Rehberg: Die Dortmunder sollten taktisch flexibler auftreten

BVB-Trainer Peter Bosz. Foto: dpa

Louis van Gaal, Rinus Michels, Huub Stevens: Holländischen Trainern eilt seit jeher ein sportlich exzellenter Ruf voraus. Das gilt auch für Peter Bosz, der derzeit mit einer...

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. Holländischen Trainern eilt von jeher ein sportlich exzellenter Ruf voraus. Sehr gut ausgebildet, insbesondere taktisch auf einem hohen Niveau, Anhänger des bedingungslosen Offensivfußballs, sehr prinzipientreu. Aber menschlich nicht einfach. Von Louis van Gaal heißt es noch heute, er sei als Oberlehrer beim FC Bayern - lange vor Pep Guardiola - der eigentliche Ideengeber für passsicheren Ballbesitzfußball in der Bundesliga gewesen. Doch ähnlich wie sein berühmter Vorgänger Rinus Michels, ein überragender Fachmann, der beim 1. FC Köln und später bei Bayer Leverkusen nicht sonderlich wohl gelitten war, verscherzte sich auch der „Tulpen-General“ van Gaal die Sympathie seiner Chefs durch ein herrisches bis überhebliches Auftreten.

Huub Stevens gewann mit dem FC Schalke 04 den Uefa-Pokal, den ein und anderen Bundesligisten rettete er vor dem Abstieg. Der „Knurrer aus Kerkrade“ galt nie als ein innovativer Fußballlehrer, sondern als ein Defensiv- und Disziplinfanatiker, der Spieler mit seinen fast väterlichen Führungsqualitäten unter Strom setzen konnte.

Bosz gilt als Vertreter des „Fußball total“

Nun erleben wir bei Borussia Dortmund Peter Bosz. Der Holländer ist 53 Jahre alt, er gilt als Vertreter des von Johan Cruyff begründeten „Fußball total“, aber er hat noch nie in seiner langen Karriere einen Titel gewonnen. Halt, das stimmt nicht ganz: Bosz war mal mit seinem Heimatverein AGOVV Appeldoorn holländischer Amateurmeister. Als er danach in den Profifußball wechselte, stieg er mit De Graafschap als Tabellenletzter aus der Ehrendivision ab. Sein größter Erfolg: Er erreichte 2016/17 mit Ajax Amsterdam das Finale der Europaliga.

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Und jetzt führt dieser Bosz mit einer in Teilen noch sehr jungen Dortmunder Mannschaft die Tabelle der Bundesliga an. Am vergangenen Wochenende ist der Vorsprung des BVB gegenüber dem Titelfavoriten FCB von fünf auf zwei Zähler geschrumpft. Bosz hat am 8. Spieltag mit seinem neuen Team das erste Liga-Spiel verloren. 2:3 gegen RB Leipzig. Das waren mitreißende 90 Minuten. Diese Spitzenpartie hätte leicht auch 4:4 enden können.

Gestohlen haben die Leipziger die drei Punkte nicht. Trainer Ralph Hasenhüttl hatte den BVB exzellent gelesen. Gerade die Lehrmeister aus Holland sind oftmals gut berechenbar. Auch Bosz richtet seine Spielanlage nahezu nie nach dem Gegner aus. Sein 4-3-3 mit einer extrem weit nach vorn verschobenen Verteidigung, sein Anspruch auf erdrückende Dominanz über eigenen Ballbesitz, seine Angriffsauflösung über schnelle Flügelstürmer – das steht wie in Stein gemeißelt. Daran änderte Bosz auch nichts, als es in der Champions League gegen Real Madrid ging. Die „Königlichen“ konterten den BVB im Signal Iduna Park aus nach allen Regeln der Kunst.

Das gelang nun auch dem Dosenklub aus Leipzig. Und das ohne den aktuellen deutschen Topstürmer Timo Werner, der wegen mentaler Überbelastung auf der Bank blieb. RB überstand mit etwas Glück auch die Unterzahlphase nach dem Platzverweis für den Defensivkämpfer Stefan Ilsanker. Peter Bosz gestand freimütig ein, seine Mannschaft habe an diesem Tag nicht gut Fußball gespielt. Hochachtung. Aber die Leipziger haben es mit ihrem giftigen Pressing und Gegenpressing den Dortmundern auch schwergemacht, spielerisch Dominanz aufzubauen. Darüber hinaus war erkennbar: Hätte der BVB im Angriff nicht einen Pierre-Emerick Aubameyang, diese geniale Mischung aus Turbosprinter und Abschlussmaschine, dann wäre das 4-3-3 von Bosz lange nicht so torgefährlich wie in diesen Wochen. Als Mannschaft waren die Leipziger stabiler, kompakter, beweglicher, variantenreicher.

Gegner werden sich auf Dortmunder Schablone einstellen

Viele Gegner werden sich fortan intensiv auf die Dortmunder Schablone einstellen. Ob Bosz dann einen Alternativplan in der Schublade hat, das wissen wir nicht. Wir ahnen, dass der Holländer stur an seinem 4-3-3-Prinzip, das schon Michels, Cruyff und Van Gaal zelebriert haben, festhalten wird. Natürlich sind die Dortmunder mit ihrer individuellen Qualität gegen viele Bundesligisten erhaben über Systemdiskussionen. Aber gegen gleichwertig bis besser besetzte Mannschaften könnte es für die Dortmunder förderlich sein, taktisch flexibler aufzutreten. Eventuell auch mal etwas tiefer zu verteidigen mit den nicht überragend antrittsschnellen Innenverteidigern Sokrates, Toprak oder Bartra und mit den nicht überragend schnellen und im defensiven Zweikampf nicht überragend aggressiven Mittelfeldspielern Mario Götze und Nuri Sahin.

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Das wird interessant. Wenn holländische Trainer nicht den angestrebten Erfolg haben, dann oft wegen ihrer taktischen Überzeugung bis an den Rand der Sturheit. Menschlich, auch in seiner öffentlichen Darstellung hinterlässt der vielsprachige Peter Bosz einen sehr angenehmen Eindruck. Holt der Holländer seinen ersten bedeutenden Titel ausgerechnet in Deutschland? Die Dortmunder spielen einen tollen Fußball. Der im Moment etwas eindimensional daher kommt. Wie dem auch sei: Aktuell tobt an der Spitze ein Kampf um den Titel – und diese Spannung tut der Bundesliga gut.