnete, einrücken müssen. Der Linksverteidiger erkannte die Gefahr viel zu spät.

Dann das 0:2. Wieder mal ein Ecken-Gegentor. Die Serie wird immer länger. Tobias Werner foppte in der Nähe des kurzen Pfostens den in diesem Moment nachlässigen Jean-Philippe Gbamin mit einer simplen Körpertäuschung. Der kleine RB-Stürmer wuchtete danach den Ball dessen Flugkurve vom Tor wegdrehte, unbehindert mit der Stirn ins Winkelkreuz.

Immer wieder "Kinderfehler"

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Und weil wir schon bei diesen – sich seit Wochen wiederholenden – „Kinderfehlern sind: Die Entstehung des Treffers zum 1:3 spiegelte nahezu deckungsgleich das Gegentor beim 0:1 im vergangenen Heimspiel gegen Schalke 04. Diesmal ließ der überragende Naby Keita mit der Murmel am Fuß über 40 Meter sieben, acht passive 05er stehen, ein einfacher Doppelpass am Strafraum – und rein damit. Das geschah in einer Phase, als die 05er gerade aufopferungsvoll und mit Wucht und Willen an ihrem Comeback arbeiteten.

Jairo hatte einen Foulelfmeter sicher verwandelt zum Anschlusstor. Yoshinori Muto hatte nach einer Flanke von Öztunali einen technisch perfekt angesetzten Kopfball an den Pfosten genagelt. Die 05er warfen sich in die Zweikämpfe und zogen Tempo auf. Die Partie hätte kippen können. Mitten hinein in diese Drangphase durfte der leichtfüßige Supertechniker Keita seinen Sololauf starten. Die 05er stemmen den Stein mit großen Anstrengungen den Berg hoch, diese läppischen Gegentore lassen den Stein wieder runterrollen. Philosophen entdecken darin eine Sinnhaftigkeit. Sportler nicht.

Anschlusstor kam zu spät

Die Moral war damit immer noch nicht gebrochen. Einige Spieler wählten jetzt aber die falschen Mittel. Die Rote Karte für Gbamins Blutgrätsche von hinten und mit gestrecktem Bein war nicht anzuzweifeln. Der emotional völlig überdrehte Giulio Donati entging einem Platzverweis nur mit Glück. Mutos Anschlusstor kam zu spät.

Was bleibt von diesem Abend? Ein großer Fight der 05er, eine bemerkenswerte Steigerung taktisch und spielerisch – aber auch die vierte Niederlage hintereinander sowie der Verlust des wertvollen Gbamin. Individuell? Der schnelle und (bis auf wenige Ausnahmen) passsichere Hack ist wieder eine Option im Abwehrzentrum, der oft so zaghafte Fabian Frei hatte auf der Sechserposition einige aktive Balleroberungen, der Edeltechniker Bojan Krkic wird in kleinen Schritten besser im Zehnerraum, Muto strahlte nach seiner Einwechslung Torgefahr aus. Robin Quaison erwies sich am linken Flügel als robuster Malocher, aber mehr als die feine Vorlage zu Bojans Riesenchance vor der Pause wollte dem schwedischen Kraftpaket in seinen offensiven Bemühungen nicht gelingen. Das gilt auch für Jairo. Den Spanier mag das Elfmetertor aufbauen.

Klar ist: Nach dem Freiburg-Spiel muss die Trainerdebatte beendet sein. Mit Martin Schmidt ins Ziel, auch dieses Signal kann eine starke Wirkung haben. Dafür braucht es weitere Belege. Und Punkte.