Rehberg: Die Entscheidung naht - Saisonfinale mit Europa-Option

Gladbach-Coach Lucien Favre. Foto: dpa

Die Entscheidung naht. Der FSV Mainz 05 greift auf dem Weg in die Europaliga am kommenden Samstag bei Borussia Mönchengladbach den sechsten Tabellenplatz an. Der Gegner hat...

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. Thomas Tuchel weiß noch nicht, ob er die Vorteile von Platz sechs in der Endplatzierung thematisieren wird in der Vorbereitung auf die Partie des FSV Mainz 05 am kommenden Samstag bei Borussia Mönchengladbach. Die 05er liegen als Tabellensiebter aktuell zwei Punkte hinter dem Gegner. Das heißt: Schon ein Remis würde für ein spannendes Finale sorgen, denn am letzten Spieltag müssen die Gladbacher zum Champions-League-ambitionierten VfL Wolfsburg, die 05er empfangen den auswärtsschwachen Abstiegskandidaten Hamburger SV.

Der 05-Coach wird seine Motivationsstrategie von der Stimmung innerhalb seiner Mannschaft abhängig machen: Kann die Aussicht auf Rang sechs als zusätzlicher Anreiz dienen - oder könnte sich damit bei den Spielern ein hemmendes Überforderungsgefühl einstellen am Ende einer Topsaison? Die Beantwortung dieser Frage wird der 40-Jährige in dieser Woche seismografisch ausloten.

Gladbach mit außergewöhnlichem Spielstil

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Kein Weg vorbei geht an der fußballstrategischen Ausrichtung. Der Auftritt in Mönchengladbach ist auch von daher eine interessante Auswärtsaufgabe, weil die Mannschaft von Trainer Lucien Favre einen in der Bundesliga sehr außergewöhnlichen Spielstil pflegt. Streng genommen ist das ein defensiv geprägter Ansatz. Die Gladbacher bringen in nahezu jeder Situation sehr schnell sehr viele Leute hinter den Ball. Da steht dann ein vielbeiniger, enger, das Zentrum verdichtender Block, der stark nach vorne rausschiebt und mit der letzten Reihe jede Gelegenheit nutzt, den Gegner ins Abseits zu stellen.

Spiel am Niederrhein eine "sehr komplexe Aufgabe"

Nach der Balleroberung können die Gladbacher sehr schnell und geradlinig umschalten in die Offensive, das Team ist aber auch in der Lage, mit vielen direkten Kontakten technisch hochwertig zu kombinieren auf dem Weg in die torgefährlichen Räume. Letzteres geschieht dann über die Mitte und die Halbräume, in denen sich die zentralen Offensivspieler Max Kruse und Raffael dem Zugriff durch die gegnerischen Innenverteidiger entziehen. Da mischt dann auch der technisch brillante Linksaußen Arango mit, während der flinke Rechtsaußen Patrick Hermann eher an der Seitenlinie auf Anspiele in die Tiefe lauert.

"Eine sehr komplexe Aufgabe", sagt Tuchel, "für die wir eine Grundordnung suchen, in der wir wenig nachdenken müssen." Denn es gehe in der Verteidigung der Gladbacher Spielweise in hohem Maße um Handlungsschnelligkeit. Wenn man da im Zweikampf einen Schritt zu spät komme, dann ziehe das schnell eine Kettenreaktion nach sich, dann komme der nächste Abwehrspieler auch einen Schritt zu spät, "und schon sind die in unserem Strafraum". Schon beim 0:0 in der Coface Arena habe es gegen diesen schwer zu greifenden Gegner einer extrem laufstarken und konzentrierten Leistung bedurft.

Chelsea-Catenaccio als Rezept?

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Stellt sich die Frage, ob man einem derart technisch versierten und flinken Umschaltmonster nicht wirksam begegnen könnte mit einem Catenaccio-Ansatz: Tief stehen, das Zentrum verbarrikadieren, den eigenen Strafraum verrammeln, dem Gegner die Auslaufräume zustellen. So wie das zuletzt der extrem pragmatisch denkende Jose Mourinho praktiziert hat mit dem FC Chelsea beim 0:0 in der Champions League bei Atletico Madrid oder auch beim 2:0 in der Premier League im Spitzenspiel beim ebenso verzweifelt wie vergeblich anrennenden Spitzenreiter FC Liverpool. "Chelsea treibt das auf die Spitze", analysierte Tuchel gestern. Der Kollege Mourinho liebe weniger das Spiel an sich, als mehr das Ergebnis. Das sei definitiv nicht verboten, "aber für uns wäre das nichts". Warum? Wenn man in Mainz fünf Jahre die mutige und aggressive Nachvorneverteidigung predige als Trainer, dann habe man keine Spieler ausgebildet, die die notwendige Mentalität mitbringen für eine erfolgreiche Spielweise mit einer tief stehenden Betonabwehr und mit mickrigen 20 Prozent eigenem Ballbesitz.

Tempodribbler auf der Höhe des Linksverteidigers

Chelsea habe eben die Spieler, die abgebrüht einen gegnerischen Dauerdruck aushalten, die mit Seelenruhe seitliche Flanken zulassen und mit drei, vier Mann im eigenen Fünfmeterraum die hohen Bälle serienweise aus dem Strafraum köpfen. Spieler, die emotional nicht wegbrechen, wenn sie nur alle 20 Minuten mal eine eigene Abschlussszene haben. Spieler, die sich in erster Linie darüber definieren, dass hinten die Null gehalten wird. Stürmer, die kein Problem damit haben, mehr in der eigenen Hälfte auf Höhe des Außenverteidigerkollegen zu arbeiten, denn in der Offensive Wirkung zu erzielen.

Nehmen wir als Beispiel Ex-05-Stürmer André Schürrle, ein begnadeter Tempodribbler, der beim ergaunerten Chelsea-Sieg in Liverpool fast nur an der Seite von Linksverteidiger Ashley Cole doppelte und Passwege zustellte.

Nein, das ist mit dem von Pep Guardiola inspirierten Ballbesitzliebhaber Tuchel nicht zu machen. Der Erfolg weist aus, dass der 05-Coach mit seiner mutigen Spielweise nicht falsch liegt. Dass die 05er am Samstag in Gladbach Rang sechs angreifen dürfen, das hat damit zu tun, dass die Mainzer sehr flexibel verteidigen und sehr flexibel angreifen können. Die Umschaltkünstler von Borussia Dortmund haben die weit nach vorn verschobene Verteidigung der 05er zuletzt gnadenlos ausgenutzt. Viele andere Gegner haben das nicht geschafft. Wobei die Ballbesitzqualität der 05er im Signal-Iduna-Park miserabel war. Das lässt sich gegen die Gladbacher, die ihre Pressinglinie deutlich tiefer anlegen als etwa die Dortmunder, steigern. Da liegt der Schlüssel.

50 Punkte weisen Mainz 05 den Weg

"Selbst wenn wir der Überzeugung wären, dass der Chelsea-Ansatz gegen Gladbach der richtige wäre", erklärt Tuchel mit Überzeugung, "wir würden es nicht machen." Die 05er werden vorne anlaufen, nachschieben, dahinter anlaufen, pressen, weiter nachschieben - und mit der flexibel nach vorne malochenden Abwehrreihe dem Gegner 30, 40 Meter Spielraum abschneiden. 50 Punkte nach 32 Spieltagen weisen den Weg.