Rehberg: Die Kunst des positiven Denkens bei Mainz 05

05-Trainer Martin Schmidt. Foto: dpa

Mainz 05 ist mittendrin im Abstiegskampf, rotiert in einer Negativspirale. Der Kopf und der Körper sind bei den Spielern blockiert, Automatismen funktionieren nicht mehr. Doch...

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. Die Kunst im Abstiegskampf besteht darin, sich von einer negativen Vergangenheit nicht auch noch die Zukunft kaputt machen zu lassen. Wer in diese Situation im Tabellenkeller gerät, der hat über mehrere Wochen hinweg Enttäuschungen erlebt. Die 05er haben nun fünf Spiele hintereinander verloren, sie sind in der Rückrunden-Tabelle mit acht Zählern auf den vorletzten Rang abgerutscht - und im Gesamtklassement haben die Mainzer nur noch einen Punkt Vorsprung vor dem ersten direkten Abstiegsplatz. Das sind die Fakten. Das ist die Gegenwart. Die Zukunft? Das Heimspiel am Ostersamstag gegen Hertha BSC Berlin.

Nun sind wir Menschen derart gestrickt, dass wir negativen Erlebnissen eine größere Bedeutung beimessen als positiven. Das wirkt noch stärker, wenn die positiven Ereignisse schon ein wenig länger zurückliegen. Demnach haben die 05-Profis in diesem Moment Probleme, sich zu vergegenwärtigen, dass ihr Leistungsvermögen in der Hinrunde für ordentliche 21 Punkte ausgereicht hat. Ja, werden jetzt viele sagen: Da war Yunus Malli noch da! Stimmt. Der im Winter zum VfL Wolfsburg gewechselte Tempodribbler war an vielen Ergebnissen beteiligt. In erster Linie mit gut getretenen Eckbällen… In Topform ist der türkische Nationalspieler nie aufgetreten – und das gelingt ihm seitdem auch nicht in der VW-Stadt.

Kein "Schlag den Raab"

Lassen wir das. Die 05er haben nun sechs Spiele unter dem Markenzeichen „Abstiegskampf“. Das ist eine Belastung. Aber immer noch „nur“ Fußball. Die Spieler machen das, was sie in ihrem Leben am besten können. Das ist kein „Schlag den Raab“, ein Wettbewerb, in dem die Kandidaten in unterschiedlichsten Übungen ab und zu zwangsläufig scheitern mussten. Die Spieler beherrschen ihre Sportart. Auch als Mannschaft. Aber die Krisensituation erschwert den freien Zugang zu den Fähigkeiten.

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Und dann kommt die Psychomotorik ins Spiel. Das ist eine Sportwissenschaft, die den Zusammenhang herstellt zwischen Gedanken/Emotionen und Bewegung. Einfach ausgedrückt: Eine belastete Psyche hat Auswirkungen auf unser Bewegungsverhalten – und ein als negativ auffällig oder fehlerhaft empfundenes Bewegungsverhalten hat Einfluss auf unsere Psyche. Jeder von uns kennt diesen Kreislauf. Der eine aus dem Turnunterricht, der andere aus dem Schwimmbad, der eine aus der Fahrschule, der andere aus der Tanzschule. Und manches Mädchen aus dem von den Eltern aufgezwungenen Ballettunterricht. Also, für diese Erfahrungen muss man kein Leistungssportler sein.

Das Wissen über das eigene Können hilft

Wie durchbrechen wir Hobbyartisten diesen Kreislauf? In der Regel dadurch, dass wir uns diesen blöden Situationen entziehen. Einfach wegbleiben, schwänzen, Atteste besorgen, abtauchen. Das kann der Fußballprofi nicht. Aber der hat einen Vorteil: Er weiß, dass er im Umgang mit dem Ball grundsätzlich ein Könner ist - und er weiß, dass er Wettkampfsituationen schon in vielen, vielen Spielen gut bis glänzend gemeistert hat. Dieses Wissen hilft: Ich kann das - aber im Moment habe ich das Gefühl, dass mir einer die Stecken in die Speichen hält, das Glück rennt mir auch nicht gerade hinterher, den anderen gelingt alles und die Situation wird immer bedrohlicher… Diese negativen Gedanken und Gefühle sind es, die bei Leistungssportlern zu längeren Misserfolgsphasen führen.

Wie schaffen Mannschaftssportler in diesen Momenten wieder den freien Zugang zu ihrem Leistungsvermögen und zu einem positiven, nach vorn gewandten Denken? Zunächst einmal: Das ist nicht unmöglich – das geht, das ist zu schaffen, das haben viele andere Mannschaften schon vorgemacht. Dafür braucht es einen glasklaren Ansatz. Eine Idee. Die 05er könnten sich zum Beispiel für diese Methode entscheiden: Tabelle ignorieren, den schwer beladenen Rucksack ablegen, ein paar Videos aus besseren Zeiten anschauen, das gerade neu entstehende Gemeinschaftsgefühl in dieser Stadt aufsaugen und das mobilisieren, was ein früherer 05-Profi mal die „Arroganz im Misserfolg“ nannte. Damit wollte er ausrücken: Ich bin gut, wir sind gut, ich kann das, wir können das – auch wenn wir gerade mal ein paar Spiele verloren haben. Da geht es um die Mobilisierung des Glaubens an die immer mögliche Wirksamkeit des eigenen Könnens - auch in Phasen ohne gute Ergebnisse.

Die große Wettbewerb-Bastelei

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Und dann gibt es da noch die Konfrontationsmethode. Man bastelt sich seinen eigenen Wettbewerb. Eine Turnierform mit fünf Mannschaften über sechs Spieltage. Der Hamburger SV, der VfL Wolfsburg, Mainz 05, der FC Augsburg und der FC Ingolstadt spielen einen direkten Absteiger und einen Relegationsteilnehmer aus. Die Rangfolge vor dem Start: 1. HSV (33 Punkte/Torverhältnis minus 23), 2. Wolfsburg (30 Punkte/minus 15), 3. Mainz 05 (29 Punkte/minus 11), 4. Augsburg (29 Punkte/minus 19), 5. Ingolstadt (28 Punkte/minus 16). Wir sehen: Das Mainzer Torverhältnis ist im Moment noch einen Bonuspunkt wert.

Jeder weiß, dass es in diesem Wettbewerb von Wochenende zu Wochenende zu Verschiebungen kommen wird. Das Ziel für die 05er: Ein Endspiel am letzten Spieltag in Köln mit der Chance, mit einem Remis oder einem Sieg den dritten Platz in diesem Turnier erreichen zu können. Eine vorzeitige Erlösung ist nicht unmöglich, aber auch nicht überragend wahrscheinlich. Also sollte man sich von der Hoffnung auf eine frühzeitige Rettung verabschieden. Diskussionen, wer in diesem Turnier die schwereren oder vermeintlich leichteren Gegner vor der Brust hat, machen überhaupt keinen Sinn. Entscheidend ist, dass sich die 05er von einem zwischenzeitlichen Vorsprung oder Rückstand nicht beeindrucken lassen. Dieses Rennen wird auf Strecke entschieden. Was zählt, das ist die Schaffung einer möglichst günstigen Ausgangsposition für den Finaltag am 20. Mai. Negative Gedanken und Gefühle haben bis dahin keinen Platz mehr. Die Chancen stehen 51:49. Die 05er saßen zu diesem Zeitpunkt schon auf steileren Rampen.