Rehberg: Die nächste deutsche Topmannschaft?

Deutschlands Mahmoud Dahoud, Maximilian Eggestein, Luca Waldschmidt und Lukas Nmecha (v. li.) jubeln nach dem Spiel gegen Rumänien.   Foto: dpa

Die deutsche U21-Nationalmannschaft hat nun zum zweiten Mal in Folge das Finale der EM-Endrunde erreicht. Unser Kolumnist Reinhard Rehberg wirft einen Blick auf Trainer und...

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. 2017 hat Stefan Kuntz mit seiner Mannschaft den Titel geholt. U21-Europameister. 1:0 im Finale in Krakau gegen Spanien. Nun steht der deutsche U21-Nationaltrainer beim Turnier 2019 in Italien erneut im Endspiel. Wieder geht es gegen den „Ausbildungs-Weltmeister“ Spanien.

Ob die deutsche Fußball-Ausbildung noch Weltspitze ist, darüber wurde in den vergangenen Monaten sehr viel diskutiert. Meikel Schönweitz, seit dem 1. Januar 2019 beim DFB der Chefplaner für alle U-Nationalmannschaften, sieht das sehr differenziert. Der aus Groß-Gerau stammende ehemalige Mainzer Nachwuchscoach ist der Meinung, dass die deutsche Ausbildung in den Ligen und im Verband nach wie vor gut ist, allerdings mit Lücken und Defiziten, unterm Strich in wichtigen Details nicht mehr innovativ genug. Ganz am Ende des Weges geht es darum, ob in diesem Land für möglichst alle Positionen der A-Nationalmannschaft Spieler von internationalem Format entwickelt werden. Nachhaltig. Das funktioniert nur bedingt.

Von daher ist es wichtig, große Erfolge von U-Teams des DFB richtig einzuordnen. Beim Turnier in Italien lässt sich gerade beobachten, dass Kuntz es schafft, einen enormen Mannschaftsgeist zu erzeugen. Das trägt die Mission Titelverteidigung. Diese Elf ist lauffreudig, kampfstark, in bestimmten Phasen auch spielfreudig, spielstark und dominant. Und auffällig ist der Behauptungswillen, den diese Generation ausstrahlt. Kuntz ist in dieser Entwicklung nicht der besondere Trainerstratege. Der 56-Jährige ist der Projektleiter, der seine Stärken in der Mentalitätsschulung, in der Nähe zu seinen Spielern hat - und der sich fußballfachlich auf seine Co-Trainer Antonio di Salvo und Daniel Niedzkowski verlassen kann.

Blick in die Zukunft

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Diese Mannschaft macht Spaß. Gemessen wird die Arbeit in zwei, drei, vier Jahren aber daran, ob aus den Kadern von 2017 und 2019 A-Nationalspieler erwachsen. Das Ideal war die DFB-Mannschaft, die vor zehn Jahren U21-Europameister wurde. Manuel Neuer, Mats Hummels, Jerome Boateng, Benedikt Höwedes, Sami Khedira und Mesut Özil bildeten später den Stamm jenes A-Teams, das 2014 in Brasilien glorreich Weltmeister wurde.

Diese individuelle Klasse lässt sich aktuell nicht ausmachen in der U21. Wobei man anmerken muss, dass einige Spieler aus diesen Jahrgängen schon längst bei Joachim Löw angekommen sind und Kuntz gar nicht mehr zur Verfügung stehen. Nennen wir nur Thilo Kehrer und Serge Gnabry aus dem U21-Kader von 2017, nennen wir die noch sehr jungen Sondertalente Leroy Sané und Kai Havertz.

Wen darf man aus der aktuellen Mannschaft hervorheben? Jonathan Tah ist ein führungsstarker Innenverteidiger, der sich auch im Löw-Kader schon bewährt hat. Mo Dahoud, Florian Neuhaus und Maximilian Eggestein sind Mittelfeldspieler mit einer exzellenten Technik und einem hervorragenden Passspiel. Zumindest einer aus diesem Trio müsste es schaffen bis in die internationale Klasse. Wobei keiner der drei eine besonders ausgeprägte Antrittsschnelligkeit und Tempohärte ausweist.

Aufsteiger Waldschmidt

Und dann ist da noch der Aufsteiger. Luca Waldschmidt. Sieben Turniertore. Das ist auffällig. Eine Entwicklung mit Verzögerung. Nach der Jugendzeit und Profi-Anfängen bei Eintracht Frankfurt aussortiert, beim schwierigen Hamburger SV nicht durchgestartet. Und nun war er im ersten Jahr beim SC Freiburg erstmals ein Bundesliga-Startelfstürmer.

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Wo soll man Waldschmidt einordnen? Ein umtriebiger hängender Mittelstürmer, ein verkappter, oft ins Zentrum ziehender Außenstürmer? Beides. Feine Ballverarbeitung, geschickt im Dribbling, gutes Tempo, überragende Schusstechnik mit dem starken linken Fuß. Torgefährlich. Was dem feingliedrigen Kerl noch fehlt, das ist der letzte Durchsetzungswille im Zweikampf, die physische Wucht in den Angriffsaktionen, die verlässliche Konstanz auf hohem Niveau. Das Turnier in Italien wird den 23-Jährigen auf jeden Fall auf ein neues Level heben, Überzeugung und Selbstverständnis nach vorne treiben. Potenzial Weltklasse? Ein künftiger Konkurrent für Timo Werner, Gnabry und Sané? Das lässt sich erst dann absehen, wenn sich Waldschmidt demnächst bei einem höher angesiedelten Klub durchsetzen muss.

Ob diese U21 nun das Finale gegen Spanien gewinnt oder verliert, das ist zweitrangig. Als Gemeinschaft hat diese Generation jetzt schon überzeugt. Die nötigen individuellen Fortschritte lassen sich nicht prognostizieren.