Rehberg: Die Eintracht steht vier Schritte vor dem Abgrund

Mit einem glänzenden Solo bereitete Jairo gegen Eintracht Frankfurt das 2:0 von Yunus Malli im Hinspiel vor. Foto: Harald Kaster

Am Sonntag steigt das Rhein-Main-Derby in Frankfurt. Mainz 05 spielt bei der abstiegsbedrohten Eintracht. Unser Blogger Reinhard Rehberg erwartet ein Spiel mit unterschiedlichen...

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. Das Buch liegt offen auf dem Tisch. Es gibt keine Geheimnisse, es gibt keine Unklarheiten. Am Sonntagabend sind 50.000 Zuschauer in der Frankfurter Arena, und jeder Einzelne weiß, was die Stunde geschlagen hat: Die Eintracht muss gewinnen, die 05er wollen gewinnen – und wenn sich das nicht selten erlebte Derby-Remis ereignet, dann nutzt das den Mainzern mehr als den Frankfurtern. Eine Diskussion zu führen, wer da Favorit oder Außenseiter ist, erübrigt sich. Uninteressant. Jeder weiß, wie diese brisanten Duelle zwischen regionalen Nachbarn immer wieder ablaufen. Oft wird es hitzig, hektisch, kämpferisch und taktisch. Und dann können vermeintlich deutliche Qualitätsunterschiede komplett verschwimmen.

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Die 05er werden gut beraten sein, sich möglichst überhaupt nicht mit dem mentalen Zustand des Gegners zu beschäftigen. Die Eintracht steht vier Schritte vor dem Abgrund, das Erreichen des Relegationsrangs gilt längst als Maximalziel. Die Mannschaft hat sich unter dem neuen Trainer Niko Kovac stabilisiert, die Organisation in der Arbeit gegen den Ball ist besser geworden, das Aufbauspiel hat mehr Struktur, die Messdaten weisen bessere Sprintwerte aus. Das Manko in dieser sich von Wochenende zu Wochenende verschärfenden Drucksituation bleibt der Torabschluss. Doch darauf können sich die Mainzer nicht verlassen. Niemand weiß, welche Blockaden sich lösen, wenn die Eintracht nach langer Zeit einfach mal wieder in Führung geht, und sei es durch ein zuvor zweimal abgefälschtes Dödeltor. Dann reagiert die Kulisse in der Commerzbank Arena, die Spieler spüren die emotionale Verstärkung durch das Erfolgserlebnis – und schon kann ein Spiel diese berühmte Eigendynamik bekommen. Hat man alles schon erlebt. Auch und gerade in einem Derby. Das ist nicht immer beeinflussbar.

Ohne Malochermentalität geht es nicht

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Zugriff haben die 05er in jedem Fall auf ihr eigenes inhaltliches Paket. Und auf die Bereitschaft, in welcher Intensität diese Prinzipien auf den Rasen gebrannt werden. Das Team hat beim jüngsten 2:3 gegen den 1. FC Köln die wichtige Erfahrung gemacht, dass es in den Basiselementen keinen Spielraum nach oben geben darf. Laufbereitschaft, Sprintqualität, enge Abstände zwischen den Linien, aggressive Zweikämpfführung, konstruktive und präzise Lösungen im Aufbauspiel, geradlinige und zielstrebige Züge zum gegnerischen Tor, Malochermentalität, ohne das geht es nicht. Aber diese Mannschaft hat genügend positive Bilder aus dieser Erfolgssaison im Kopf, um direkt wieder den Zugang zur eigenen Identität zu finden. Und eine Beißhemmung gegen den schon auf der Intensivstation liegenden Patienten aus der Nachbarschaft kann man ausschließen.

Die Frage wird sein, was die Eintracht anbietet an diesem Tag und in dieser Situation. Zuletzt hatte es Kovac mit einer 4-1-4-1-Anordnung versucht. Beim 0:3 in Leverkusen hatte sich die Mannschaft hinter der Mittellinie in einem engen Block in der eigenen Hälfte verschanzt und auf Kontermöglichkeiten gelauert. Nun stehen die Frankfurter unter Siegzwang. Dass Kovac den Mainzern komplett den Ball überlässt, das ist von daher nicht wahrscheinlich. Angriffspressing in einem extrem weit nach vorn verschobenen System wird der Kroate aber auch nicht gleich anordnen. Da dürfte der Respekt vor der offensiven Umschaltqualität der 05er eine Rolle spielen.

Es geht um den größeren Durchsetzungswillen

Zu erwarten ist, dass es unterschiedliche Phasen geben wird in dieser Partie. Mal werden die Gastgeber mehr Ballbesitz haben, mal die Gäste. Und dann wird es um Kompromisslosigkeit im Defensivverhalten, um die Balleroberungsquote im Mittelfeld und um den größeren Durchsetzungswillen im Angriffsdrittel gehen. Am Ende natürlich auch um die Effizienz im Abschluss. Wer in Führung geht, der sollte in diesem Derby einen ganz großen Vorteil haben.

Die 05er können sich behaupten in diesen eher unrhythmischen Auseinandersetzungen. Sollte Danny Latza noch nicht fit sein für das Derby, dann wird Fabian Frei im Zentrum auflaufen. Der Schweizer kann entschlossener und selbstbewusster auftreten als in seiner wenig überzeugenden halben Stunde gegen die Kölner. Frei erinnert ein wenig an Andy Ivanschitz: Großes Potenzial, aber nicht konsequent und konstant abgerufen.

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Frei ist kein Zweikampfmonster

Frei ist kein Zweikampfmonster, wird er wohl auch nicht mehr werden. Aber es macht einen Unterschied, ob der in der Champions League gestählte Mittelfeldspieler nur in einer selbst gewählten tiefen Position seine Zone abdeckt, oder ob er mutig nach vorne anläuft, Bälle blockiert und/oder Passwege zustellt, Fehlabspiele provoziert. Darauf wird es im Derby ankommen. Mit seinen strategischen Fähigkeiten, insbesondere mit seinen diagonalen Seitenverlagerungen kann Frei, wenn er wach ist, wenn er aktiv ist, wenn er Mentalität zeigt, der Eintracht auf jeden Fall weh tun.

Und es wäre für die 05-Statik auch günstig, wenn Gaetan Bussmann rechtzeitig fit wird. Dann könnte Giulio Donati wieder rechts verteidigen, da fühlt sich der giftige Italiener wohler. Der Franzose hat seinen großen Wert mit seiner bedingungslosen Kampfbereitschaft und mit seinen permanenten intensiven Läufen die Linie lang. Bussmann ist ein Typ. Kein Riesenpotenzial, aber immer am oberen Limit seiner Schaffenskraft.

Und sollte die Eintracht erneut im 4-1-4-1 antreten, dann sollte Yunus Malli aufdrehen. Dann muss ein Frankfurter Sechser die Linie zwischen den beiden Viererreihen alleine beackern, das bietet dem Mainzer Zehner Räume und Entfaltungsmöglichkeiten. Die Zeit ist gekommen, dass Malli mal wieder seine mentalen Grenzen sprengt und feurig seine Tempodribblings und seine Torgefährlichkeit auspackt. Einen Spieler mit diesen spielerischen Fähigkeiten hat die Eintracht nicht in ihren Reihen. Auch das kann in einem zu erwartend engen Derby den Unterschied ausmachen.