Rehberg: Die DFB-Elf als "Premium-Produkt"

Toni Kroos und Leon Goretzka jubeln über das 4:0 gegen Weißrussland. Foto: dpa

Ist die DFB-Elf noch attraktiv? Unser Kolumnist Reinhard Rehberg meint: Aus der deutschen Nationalmannschaft wurde ein elitärer Marketing-Kosmos konstruiert. Ohne Not.

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. Das Thema wird heiß diskutiert: Ist die deutsche Nationalmannschaft noch attraktiv? Länderspiele in Deutschland sind nicht mehr ausverkauft. Die Atmosphäre in den Arenen ist mau. Das jüngste 4:0 der Elf von Joachim Löw in Mönchengladbach gegen Weißrussland war kein stimmungsgeladenes Ereignis. Doch daran muss man die Entfremdung zwischen DFB und vielen Fußballanhängern nicht festmachen.

Qualifikationsspiele gegen dramatisch unterlegene Gegner waren für die Zuschauer von jeher nur bejubelte Erlebnisse, wenn das deutsche Team Schützenfeste organisiert hat. Das passiert mal. Aber nicht oft. Krasse Außenseiter, die minutenlang mit sämtlichen Feldspielern nichts anderes tun, als die eigene Spielhälfte zu besetzen und den eigenen Strafraum abzuriegeln, kombiniert man nicht wie selbstverständlich aus den Schuhen. Das kann zäh werden ohne ein frühes Führungstor. Das war schon immer so. Und das wird, unabhängig von der aktuellen Qualität des Favoriten, ewig so bleiben.

"Die Mannschaft" - ein "Premium-Produkt"?

Womit sich Oliver Bierhoff und der DFB beschäftigen müssen, das ist die Präsentation der Nationalmannschaft. Ab dem Tag, als Bierhoff den Begriff „Premium-Produkt“ eingeführt hatte, war erkennbar, dass der Weg in die falsche Richtung geht. Denn da war nicht mehr von einem Volkssport die Rede, der viele Menschen emotional einfängt und verbindet. Sondern: Aus der Nationalmannschaft wurde ein elitärer Marketing-Kosmos konstruiert. Ohne Not.

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Fußball muss aber immer nahbar bleiben. Das betrifft Eintrittspreise, die sich eine Familie mit „Normaleinkommen“ leisten kann. Das betrifft Anstoßzeiten, die es Kindern und Jugendlichen erlauben, nach dem Stadionbesuch vor 22 bis 23 Uhr wieder zu Hause zu sein. Das betrifft die Möglichkeit, Spielern nahe kommen zu können, sei es bei öffentlichen Trainings, sei es rund um das Mannschaftshotel, sei es bei öffentlichen Veranstaltungen. Das betrifft die Sprache, mit der die sportlichen Hauptdarsteller in und mit der Öffentlichkeit kommunizieren. Und vielleicht gehört dazu auch ein übertragender Fernsehsender, der die Konsumenten nicht dauerbelästigt mit ausgedehnten und sich ständig wiederholenden Werbeblöcken.

Natürlich hat emotionale Bindung auch zu tun mit der Strahlkraft von Stars und mit der Wirkung von sportlichem Erfolg. Welcher aktuelle DFB-Spieler besitzt diese besondere Ausstrahlung? Da kommen wir auf Manuel Neuer und auf Toni Kroos. Die beiden letzten verbliebenen Leistungsträger des Weltmeisters von 2014. Neuer ist ein Sympathieträger, aber als Torwart bringt man eher selten ein Stadion in Ekstase. Kroos ist ein brillanter Mittelfeldspieler mit Technik und Organisationstalent, von seinem gezügelten Temperament her ist der Star von Real Madrid aber nicht die ideale Projektionsfigur für emotionale Erregung und Identifikation.

Nicht zu viel Druck erzeugen vor der EM 2020

Alle anderen Profis aus dem verjüngten DFB-Kader müssen sich erst noch die besondere Anerkennung erarbeiten. Über Leistung, über Verlässlichkeit, über hohes Engagement, über Siege, über Turniererfolge. Das ist ein ganz normaler Entwicklungsprozess. Der gerade erst begonnen hat.

Da macht es auch wenig Sinn, wenn RTL-Experten wie Jürgen Klinsmann und Steffen Freund Druck erzeugen vor der EM 2020: Deutschland müsse immer Favorit sein und den Titel im Auge haben. Großer Unfug. Einer im Aufbau befindlichen jungen Mannschaft Raum schaffen für eine mögliche Überraschung beim Turnier, das sollte die Überschrift sein für dieses Projekt.