Rehberg: Die Demut steht dem Deutsche Fußball gut zu Gesicht

Dortmunds Jadon Sancho (links) und Achraf Hakimi (rechts) tragen einen Trikot mit dem Schriftzug «Justice for George Floyd». Mönchengladbachs Marcus Thuram kniet nach seinem Tor zum 2:0 auf dem Rasen. In der Fußball-Bundesliga gab es am Wochenende Solidaritätsbekundungen von Spielern, die nach dem Tod von George Floyd ein Zeichen gegen Rassismus setzen wollten.  Foto: Lars Baron/Getty Images Europe/Pool/dpa

Corona schafft ein gesellschaftliches Klima, in dem wieder mehr diskutiert wird, mehr gestritten wird. Ein Klima, das es gerade auch möglich macht, dass der von jeher eher...

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. Corona verändert. Corona schafft ein gesellschaftliches Klima, in dem wieder mehr diskutiert wird, mehr gestritten wird. Ein Klima, in dem um gute und bessere Lösungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und aus unterschiedlichen ethisch-moralischen und/oder politischen Positionen heraus gerungen wird. Ein Klima, das es gerade auch möglich macht, dass der von jeher eher konservative Deutsche Fußball-Bund die Proteste auf den Bundesliga-Spielfeldern gegen die Auswüchse des Rassismus in den USA nicht sanktioniert.

Die demütige Haltung, die der Profifußball gerade lebt, weil alle Beteiligten froh sind, dass der Liga-Betrieb fortgesetzt werden durfte, hat die liberale Einstellung der DFB-Funktionäre zu den Protestaktionen sicher begünstigt. Die Vermutung ist nicht weit hergeholt: Ohne Corona wäre die Diskussion um Weston McKenney, Marcus Thuram & Co eher in die Richtung gelaufen, dass politische Botschaften im Rahmen eines Wettkampfgeschehens den Statuten nach nun mal verboten sind. Jetzt zeigt sich DFB-Präsident Fritz Keller so euphorisch, dass er quasi schon zum verantwortungsvollen Ungehorsam aufruft. Eine ebenso erstaunliche wie wohltuende Entwicklung.

Der Vater des politischen Protestes im Fußballstadion ist Socrates. Das ist jener Mittelfeldkünstler, der bei der WM 1986 als Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft zu jedem Spiel mit einem Stirnband auflief, das bedruckt war mit immer anderen Botschaften. Mal stand da zu lesen „No Violence“ (keine Gewalt), mal „People Need Justice“ (Menschen brauchen Gerechtigkeit). Oder er signalisierte den Menschen im Gastgeberland, das gerade eine schwere Erdbebenkatastrophe erlebt hatte: „Mexiko steht noch!“

Im Liga-Betrieb setzte sich Socrates für die Demokratie in seinem Heimatland ein. Da rief er zum Beispiel mit seiner Mannschaft von den Corinthians Sao Paulo mit einer Aufschrift über der Trikotnummer die Menschen dazu auf, wählen zu gehen. Das war 1982, kurz vor den ersten zumindest halbwegs freien Wahlen in Brasilien nach dem Ende der Militärdiktatur. Was hätte Dr. Socrates, der die WM 1978 hatte sausen lassen, weil er lieber sein Medizinstudium vorantreiben und zum Abschluss bringen wollte, heute zu sagen zu einem populistischen und selbstherrlichen Präsidenten wie Jair Bolsonaro? Die Stimme von Socrates fehlt in Brasilien. Der sensible Kinderarzt ist 2011 im Alter von 57 Jahren gestorben. Sein Leben ist ihm entglitten. Der Alkohol.

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Fußball kann eine Macht sein. Fußballstars können Einfluss nehmen und Verantwortung tragen. Warum nicht auch gesellschaftspolitisch? Und vor allem auch beim Thema Rassismus, dem unheilvollen Erbe der Sklaverei in Amerika. Der unabhängig denkende und mitfühlende Fußballer hat natürlich das Recht, eine Haltung kundzutun.

Das Problem: Leider tun das auch Anhänger von autokratischen Politikführern und antidemokratischen Regierungsformen. Wir erinnern uns an die türkische Nationalmannschaft. Deren Spieler im Herbst 2019 während eines Länderspiels beim Abspielen der Nationalhymne und nach Toren salutierten. Gedacht als militärischer Gruß an die heimischen Soldaten, die gerade in die - vorwiegend von Kurden bewohnten - Gebiete in Nordsyrien einmarschiert waren. „Wir sind an der Seite unseres heldenhaften Militärs und der Armeen, unsere Gebete sind mit euch!“, schrieb der türkische St.-Pauli-Profi Cenk Sahin in den sozialen Medien. Der Zweitligist stellte den Profi umgehend frei.

Wir erkennen: Politische Signale auf dem Fußballplatz sind nicht frei von Konfliktpotenzial. Doch das sollte die aktuelle Anti-Rassismus-Bewegung nicht bremsen.